Fiona Tan. „Geografie der Zeit“ im MMK Frankfurt

Das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main zeigt in „Geografie der Zeit“ bis zum 15. Januar 2017 rein filmische und neuere installative Arbeiten der in Amsterdam und Los Angeles lebenden philippinischen Künstlerin.

Fiona Tan ist in vielen Kulturen zu Hause. Wollte man ihr Werk mit nur zwei Worten beschreiben, so wären dies möglicherweise „Vielschichtigkeit“ und „Beziehungsreichtum“. Bekannt geworden ist Tan mit Video-Arbeiten. Jetzt ist in ihrer Ausstellung im MMK in Frankfurt zu entdecken, wie diese in den letzten Jahren durch skulpturale Ergänzungen zusehends eine Erweiterung hin zu Environments erfahren.

Diese veränderte gestalterische Strategie wird bereits auf äußerst pfiffige Weise bei der in der zentralen Halle des Museums aufgebauten Arbeit „1 to 87“ von 2014 deutlich: Sie zeigt eine in provisorischer Form auf allerlei Gerümpel errichtete Modelleisenbahn. Der Titel des Werks verweist auf den Maßstab 1 : 87, der Modelleisenbahnfreunden als die Nenngröße H0 bekannt ist. Die Installation stellt eine vor einem strahlend blauen Himmel befindliche Landschaft mit einem malerischen Örtchen dar, durch welche eine Eisenbahn fährt. Dies ist zumindest der allererste Eindruck. Doch der schöne Schein trügt gewaltig: Was bei gewöhnlichen Eisenbahnlandschaften in der Regel eine höchst biedermeierliche Kitschversion einer idealtypischen Landschaft ist, erscheint bei Tan zutiefst ambivalent und gegenwärtig. So verweisen einige in der Landschaft stehende Windkraftanlagen eindeutig auf unsere heutige Zeit. Darüber hinaus deutet eine Fabrikanlage mit einem rauchenden Schlot darauf hin, dass hier mitnichten alles ideal ist. Aber nicht nur das: Sobald man näher an dieses Modellbauörtchen herantritt, ist zu sehen, dass vor der Fabrik Zelte mit Demonstranten aufgebaut sind – Occupy lässt schön grüßen! Ein kleines Video ist in die Installation in Gestalt der Leinwand eines Autokinos integriert: Dort laufen anstelle von fröhlichen Hollywoodfilmen, apokalyptische Naturszenarien ab.

Alles andere als erfreulich, präsentiert sich die Gegenwart ebenfalls in dem aus drei Einzelräumen zusammengesetzten Environment „Ghost Dwellings I-III“ von 2014: Jeder der drei Einzelräume stellt einen Wohnraum dar, dessen Bewohner sich offenbar obsessiv der Ergründung einer zeitgenössischen Katastrophe verschrieben hat. Im ersten Raum handelt es sich um den langsamen Verfall der einst stolzen „Motor City“ Detroit, die infolge des Niedergangs der dortigen Automobilindustrie 2013 ihren Bankrott erklären musste. Die Wände es Zimmers sind übersät mit Zeitungsausschnitten aus aller Welt. Ein Buchregal zeigt Werke von Aldous Huxley bis Michael Moore. Auch vielerlei verstreuter Krimskrams darauf hin, dass hier jemand verzweifelt ein Geheimnis zu ergründen versucht. Dazu zeigt ein Monitor ein Video von verfallenen Fabrikgebäuden in Detroit.

Der folgende Raum behandelt die Folgen des Platzens der Immobilienblase 2008 im irischen Cork: Ein Video zeigt wie Geisterstädte wirkende unfertige Neubausiedlungen, die vielleicht niemals bezogen werden. Der dritte Raum ist den Auswirkungen der kombinierten Natur- und Atomreaktorkatastrophe im japanischen Fukushima von 2011 gewidmet. Analog zur Unwirtlichkeit des radioaktiv versuchten Ortes ist dieser Raum auffallend karg. Die drei Räume sind durch von der Künstlerin gestaltete Rolltore zu einem Gesamtensemble von Räumen in einem Mietlager zusammengefasst, wie sie überall in den USA anzutreffen sind. Hierzu bemerkt die Künstlerin, dass dort heute viele Menschen illegal leben würden, die nach dem Platzen der Immobilienblase ihr Haus verloren haben.

Sowohl räumlich, als auch inhaltlich diesem deprimierenden Triptychon gegenübergestellt ist die auf der anderen Seite des MMK-Hofes gelegene Videoinstallation „Diptych“. Diese besteht aus zwei Einzelräumen, die erneut durch Rolltore zu einer größeren Einheit zusammengefasst sind. Zugleich bezieht sich der Titel auf jeweils zwei in beiden Räumen in der Luft hängenden Flachbildmonitore. Diese zeigen Porträtaufnahmen von 15 eineiigen Zwillingspaaren, die Fiona Tan von 2006 bis 2011 auf der schwedischen Insel Gotland aufgenommen hat. Der Clou dabei ist, dass stets einer von zwei Zwillingen zeitgleich wie sein Gegenpart im Nachbarraum Räume gezeigt wird. Auf diese Weise sieht man niemals beide Zwillinge zur selben Zeit.

Zudem hat Tan peinlich genau darauf geachtet, bei jedem ihrer jährlichen Besuche dieselben Personen an genau den gleichen Orten aus der gleichen Perspektive heraus aufzunehmen. Was so sichtbar wird, ist eine erstaunliche Konstanz innerhalb einer minimalen Änderung in Form der langsamen Reifung der jungen Porträtierten. Fiona Tan beschreibt die Insel Gotland als ein beliebtes schwedisches Ferienziel und als einen idyllischen Ort, an dem sich nur sehr wenig verändert. So hatte die Künstlerin ursprünglich nur für den Fall gleich 15 Zwillingspaare ausgewählt, dass einige von ihnen im Laufe der Jahre den Ort wechseln würden. Dies geschah jedoch nur ein einziges Mal …

Neben diesen drei klar in der Gegenwart verorteten Arbeiten präsentiert Tan in Frankfurt drei Werke, die sich der Verbindung aus Historie und Imagination widmen: Die Arbeit „Nelli“ von 2013 ist ein fiktives Porträt von Rembrandts unehelicher Tochter, über deren Leben nur wenige Bruchstücke bekannt sind. Das Werk „Apocalyse“ von 2014 zeigt einen gewaltigen mittelalterlichen französischen Wandteppich, der Motive aus der biblischen Apocalyse mit Eindrücken aus den realen Gräueln des damals wütenden Hundertjährigen Kriegs verknüpft. In der Audioinstallation „Brender’s Isle“ von 2010 kommt Fiona Tan selbst zu Worte als die Erzählerin der Legende um die gleichnamige fiktive paradiesische Insel, die selbst Kolumbus auf seinem Weg nach Amerika zu finden hoffte.

Schließlich zeigt die große zentrale Videoinstallation „Rise and Fall“ von 2009 auf hohen senkrechten Bildträgern Aufnahmen einer jungen und einer älteren Frau, die beide dieselben Räume zu bewohnen scheinen. Die Art ihrer Beziehung – und damit verknüpft das Wesen der beiden Zeitebenen – liegt jedoch im Auge des Betrachters: Denkt die ältere Frau an ihr jüngeres Selbst zurück; stellt sich die jüngere Frau ihre eigene Zukunft dar oder imaginiert die junge Schreibende vielleicht lediglich eine ältere Romanfigur? Unterbrochen werden die stillen Interieurs von Aufnahmen strömenden Wassers, das in die tosenden Fluten der Niagarafälle mündet. Jene stellen für Fiona Tan eine Metapher für das gewaltsame Verströmen der Zeit – und dem, was dabei verloren geht – dar.

„Geografie der Zeit“ ist eine sehr gedankenreiche und zum eigenen Denken anregende Schau, die nur sieben Einzelarbeiten zu einem komplexen Gesamtgefüge vereinigt. Allen Werken gemeinsam ist Fiona Tans tiefe Auseinandersetzung mit dem Wesen der Zeit.

Gregor Torinus

Bild oben: Courtesy the artist and Frith Street Gallery, London, Foto/photo: Axel Schneider

AUSSTELLUNG

Fiona Tan. Geografie der Zeit.

7. September 2016 — 15. Januar 2017

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