Ich bin Mulattin, keine Negerin
Spuren der Gewalt: In ihrem fünften Roman „Das lange Lied eines Lebens“ rekonstruiert die britische Autorin Andrea Levy mit der Geschichte ihrer Großeltern die Geschichte der Sklaverei in Jamaika

1889, dreißig Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei in Jamaika, erzählt July, eine ehemalige Sklavin, ihrem Sohn ihre Lebensgeschichte. Thomas, ein arrivierter Druckereibesitzer in Kingston, möchte, dass seine Mutter diese schriftlich festhält. Seine Töchter und deren Kinder sollen sie später lesen. Er macht jedoch unablässig Lücken, Verfälschungen und Geheimnisse in der Biografie seiner Mutter aus. Er nötigt die alte Frau geradezu, ihm ihre Geschichte zu offenbaren und beharrt darauf, den Leidensweg vollständig aufzuzeichnen. Das eine spezielle Papier, das fehlt, der eine oder andere besondere Bleistift, den July als Ausrede vorschiebt, um nicht weitermachen zu müssen, besorgt ihr Sohn auf der Stelle. Doch ihre Abwehr, alles preiszugeben, bleibt. Am Ende weiß weder ihr Sohn, der ein Nachwort schreibt, noch der Leser, was der Wahrheit entspricht oder wie viel Erfindung in der Erzählung steckt, die sie zu Papier bringt.

Ihr Trauma scheint nicht nur der einzige Grund zu sein, der die alte Frau davon abhält. Sich nicht entblößen zu wollen, das Ausweichen, ja gerade das Lügen beherrscht sie aus dem Effeff. Diese Verhaltensweisen sind tief in ihr verwurzelt. Sie gehören zum Repertoire des Selbstschutzmechanismus aller Sklaven. Menschen, die ständig vor Demütigung auf der Hut gewesen sind, haben sie dermaßen verinnerlicht, dass die Technik des Lügen automatisch selbst dann zum Einsatz kommt, wenn es gilt, nach der wieder gewonnenen Freiheit dem weißen Mann zu imponieren. Oder den unbekannten weißen Vergewaltiger der Mutter als imaginären liebevollen Vater zu verklären, der „sein Kind“ eines Tages nach England holen wird.

In „Das lange Lied eines Lebens“ der britischen Autorin Andrea Levy ist July, die ihre Geschichte teils in der ersten Person Singular und teils in der dritten Person in Vergangenheitsform erzählt, selber die Tochter einer von einem Sklavenhalter geschändeten Sklavin. Als kleines Mädchen wird July ihrer Mutter entrissen und zur Privatdienerin der neuen „Missus“ der Zuckerplantage gemacht. Eine Position, die zwar nicht von Erniedrigung und Drangsalierung frei ist, die ihr aber dennoch eine gewisse Macht verleiht. Ihren eigenen Leuten begegnet July nicht immer auf Augenhöhe. Schwächen Angst und Kleinmut ihre sonst so gnadenlose Herrin, gewinnt sie Macht auch über diese.

Während des Aufstandes 1831-32, der schließlich zur Sklavenemanzipation führt, soll July die „Missus“ vor Eindringen von „Schwarzen“ in ihr Haus beschützen. Dabei wird July zur Zeugin der öffentlichen Hinrichtung ihrer eigenen Mutter. Eines ihrer Kinder muss sie weggeben; ein anderes wird ihr auf Nimmerwiedersehen weggenommen. Der „Massa“, in den sie sich verliebt, lässt nicht nur July im Stich sondern auch die Sklaven in ihrem Befreiungskampf, deren Sache er sich in seinem missionarischen Gehabe zuerst anzunehmen schien. Er scheut als Besitzer nicht vor Härte zurück, wenn er durch die Selbstständigkeit von ehemaligen Sklaven Arbeitskräfte auf seiner Plantage zu verlieren droht.

Es kommt zu einem Gemetzel, viele Sklaven werden in unfruchtbare Gegenden der Insel vertrieben. Und die neue Freiheit – die Abschaffung der Sklaverei 1838 wird von der Queen höchstpersönlich ausgerufen – erweist sich bald als Farce: Das Empire zahlt den Zuckerrohrhändlern pro befreitem Sklaven nicht nur eine Entschädigung, sondern erhält den Status quo zugunsten der ehemaligen Sklavenhalter aufrecht. Der Erfolg, den die Schwarzen bei ihrer nunmehr selbstständigen Feld- oder Handarbeit erzielen, wird sehr schnell zur Makulatur. Denn die rachsüchtigen Plantagenbesitzer enthalten ihnen über den Umweg des Pachtrechts Felder und Wohnungen willkürlich vor. Das Ende vom Lied: Die Schwarzen treibt die Angst um, dass sie wieder zu Sklaven gemacht werden, sollte die Insel an die USA verkauft werden. Die Weißen holen für ihre Zuckerernte indische Taglöhner, weil diese nie Sklaven waren und deshalb keine Hassgefühle gegen Weiße hegen.

Wie viele andere Romane, die den Rassismus thematisieren, ist man auch beim Lesen von „Das lange Lied eines Lebens“ mehr als einmal über das Ausmaß an Menschenverachtung erschüttert, das dem Leser hier vorgeführt wird. Die Werke der 1956 selbst als Kind jamaikanischer Einwanderer in London geborenen Autorin unterscheiden sich von anderen Werken postkolonialer Literatur aber durch einen Humor, der – bei aller Härte und Unerbittlichkeit sonst – tatsächlich so etwas wie Hoffnung und Lebensfreude vermittelt. Das gelingt Levy deshalb, weil sie es schafft, den Alltag menschlich und lebensnah zu beschreiben – den der Weißen wie der Schwarzen.

Ähnlich wie in ihrem vierten Roman „Eine englische Art von Glück“, einem Millionenbestseller, mit dem sie 2007 den internationalen Durchbruch erreichte, geht es Levy auch hier um die Beziehungen zwischen Schwarz und Weiß im Alltag. Das hängt mit dem historischen Hintergrund von Levys Romanen zusammen. Denn dieser Austausch findet nicht nur zwischen der Großmacht und ihren Kolonien statt. Das Zugehörigkeitsgefühl der Kolonien zum britischen Empire und der – mehr oder weniger gegenseitige – kulturelle Einfluss prägt die einzelnen Biografien auf beiden Seiten. Das unterscheidet die Prosa Levys von der US-Amerikanischer Schriftstellerinnen wie Toni Morrison oder Alice Walker.

Skurril sind die Passagen im Roman, in denen die Sklaven über den Reichtum oder die Ausstrahlung ihrer Besitzer untereinander konkurrieren. Selbst der eigene Preis, den die Briten als Entschädigung für die Plantagenbesitzer taxieren, gilt als Grund zum Prahlen oder zur Beschämung. Dünnere Lippen oder das Nasenformat spielen eine große Rolle. Nicht zuletzt ist es wichtig, eine hellere Hautfarbe zu haben. Die Schwarzen selbst schreiben ihr ästhetische Überlegenheit zu. July verleitet das mehr als einmal zu dem Spruch: „Me be a mulatto, not a negro“.

Antrieb für ihren Roman gewann die in London lebenden Levy aus den Gefühlen von Generationsgenossen, die in der Geschichte ihrer Vorfahren nichts als Erniedrigung und Scham ausmachten. Für Levy gehören jedoch auch Widerstand und Solidarität dazu. Um an Quellen über das Alltagsleben damals zu gelangen, musste sie in den schriftlichen Hinterlassenschaften von Gegnern wie Befürwortern der Sklaverei viel zwischen den Zeilen lesen. Steckte hinter „Eine englische Art von Glück“ die Geschichte ihrer von Jamaika nach England immigrierenden Eltern, beleuchtet Levy in ihrem fünften Roman die Zeit ihrer Großeltern in Jamaika. In „Eine englische Art von Glück“ halfen ihr diese . In „Das lange Lied eines Lebens“ musste sie sich ganz auf die Fiktion stützen.

Levy gehört zu Autoren wie Monica Ali, Zadie Smith, Joseph Anthony, Hanif Kureishi oder Kazuo Ishiguro, die ihre kulturellen Wurzeln außerhalb der britischen Insel haben, in den letzten zwei Jahrzehnten aber für einen „Boom“ der britischen Literatur sorgten. Im Gegensatz zu den schwarzen Schriftstellern, die zwischen 1950 und 1980 Bücher mit postkolonialen Themen veröffentlichten, interessiert die Jüngeren vielmehr das zeitgenössische Leben in Großbritannien. Ihre Erzählungen sind persönlicher, optimistischer und experimenteller, wenngleich sie die Rassen- und Klassenproblematik nicht vertuschen. Auch bei Andrea Levy geht es stets um die Spuren des Kolonialismus im heutigen Verhalten und im Zusammenleben von Weißen und Nichtweißen.

Gülcin Wilhelm



Andrea Levy, „Das Lange Lied eines Lebens“

aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser

Deutsche Verlags-Anstalt, 364 Seiten, 19,99 Euro


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