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Ryad Assani-Razaki

Sehnsucht Europa

„Iman“, der aufwühlende Debütroman des kanadisch-beninischen Autors Ryad Assani-Razaki erzählt von einer Flucht aus Afrika

Er ist viele Jahre lang wütend auf seinen Vater. Nicht so sehr wegen dem, was der getan hatte, sondern wegen dessen Gesichtsausdruck dabei. Dass er verkauft wird und wie sich die Hand seines Vaters, „eine schwielige, von der Feldarbeit staubige Hand“ einer anderen Hand entgegen streckt, einer zarten, zierlichen, manikürten Hand und diese Hand 23 Euro hält“, ist Toumanis erste Erinnerung überhaupt. Und das Grinsen seines Vaters. „Das Bild seiner gelben Zähne unter der hochgezogenen Oberlippe“ brennt sich bei ihm ein. Dieser Gesichtsausdruck ist weder zufrieden noch traurig.

Toumani, einer der drei jugendlichen Hauptfiguren des Romans, ist eins von Millionen von Kindern, die in Afrika von ihren Eltern verkauft und verstoßen werden. Von seinem sadistischen Besitzer eingesperrt und ununterbrochen misshandelt, muss Toumani Tag und Nacht für ihn schuften. Nach einem Fluchtversuch wird er von diesem in eine Grube geworfen. Er verliert ein Bein. In dieser gefährlichen Situation rettet ihn ein Junge namens Iman.

In „Iman“ von Ryad Assani-Razaki, dem in Kanada lebenden 33jährigen Autor aus Benin, haben diese ausgestoßenen Kinder kein Alter, keine Träume und keine Vorstellungskraft, der eine andere Welt entspringen könnte als die Hölle, in der sie sich befinden. Hungrig irren sie durchs Leben mit ihren seelenlosen Körpern. Ihre Hölle besteht aus Gewalt und Einsamkeit, Demütigung und Schlamm, Schlägen und von Regen durchnässten Blechhütten. Iman, ein gut aussehender, netter Junge, Beschützer und Mädchenschwarm, dessen weißer Vater kurz nach seiner Geburt das Weite gesucht hatte, ist der Einzige, der diesem Elend entkommen möchte.

Iman ist besessen von der Idee, nach Europa zu gehen, und bereit, dafür jedes Risiko auf sich zu nehmen. Deswegen verfällt er in Apathie, als Anna, eine europäische Urlauberin, es sich entgegen ihrer Beteuerungen anders überlegt und ihn, weil ihr Vater einen Wutanfall bekommt, nicht mitnimmt. Trotzdem will sich Iman in diese Gefahr begeben und das Geld für einen Schleuser zusammenbekommen. Damit hebt sich Assani-Razakis Figur von den meisten Nordafrikaflüchtlingen ab, die es meist mit ihrem Leben bezahlen, wenn sie an herzlose Schlepper geraten.

Iman muss keine Frau und Kinder ernähren. Ökonomische Aspekte spielen bei ihm keine Rolle. Eher ist es das ferne Paradies, „das Land“ seines unbekannten Vaters, nach dem er eine feine Sehnsucht verspürt. In seiner Vorstellung soll ihn Europa jedoch in erster Linie bemuttern, freundlich und fürsorglich zu ihm sein, ihm seinen Stolz wieder geben. Kurzum: Es soll ihm all die seelischen Entbehrungen seiner Kindheit wettmachen. Die Weißen werden ihn dort auf der Straße freundlich grüßen, wohingegen die Schwarzen in dem Land, in dem er lebt, irgendwo in Afrika, Kinder zu Krüppeln machen.

Alissa, die junge Frau des Triumvirats, ebenfalls verkauft und versklavt, träumt dagegen nicht nur nicht vom Weggehen. Sie fühlt sich ganz im Einklang mit ihrer Rolle als Ernährerin ihrer Eltern und Geschwistern sowie als treue Dienerin ihrer Herrin. Dass auch sie schließlich flieht, liegt an ihrer komplizierten Freundschaft mit Toumani und Iman. Und an der Erkenntnis, dass auch ihre herrische Gebieterin eine Frau ist, die letztendlich nur für ein leichtes Nicken, ein Zeichen der Zufriedenheit ihres Mannes, lebt: „Die Frauen sind dazu da: Sie nehmen andere in sich auf. Erst nehmen sie den Penis des Mannes in sich auf, dann nehmen sie einen Fötus auf. Sie nehmen die Vorstellung auf, die die Männer von der Welt haben, und geben sie an ihre Kinder weiter.“ Diese Offenbarung verhilft Alissa zwar zu ersten Schritten auf dem Weg in ein selbstständiges Leben. Weit kommt sie in dem grausamen Mikrokosmos, in den sie gerät, aber nicht.

Die Freundschaft zwischen Toumani, Iman und Alissa, die das Gerüst des Romans bildet, besteht aus einem spannungsgeladenen Wechselspiel aus Beschützen und Aggression, Eifersucht und Besitzanspruch. Mitunter geht es auch um homoerotische Träume. Das Grundthema dieser besonderen Beziehung ist aber, wie Loyalität an der Realität scheitert. Assani-Razaki, Träger des kanadischen „Trillium“-Preises für seine Kurzgeschichten über Migranten in Montreal, verlegt die Handlung in seinem Debütroman in ein fiktives Land. So gelingt es ihm zu verdeutlichen, dass in Zeiten von globalen Fluchtbewegungen Schauplätze dafür beliebig sein können. Er versieht zudem die einzelnen Kapitel des Buches mit Titeln, deren letzte Buchstaben das Wort „Immigration“ ergeben. Die Hoffnung, die der Begriff ausstrahlen soll, wird jedoch mit den Titeln selbst wie „Infléchi“ (Zerstörung), „Impediment“ (Ballast) oder „Impur“ (Unrein) wiederum aufgelöst.

Während der Aufbau des Romans seine Protagonisten, insbesondere Toumani und Alissa, bloßstellt, indem diese ihre Gefühle, Nöte und vor allem ihre fast an Manie grenzende Hingezogenheit zu Iman offenlegen, lässt der Autor diesen jedoch nicht zu Wort kommen. Seine innere Welt, sein geheimnisvolles Wesen, das stets Neugierde weckt, bleibt gänzlich verschlossen.

Wie in „Arche Noah“, dem jüngsten Roman des ägyptischen Schriftstellers Chalid al-Chamissi, greift auch „Iman“ die Tendenz auf, Schleuser, die die Flüchtlinge ausnehmen und auf unsicheren Booten in den sicheren Tod schicken, ihre eigenen Geschichten erzählen zu lassen. Dass sie auf diese Weise als eigenständige Romanfiguren an Bedeutung gewinnen, zeigt ihren Stellenwert in den Träumen Hunderttausender: Dass sie mit ihren menschenverachtenden, dubiosen Methoden über Leichen gehen, wollen die Hilfesuchenden oft nicht wahrhaben.

Auch in „Iman“ sehen diejenigen, die sich einen Platz auf einem Boot sichern wollen, die selbsternannten „Retter“ und „Glücksbringer“ als solche. So als seien sie ihr neuer Messias. Dass dabei ihre Illusionen auf bestialische Weise zur Strecke gebracht werden, soll der Titel des Schlußkapitels dieses aufwühlenden Romans vor Augen führen. Der letzte Buchstabe von „Illusion“ bildet auch den letzten Buchstaben von „Immigration“.

Gülcin Wilhelm

Bild: CC BY SA 3.0 Udoweier

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Ryad Assani-Razaki: Iman

Aus dem Französischen von Sonja Finck

Wagenbach-Verlag, Berlin 2014,

320 Seiten, 22, 90 Euro

 

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