Michael David Lukas: Das Orakel von Stambul

CC BY-SA Christiaan Briggs

Orientkitsch für die Völkerverständigung

Ein übersinnlich begabtes Mädchen wird zur Beraterin des osmanischen Sultans: Mit einer Mischung aus Märchen und Geschichtsroman will Michael David Lukas zur kulturellen Verständigung zwischen Orient und Okzident beitragen. Mehr als Klischeebildung ist ihm dabei aber nicht gelungen.

„Ein neuer Anfang“. Als Barack Obama im Sommer 2009 nach Kairo kam, traf er den richtigen Ton. Sechs Jahre nach dem amerikanischen Angriff auf den Irak beschwor der US-Präsident die kulturellen Gemeinsamkeiten zwischen Orient und Okzident. Und zitierte sogar aus dem Koran.

Vielleicht wollte Michael David Lukas es seinem Präsidenten gleichtun. Irgendeine vage Idee von Völkerverständigung muss jedenfalls Pate gestanden habe bei seinem Debütroman „Das Orakel von Stambul“. Derart blumig fühlt sich der 1979 im kalifornischen Berkeley geborene Reisejournalist in das Istanbul des Jahres 1877 ein. „Die Perle des Bosporus“ ist darin eine Stadt, in der Tee und Baklava fließen, es überall nach Jasmin duftet und Sultan Abdülhamit II., den seine Zeitgenossen den „Armenierschlächter“ nannten, im Garten seines von weißen Marmormauern umgebenen Palastes lieber Süßigkeiten nascht und Vögel beobachtet, als den Staatsgeschäften nachzugehen.

Was sich auf dem Klappentext noch wie die ideale Lektüre für den türkischen Sommerurlaub liest, entpuppt sich nach und nach als orientalistischer Kitsch, wie ihn sich Edward Said prototypischer nicht hätte ausdenken können.

Unentschieden schlingert die Geschichte auch zwischen Märchen und Geschichtsroman. Seit ihrer dramatischen Geburt in einer kleinen Stadt am Schwarzen Meer ist Eleonora, die jugendliche Protagonistin des Romans, von einem Schwarm lilafarbener Wiedehopfe umgeben. Der begleitet sie bis nach Istanbul, in das sie eines Tages mit ihrem Vater Yakob, einem jüdischen Teppichhändler reist. Um dort zur Beraterin des Sultans aufzusteigen. Dann wieder reitet die Geschichtskavallerie in Gestalt russischer Soldaten und deutscher Generäle ein. Kein Wunder, dass Lukas seine überforderte Heldin nach einem Nervenzusammenbruch vor dem Herrscher „unbemerkt aus der Geschichten schlüpfen“ lassen muss. So wenig gelingt es ihm, die widerstreitenden Ansätze unter einen erzählerischen Hut zu bringen.

Es ist nicht alles schlecht an „Das Orakel von Stambul“. Denn in dem Buch steckt die sympathische Utopie von der Macht der Literatur. Seit seiner frühesten Jugend ist Eleonora besessen von diesem Suchtstoff. Erst liest sie gegen den Widerstand ihrer Tante die Bibliothek ihres Vaters leer. Dann die ihres Gastgebers in Istanbul. Der reiche Geschäftsmann Mocef Bey sympathisiert mit den gegen den Sultan opponierenden Jungtürken. Und bezahlt dem Mädchen einen Privatlehrer. Bald schon spricht Eleonora sieben Sprachen und beherrscht von Appian bis Xenophon nahezu alle Texte der antiken Dichter und Geschichtsschreiber.

In dem Bild der literarischen Eremitin, die Abdülhamit II., der machtlos dem Zerfall seines Osmanischen Reiches zuschauen muss, in einer Krise einen verblüffenden Rat gibt, steckt die Idee von der Kunst als Ratgeberin der Politik. Und in dem Bild des übersinnlich begabten Mädchens, das den Lauf der Geschichte beeinflusst, lässt sich das Vorbild Oskar Matzerath erkennen. Neben Jose Saramago und Salman Rushdie zählt Michael David Lukas Literaturnobelpreisträger Günter Grass zu seinen Vorbildern.

Sieben Jahre hat der Amerikaner an dem Buch geschrieben. Das Ergebnis ist gleichwohl ernüchternd. Ihn mag Idee getrieben haben, die kulturelle Verständigung zwischen Orient und Okzident mit Literatur besser voran zu bringen, als einst als Rotary-Stipendiat in Tunesien, wo ihn das Bild eines jungen Mädchens, das auf der Straße mit einem alten Mann Backgammon spielt, ebenso zu dem Roman inspiriert hat, wie der Fund einer Fotografie eines aus dem Jahr 1877 in einem Laden in Istanbul. Das verriet Lukas in einem Interview. Weit dürfte er bei dieser literarischen Völkerverständigung nicht kommen, wenn er sich selbst weiter an den Tipp des geheimnisvollen Reverend Muehler in dem Roman verlässt. Auf die Frage, was er seinen Lesern aus der Stadt berichten soll, rät der Lehrer und Spion einem amerikanischen Journalisten: „Die Leute wollen orientalische Farben“.

© Ingo Arend

 

Michael David Lukas: Das Orakel von Stambul

Roman. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Insel-Verlag, Berlin, 2011, 366 S., 19,90 Euro

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