Geständnisse (Tetsuya Nakashima)

Ein Horrorfilm der sehr anderen Art. Regisseur Tetsuya Nakashima bemüht keine Geistererscheinungen, keine Kreisch- und Schlachtorgien. Schließlich geht es ihm ja auch um den Horror alltäglicher Gewöhnlichkeit.

Der Schrecken schleicht sich an: Eine Lehrerin (Takako Matsu) steht vor einer Klasse. Die Halbwüchsigen schenken ihr wenig Beachtung. Die Tokyoter Jugendlichen sind nervende Bälger – das Versenden von Kurznachrichten via Mobiltelefon und allerlei Unsinn sind wichtiger als die Frau vor ihnen. Sie spricht ruhig, eindringlich, unbeirrt. Und sie bekommt mehr und mehr Aufmerksamkeit. Denn sie berichtet davon, dass zwei Schüler dieser Klasse ihre kleine Tochter ermordet haben. Und, wie nebenbei, gesteht sie, dass sie diesen Beiden in ihre Portion Schulmilch das Verderben. HIV-Viren, gegeben habe…

Ein Racheengel? – Der Film lässt sich viel Zeit, das Porträt dieser Frau zu zeichnen. Die Dramatik ihres Charakters und des Geschehens zu beleuchten. Hat sie wirklich? Ist sie überhaupt eine Persönlichkeit, die aus tiefem Schmerz heraus Scheußliches vollziehen kann? Neben diesen beiden Fragen stellt der Film nicht die, wieso die Schüler zu Monstern werden konnten. Jedenfalls nicht vordergründig. Natürlich steht sie im Raum. Im Verlauf des Films wird dieser mehr und mehr erweitert, werden doch verschiedene Positionen eingenommen. Nicht nur die Lehrerein hat einiges zu gestehen…

Die fast graue Farbgestaltung und der Einsatz von Zeitlupe gegen der Handlung eine zermürbende Intensität. Milch, Blut, Wasser kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, ohne dass aufdringliche Bildmontagen in den Vordergrund rücken. Mehr und mehr schweißgebadet gerät man in den Strudel der Gewalt, die aus ganz Banalem erwächst. Dabei – und das ist das entscheidende Verdienst des Films – rückt mehr und mehr die Komplexität einer Gesellschaft ins Bild, in der die Allmacht des Kapitals (und das damit verbundene „Wohlstandsstreben“ jedes Einzelnen) als Geißel der Menschheit in den Fokus rückt.

Peter Claus

Geständnisse, Tetsuya Nakashima (Japan 2010)

Bilder: Rapid Eye Movies

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