Fünffache Bienenstich-Sensation

Erkennbar will der kanadische Bestsellerautor Douglas Coupland mit „Generation A“ an seinen Welterfolg „Generation X“ anknüpfen. Wieder sind die Romanfiguren dazu verurteilt, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen. Diesmal allerdings im rauen Alaska statt im sonnigen Kalifornien.

Mit „Generation X“ hat der Kanadier Douglas Coupland vor rund 20 Jahren seinen Ruhm begründet. Der Titel dieses Bestsellers wurde zum Label einer Generation der Aussteiger auf hohem wirtschaftlichem Niveau. „Generation X“ handelt von drei Freunden Mitte Zwanzig, die anstatt Karriere zu machen lieber nach Palm Springs in Kalifornien zogen, um dort ein bisschen zu jobben und sich Geschichten zu erzählen. Das „X“, das diese Generation bezeichnete, war eine Leerstelle, denn es gab, so Coupland, keine verbindenden historischen Ereignisse oder weltanschauliche Gemeinsamkeiten. Mit dem Begriff der „Generation“ zu operieren, war im Grunde schon eine Übertreibung.

In „Generation A“ ist dieser Zerfallsprozess noch weiter fortgeschritten. Vom X zum A sind es auf der Tastatur ja nur zwei Klicks. Das A könnte, wie ein dem Buch vorangestelltes Zitat von Kurt Vonnegut nahelegt, für „Anfang“ oder für „Adam und Eva“ stehen und charakterisiert eine Generation, die gar nichts mehr weiß und will. Diesmal versammelt Coupland fünf junge Menschen im Abseits, allerdings weniger idyllisch, nicht im warmen Kalifornien, sondern auf einer rauen Insel vor der Küste Alaskas. Und wieder sind sie dazu verurteilt, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen. Wie sie dorthin gelangen, ist bereits Teil der Romanhandlung. War es in „Generation X“ noch ein selbst gewähltes Aussteigertum, so handelt es sich hier um Opfer der Wissenschaft und des Fortschritts. Sie bestimmen ihr Leben nicht mehr selbst, sondern empfangen es wie ein Schicksal, das ihnen von anonymen Mächten zugeteilt wird. Sie sind keine Subjekte, sondern Objekte der Geschichte.

Was die Fünf verbindet, ist nichts als ein Zufall. An fünf unterschiedlichen Orten – auf einem Maisfeld in Iowa, einer Straßenkreuzung in Neuseeland, in Paris, in Kanada und auf Sri Lanka – werden sie jeweils von einer Biene gestochen. Das ist in einer Welt, in der die Bienen ausgestorben sind und Obst folglich zur Rarität geworden ist, eine fünffache Sensation. Alle fünf sind irgendwie übers World Wide Web verbunden und damit Teil der digitalen Weltgemeinschaft. Als Opfer der Bienenstiche werden sie sofort festgesetzt, in Quarantäne genommen und bis in die tiefsten Gründe ihrer Drüsen und Gene hinein untersucht: Könnte es an einer verborgenen Körpereigenschaft gelegen haben, dass sie die Fähigkeit besaßen, die für ausgestorben gehaltenen Insekten hervorzulocken?

Wer nun einen ökologischen Thriller erwartet, wird getäuscht. Um „Natur“ geht es Coupland kein bisschen. Von Biologie versteht er zu wenig, um glaubwürdige Szenarien zu entwerfen. Ebensowenig ist „Generation A“ ein Science-Fiction-Roman. Die Welt, die da beschrieben wird, ist durchaus gegenwärtig – abgesehen von der Bienenkatastrophe und einer merkwürdigen Droge namens „Solon“, die die Zeit schneller vergehen lässt und dadurch glücklich und auf delirierende Weise einsam macht. Diese Vereinzelung der Menschen ist das eigentliche Thema Couplands. Sie ist eine Folge der Digitalisierung, Technisierung und Verwissenschaftlichung der Welt. Seine Gegenstrategie ist denkbar einfach und konservativ: Sie beruht auf der Kraft des Erzählens. Je länger die fünf Auserwählten sich die Zeit vertreiben, indem sie sich Geschichten erzählen, umso enger rücken sie zusammen. Dass sie zugleich ein Produkt verzehren, das aus ihren Nerven- und Gehirnzellen geschaffen wird, beginnen sie erst am Ende zu ahnen. So verschmelzen sie – und das ist die Pointe – buchstäblich, und zwar auf wissenschaftlicher Basis, zu einer Person.

Die Geschichte ist ziemlich wirr und in ihren Details unübersichtlich. Es ist, als wollte Coupland den Zerfall einer definierbaren Generationengemeinschaft erzählerisch dadurch demonstrieren, dass er auch seinen Roman in Einzelteile zerfallen lässt, die sich nicht mehr sinnvoll zusammenfügen. Auch die Figuren bleiben merkwürdig konturlos, als wären sie nur Moleküle eines literarischen Experiments. So bleibt dieses Buch eine Kopfgeburt ohne eigenes Leben und, was noch schlimmer ist, wo es doch um die Macht des Erzählens gehen soll: ohne erzählerische Kraft. „Generation A“ ist der erkennbare Versuch, an einen früheren Erfolg anzuknüpfen. Allein, es fehlt der Glaube.

Text: Jörg Magenau

gesendet: Deutschlandradio Kultur, 28.10.2010

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Douglas Coupland: „Generation A“, Roman

Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann

Tropen Verlag, Stuttgart 2010
334 Seiten,19,95 Euro



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