Die Erinnerung, so heißt es an einer Stelle dieses erstaunlichen Romans, ist wie ein Haus. Sie hat mehrere Türen. Und wenn eine Tür verschlossen ist, muss man eben eine andere nehmen. Anwar, der Ich-Erzähler, ist Diener, Bote und gelernter Dieb im Bagdad der 1930er Jahre. Auf Türen ist er nicht angewiesen. Er kann an Mauerwänden hinaufklettern und über die Dächer in fremde Häuser eindringen. Aber auch seine anderen Tätigkeiten lassen ihn weit herumkommen, sehr weit: Aus Bagdad führt die Reise ins nationalsozialistische Berlin und dann, als Soldat in einer muslimischen Kompanie, weiter an die Ostfront. Anwar ist der tumbe Tor, der brave Diener seiner Herren, deren Ziele er sich zu eigen macht. Er ist immer loyal – bis zum Verrat, der ihm nicht schwer fällt. Er laviert zwischen den Fronten, weil er selbst nichts zu verteidigen hat. Er wird zum Mörder und im Krieg zu einer regelrechten Mordmaschine, und das nur, weil er hineingeriet und es gewohnt ist, Aufträge auszuführen. Er tut, was man von ihm verlangt.

„Ich erinnere mich, dass ich nicht wusste, was Bildung ist, bevor ich gebildeten Leuten begegnete“, beginnt er seine große Erzählung. Doch zu den Leuten, die seinen Weg bestimmten, gehörten nicht nur ein Bagdader Meister-Dieb, Geheimdienstoffiziere und jüdische Freunde, die auf die sozialistische Revolution hoffen, sondern auch der nazitreue Großmufti von Jerusalem, Heinrich Himmler und die Männer der SS. Was für eine Geschichte. In großem epischem Bogen erzählt Sherko Fatah, wie ein Straßenjunge aus Bagdad schließlich zu denen gerät, die den Warschauer Aufstand niederschlagen und die Menschen in den Kellern abschlachten. Es ist eine Reise in die finstersten Abgründe des 20. Jahrhunderts. Ein Motto aus Goethes West-Östlichem Divan ist dem Roman vorangestellt. Doch so nackt, so brutal, so jenseits aller romantischen Verklärung ist die Begegnung zwischen Orient und Abendland bisher noch nicht geschildert worden.

Sherko Fatah, 1964 in Ost-Berlin als Sohn einer deutschen Mutter und eines irakischen Kurden geboren, wuchs in der DDR auf. Über Wien kam er mit seiner Familie nach West-Berlin, wo er Philosophie und Kunstgeschichte studierte. Als Schriftsteller hat er sich ganz auf diese doppelte Herkunft konzentriert. In seinem vorigen Roman „Das dunkle Schiff“ erzählte er von einem kurdischen Jungen aus dem Nordirak, der als Gefangener von „Gotteskriegern“ zum Terroristen ausgebildet wird und auf der Flucht vor ihnen nach Berlin gerät. „Ein weißes Land“ vollzieht eine ähnliche Bewegung, ein halbes Jahrhundert früher, doch das ersehnte Land in der Ferne bietet damals so wenig Rettung wie heute: Der Westen steht für Desillusionierung und neue Gewalt. Wenn Bagdad für Anwar eine Welt der Kleinkriminellen und unübersichtlicher Machtverhältnisse war, so gerät er dort in die Zusammenhänge der großen Verbrechen und Schuld.

Der Blick auf die NS-Geschichte aus der Perspektive eines Ahnungslosen, der von außen hineingeriet, ist durchaus reizvoll. Doch der Roman krankt ein wenig daran, dass man das Gefühl hat, der Autor jage seinen Helden durch einen historischen Abenteuerparcours, um nicht nur dessen Überlebensfähigkeit, sondern auch die eigene Imaginationskraft zu testen. Das wirkt fast so, als bewege er sich auf einer Bühne, wo die aufgestellten Kulissen allzu deutlich zu erkennen sind. Lebendiger und überraschender ist die Hälfte des Romans, die in Bagdad spielt, wo Anwar sich zwischen Kleinkriminellen-Milieu, mondäner englischer Oberschicht, jüdischen Bürgertum und finsteren Militärs bewegt. Er verrät seine jüdischen Freunde, um sie in einer nach deutschem Vorbild initiierten Pogromnacht dann wieder zu retten. Das Neben- und Miteinander des arabischen und des deutschen Antisemitismus ist eines der zentralen Themen des Romans.

Anwar ist ein Simplicissimus des 20. Jahrhunderts, der wie sein historischer Vorgänger durch seine Epoche stolpert, ohne sie auch nur ansatzweise zu begreifen. In seiner stoischen Haltung gleicht er jedoch eher den Helden aus „Tausendundeiner Nacht“, die wie Sindbad der Seefahrer ihre Schiffsuntergänge und sonstigen Katastrophen mit nichts als Gottvertrauen bestehen. Wenn sie gerettet werden, dann nicht aus eigener Kraft oder Klugheit oder Geschicklichkeit, sondern weil die Vorsehung, weil Allah ihnen gnädig war. Das orientalische „Kismet“ ist etwas anders als das europäische „Schicksal“, denn es entzieht sich dem Einfluss des Individuums.

In „Ein weißes Land“ wendet Sherko Fatah diese orientalische Grundhaltung auf europäische Geschichte an. Zuletzt hat Thomas Lehr in seinem Roman „September. Fata Morgana“ ein ähnliches Experiment unternommen. Doch Fatah geht ein höheres Risiko ein. Wenn Anwar den Ausführungen Heinrich Himmlers lauscht, dann klingt das, als wäre an solchen Wahrheiten nicht zu rütteln. Dass Opferbereitschaft die Bedingung des Erfolgs sei, leuchtet Anwar durchaus ein. Und dass der Führer angetreten sei, um der Welt den Beweis für die Formbarkeit der Geschichte zu liefern, imponiert ihm, obwohl doch seine Erfahrung das genaue Gegenteil beweist und die Nazis mit dieser Hybris scheitern: Die Geschichte formt den Menschen und nicht umgekehrt. Anwar überlebt die Katastrophe, schwer verletzt und gezeichnet. Aber er nimmt auch die eigene Entstellung hin. Gegen das zugewiesene Schicksal lässt sich nicht rebellieren.

Jörg Magenau

Sherko Fatah: Ein weißes Land
Roman. Luchterhand, München 2011
478 Seiten, 21,99 Euro

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