Es gibt so Tricks für den gewitzten Erzähler. Zum Beispiel den, immer das zu sagen, was er gerade tut. Wenn sich die Geschichte etwas in die Länge zieht, schreibt er das hin, und schon verzeiht man ihm den Mangel, sieht darin gar eine besonders raffinierte Methode. Noch raffinierter ist es selbstverständlich, auch diesen Effekt schon mitzureflektieren und zu benennen. Fiktion, Metafiktion und so weiter. Man lernte das in amerikanischen Creative Writing Workshops der achtziger Jahre, deren erfolgreichster und superraffiniertester Absolvent wohl David Foster Wallace gewesen ist. Die besondere Herausforderung für ihn bestand darin, Fiktion jederzeit als Fiktion kenntlich zu machen, also den Schreibenden mitzuschreiben, die Konstruktion und die handwerkliche Gemachtheit offensiv auszustellen, dabei aber trotzdem die Geschichte als Geschichte nicht zu zerstören, sondern nur umso wirkungsvoller ablaufen zu lassen.

Mit „Infinite Jest“ hat David Foster Wallace 1996 so etwas wie den ultimativen Roman der Postmoderne oder eigentlich schon der Post-Postmoderne vorgelegt, und es war ein Ereignis, als vor zwei Jahren endlich Ulrich Blumenbachs meisterliche deutsche Übertragung des nahezu unübersetzbaren Romangiganten herauskam – ein Jahr nachdem der unter schweren Depressionen leidende Autor sich in seinem Haus in Kalifornien erhängt hatte. Nun sind unter dem Titel „Alles ist grün“ – wieder von Ulrich Blumenbach übersetzt – fünf „Storys“ zu entdecken, die eigentlich in den 1990 erschienenen Band „Kleines Mädchen mit komischen Haaren“ gehören, in der deutschen Ausgabe von 2001 jedoch fehlten. Es ist das Schicksal von David Foster Wallace hierzulande, dass sein Werk zerstückelt und nicht in korrekter chronologischer Reihenfolge erscheint. Aber das passt ganz gut zu einem Autor, der in seinen Texten die Realität in Fragmente zerlegt und das Zeitkontinuum aufsprengt, weil die Realität, wenn man sie nur genau genug beobachtet, eben fragmentarisch und zeitlich disparat ist.

„Alles ist grün“ ist also die zweite Hälfte seines zweiten Buches, das irgendwo auf halber Strecke zwischen dem überambitionierten Debüt des Schreibwerkstatt-Alleskönners und „Infinite Jest“ liegt. Damit lässt sich heute die Probe darauf machen, wie modern die Postmoderne mit all ihrem Dekonstruktions-Gewedel nach zwanzig Jahren eigentlich noch ist. Erstaunlicherweise scheint sie sich schon damals überlebt gehabt zu haben. Wallace lässt in der mit knapp zweihundert Seiten mit Abstand längsten Geschichte eine ziemlich unsympathische, knochendünne Schreibwerkstattabsolventin auftreten, die sich selbst lächerlicherweise als „Postmodernistin“ vorzustellen pflegt und ihr Schreiben so charakterisiert: „Ich spezialisiere mich auf Sprachdichtung und die apokalyptisch kryptische Literatur der letzten Dinge, auf Erschöpfung im Allgemeinen sowie auf Metafiktion.“ Sie ist die Karikatur dessen, was Wallace doch allen Ernstes und in großer Perfektion zu betreiben entschlossen ist. Da erstaunt es dann auch nicht mehr, dass er seiner „Postmodernistin“ prophezeit, eines Tages als Vorsitzende einer riesigen Werbeagentur im Dienste von McDonalds zu enden.

Der schmale Raum zwischen Schreibseminar und Werbewirtschaft ist der Platz, den Wallace der Literatur zuweist. In der selben Story („Westwärts geht der Lauf der Welt“) lässt er den Werbe-Guru J.D. Steelritter über die Ähnlichkeit von Erzählungen und Werbekampagnen räsonieren: „Was das Ziel angeht, wollen beide einen ins Bett kriegen. Lass mich in dich rein, sagen beide. Willst du von jemandem flach gelegt werden, der immerzu sagt: ‚Hier bin ich und leg dich flach’? Ja? Nein? Nein. Natürlich nicht.“ Damit ist das literarische Grundproblem benannt: Wie kann man Leser fiktiver Texte überwältigen, die sich als intelligente Menschen nicht überwältigen lassen wollen und alle Überwältigungsmechanismen ebenso gut durchschauen wie der Autor als Spezialist in der Fiktionsbranche? So kommt es zum Übertrumpfungsgestus der postmodernen Fiktionsakrobatik, deren Exerzitienmeister jeder Metaebene noch eine Metaebene aufsetzen.

Das ist nichts als ein Spiel, das am Ende leerläuft, weil es immer nur den Text als Text anvisiert, aber nicht die Gesellschaft, in der er entstand. Aber auch das wusste Wallace bereits und erzählt es mit. Am Schluss dieser Geschichte, in der sechs Menschen in einem Auto westwärts fahren, um an einer gigantischen Zusammenkunft aller jemals in einem McDonalds Werbespott Aufgetretenen teilzunehmen, lässt er einen Sturm aufkommen und das Öllämpchen so lange flackern, bis die Panne endlich eintritt und das selbstverständlich aus Einzelteilen zusammengebastelte Auto im Leerlauf aufjaulend stecken bleibt. Denn auch das gehört zu den Zaubertricks: stets vor dem Ende aufzuhören, weil der Autor die Macht dazu hat, die Fiktionsmaschine anzuhalten. Also zählt er stattdessen auf, was in einer fiktiven Geschichte als nächstes geschehen würde, unterlässt das dann aber alles und beweist damit, dass es sich um etwas anderes als Fiktion handeln muss.

Die Storys von David Foster Wallace gehen nicht auf. Sie erzählen keine Geschichten. Sie führen nicht von hier nach dort, auch wenn sie als Simulation einer Road Novel genau davon handeln. Sie verlieren sich in jedem einzelnen Augenblick, der sich in den überscharf gesehenen Wahrnehmungsdetails und in der Masse der Erinnerungen vervielfältigt. Jede Sekunde ist erzählerisch tendenziell unendlich. Wallace kann Stimmungen aber auch auf kleinstem Raum verdichten, wie er in der nur wenig mehr als zwei Seiten umfassenden Titelgeschichte „Alles ist grün“ beweist. Da versucht er den melancholischen Moment der Trennung zwischen einem etwas älteren Herrn und einer jungen Geliebten festzuhalten und folgt dem Blick der Frau durchs Fenster ins üppige Grün.

Großartig auch die Begegnung eines „frisch geschiedenen Vertriebsrepräsentanten“ mit dem für Überseeproduktion verantwortlichen „Vice President“ in der für Führungskräfte reservierten Ebene der Tiefgarage, wo der Vice President eine Herzattacke erleidet und zusammenbricht. Wie auf Schienen des Schicksals fahren die beiden aufeinander und auf diesen Augenblick zu, beide mit identischem Aktenköfferchen in der Hand, und jeder von seiner Seite einem identischen Aufzug enteilend. „Zum Glück verstand sich der Vertriebsrepräsentant auf HLW“, also Herz-Lungen-Wiederbelebung, heißt diese kleine Skizze. Ob es dem Vice President etwas nützt, erfahren wir nicht, doch es ist anzunehmen, dass die Hilferufe des verzweifelten Retters ungehört verhallen werden. Texte wie dieser, die darauf verzichten, das ganze Arsenal der postmodernen Folterwerkzeuge vorzuführen, sind einfach nur gut. Das spricht nicht unbedingt für die Überlebensfähigkeit der Postmoderne, aber unbedingt für den Erzähler David Foster Wallace.

Jörg Magenau

David Foster Wallace: Alles ist grün
Storys
Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrich Blumenbach
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011
268 Seiten, 19,99 Euro

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