Scharfsinn, Logik, guter Wein und die Freuden und Leiden der Liebe
Die Wege bürgerlicher Aufklärer

Gedanken sind frei. Sie schwirren um die Welt, mittlerweile in einer Geschwindigkeit, die den Bytes der internationalen Finanzströme kaum nachsteht. Was irgendwo entfernt ausgedacht und erprobt wurde, sei es in Wirtschaft oder Kultur, kann anderenorts sofort auf seine Tauglichkeit erprobt werden. Doch damit ist nicht gesagt, dass die geografische Herkunft minder wichtig werden würde, im Gegenteil legten gerade in den letzten Jahren Ideenhistoriker Schaubilder und Karten an, mit denen die Wege der Gelehrten und Gedanken versinnbildlicht und visualisiert werden.

Der in Wien lebende Historiker Philipp Blom hat in seinem Buch „Böse Philosophen“ die Wege der bürgerlichen Aufklärer Mitte des 18. Jahrhunderts verfolgt und präzise ein intellektuelles Gravitationszentrum der Zeit verortet. David Hume, Adam Smith und Edward Gibbon reisten aus England an, Ferdinando Galiani aus Italien, (nach Lage der Quellen höchstwahrscheinlich) Benjamin Franklin aus Nordamerika, der umtriebige Melchior Grimm kam von allen Seiten in die Pariser Rue Royale, in den Salon des Baron Holbach und seiner hinreißenden Gattin. Diderot war fast immer dort, und so wurde in geselliger Runde das aufklärerische Gespräch gepflegt und en passant der Weinkeller des Gourmets Holbach geleert. Was sich munter und fröhlich anhört (und bestimmt auch war), entwickelt bei Blom, der bereits in einem Buch über die berühmte Enzyklopädie Diderots und seiner Mitstreiter die Zeit und ihr größtes intellektuelles Projekt erkundete, eine unerhörte Sprengkraft. Der Autor will unser Bild der bürgerlichen Aufklärung kräftig durcheinander wirbeln. Der große Aufklärer Voltaire schrumpft bei ihm zu einem Wichtigtuer und, so lautet der Hauptvorwurf, trotz seines laut in die Welt geschmetterten „Écrasez l’infame“ zu einem ‚Gemäßigten‘. Rousseau, das ist nicht neu, war ein Paranoiker und zudem ein Vorreiter autoritärer Herrschaftsmodelle. Diderot und Holbach hingegen bilden den Kern einer ‚radikalen Aufklärung‘.

In der marxistischen Historiographie nahmen sie zusammen mit d’Alembert und Helvétius einen Logenplatz in der Philosophiegeschichte ein, als geniale Vorläufer des Materialismus, wie er von Marx und Engels im 19. Jahrhundert formuliert wurde. Blom will sie nun aus dieser Umarmung befreien und rückt weniger ihre materialistische Überzeugung in den Mittelpunkt, als vielmehr ihre „Volupté“ – eine auf einem robusten Atheismus ruhende Sinnlichkeit, die 250 Jahre später sehr viel unschärfer Hedonismus genannt werden würde.

Diderot war außerdem ein Meister des Tabubruchs

Wenn aber nun Verlangen und Lust, Triebe und Denken in ihrer Verschränkung beschrieben werden, läge es nahe, hinter diesem Buch die Absicht postmoderner Aktualisierung zu vermuten. Aber das wäre zu einfach, der Zeitstrahl verläuft in umgekehrter Richtung, kein postmoderner Hedonist sucht hier einen respektablen Vorläufer. Auch wenn Blom in seiner historischen Rekonstruktion die Körper- und lustverliebte Postmoderne nicht erwähnt, kann er darauf vertrauen, dass wir Postmodernen uns angesprochen fühlen und in Diderot sofort einen Bruder im Geiste erkennen. Was er jedoch zeigt, ist ein radikaler Denker, dessen Sinnenfreude mit politischer Rigorosität friedlich koexistierte. Bei den „Scheichs der Rue Royale“ (David Hume) erblickte ein Wein-Atheismus-Komplex das Licht der Welt, dessen Charakteristika heutige Hedonisten schamrot werden lassen müsste. Denn er basiert nicht nur auf einem spottlustigen Ketzertum, sondern zugleich auf einer kompromisslosen Ablehnung des europäischen Kolonialismus. Diderot war außerdem ein Meister des Tabubruchs – von links. Man wird doch wohl noch sagen dürfen, dass alle Verhältnisse, in denen Menschen unterdrückt werden, in denen nicht alle die gleichen Lebenschancen haben, unmissverständlich abzulehnen sind. Diderot saß für seine Überzeugung mehrfach im Gefängnis. Radikale Aufklärung kann ein gefährliches Geschäft sein.

Blom beschreibt die persönlichen Beziehungen der „Philosophes“ und die ideenhistorischen Konstellationen mit Empathie und mit Sinn für die Anekdote. Die „bösen Philosophen“ erklären, dass Aufklärung nichts ist, was Intellektuellen ohne Risiko in den Schoß fällt und sich dann in Menschen verkörpert, die auf einem Sockel stehen. Scharfsinn und Logik, die gegen Herrschaft und Ungerechtigkeit eingesetzt werden, sind dafür ebenso notwendig wie ein guter Wein und die Freuden und Leiden der Liebe. Blom lässt auch nicht die zuweilen unübersichtliche Gemengelage in Geschlechterfragen aus; die Pariser Freunde erscheinen bei ihm fast wie gute Bekannte aus einer benachbarten Wohngemeinschaft, die gerne zur angeregten Diskussion eingeladen werden – aber nur fast, denn natürlich waren es ehrenwerte Herren, auf deren Schultern alle stehen, die an einem aufgeklärten wie radikalen Hedonismus interessiert sind.

Text: Mario Scalla

Bild: Voltaire and Diderot im Café Procope in Paris



Philipp Blom: Böse Philosophen, Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung

Hanser Verlag 2011, 400 Seiten, 24,90 EUR


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