Konstantin Gropper alias Get Well Soon

Weltuntergang forever 

“The Scarlet Beast O’ Seven Heads”
Das neue Album von Pop-Wunderkind Konstantin Gropper alias Get Well Soon

Wagen wir eine tollkühne These: Konstantin Gropper, nur noch wenige Tage 29, ist der ältere Bruder von Lana Del Rey (26). Also im musikalischen Geiste, nicht im Blut. Beide sind pathetisch ohne Ende, melodramatisch, melancholisch, verliebt in alte Filme und alte Gefühle. Beide schwelgen in sepiafarbenen Momenten der Entrücktheit, beide legen diesen eleganten, silbrig schillernden Schleier über ihre Melodien. Und da hat die Verwandtschaft auch schon ein Ende. Bei Lana Del Rey geht die Welt an der Liebe kaputt. Bei Konstantin Gropper an noch viel größeren (und musikalisch komplexeren) Katastrophen.

Heute erscheint sein drittes Album, es heisst «The Scarlet Beast O’ Seven Heads», und ist, wie seine beiden Vorgänger, ein Collage-Projekt. «Ich bewege mich in der Kulturgeschichte wie in einem Süsswarenladen», sagt Gropper am Telefon. Für «The Scarlet Beast . . .», dieses scharlachfarbene biblische Monster mit sieben Köpfen, das während der Apokalypse unter den Menschen wütet, heißen Groppers Lieblingssüßigkeiten «Weltuntergang, italienische Filmsoundtracks der 70er-Jahre, Easy Listening». Die musikalischen Anleihen erklären sich schnell, über dem ganzen Album liegt ein Flirren und Leuchten, getragen von gedämpften Bläsern, zarten Harfen und vor allem quengelig-vergilbten Synthesizern, gerade so, als läge man mitten in einem alten Film an einem mediterranen Strand. In einer Wärme, in der jedoch bereits die betörende Kältefront der Apokalypse lauert.

 

Das Wunderkind

Konstantin Gropper selbst ist ein bescheidener Musiklehrersohn aus der oberschwäbischen Provinz, der nach einem Umweg über Berlin – es war ihm dort alles zu groß – vor kurzem wieder nach Mannheim gezogen ist. In Mannheim hatte er an der Popakademie studiert, deren prominentester Lehrer Xavier Naidoo ist. Gropper sah Naidoo allerdings nur ein einziges Mal: Naidoo hielt einen Schnellkurs über deutsche Songtexte, was Gropper, der auf Englisch so sagenhaft schöne Poplyrik zustande bringt, dass man seine Refrains jahrelang nicht vergisst, sowieso nicht sonderlich interessiert haben dürfte.

Der Pop-Akademiker Gropper legte sich den Künstlernamen Get Well Soon zu, also «Gute Besserung». Drei Jahre lang, so geht die Sage, habe er zu Hause am Computer gesessen, für sein erstes Album «Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon» jedes Instrument selbst eingespielt, neben seiner eigenen Stimme, die dunkel, gross und düster klingt, auch jede Nebenstimme selbst eingesungen und verfremdet und zu ganzen Chören abgemischt. Das Resultat war großartiger sinfonischer und cineastischer Pathospop.

Bevor er überhaupt einen Plattenvertrag ergattern konnte, hatte schon das Rumoren um das Wunderkind der Mannheimer Schule eingesetzt. Gropper wurde zu Liveauftritten und Festivals eingeladen, aber weil er ja bei seinem ganzen kompositorischen Bombast nicht gut nur mit sich selbst auftreten konnte, rief er seine Schwester Verena, einen Cousin und ein paar multiinstrumental veranlagte Freunde zu Hilfe. Aus Get Well Soon, dem Einzelkünstler, wurde Get Well Soon, die Band, die übrigens live, das sei hier mir großem Nachdruck gesagt, etwas vom Charmantesten ist, was es auf einer Bühne gibt.

«Rest Now . . .» erschien 2008, es war berückend, enorm feingliedrig, vielschichtig und schamlos in seinem Größenwahnsinn. Da tauchten Motive und Figuren auf, als hätte einer die großen Archive Hollywoods durcheinandergeschüttelt, und herausgefallen wären ein Zwergenchor aus «The Wizard of Oz» und ein paar Hitchcock-Blondinen. Dazu noch ein paar Gespenster und Gerippe aus deutschen Märchenwäldern und das Selbstmordkonzept des Heinrich von Kleist. Es war die pure Schauerromantik. Schöne, böse Töne aus einem vergessenen Kinderzimmer der Vorhölle.

Hommage an Roland Emmerich

2010 erschien «Vexations», und jetzt geht also in «The Scarlet Beast…» erneut und konsequent die Welt unter, sei es via Maya-Kalender («Let Me Check My Mayan Calendar») oder das fallende Rom («The Last Days of Rome»). «Mir wird das immer unterstellt», protestiert Gropper, «dabei ist ‹The Scarlet Beast . . .› mein erstes Weltuntergangsalbum! Macht ja auch nix, ich find ja so ein bisschen Legendenbildung auch immer schön. Aber bei all dem, was grad so passiert, ökonomisch und ökologisch, könnte man ja schon abergläubisch werden. 2012 ist Endzeitstimmung.» Und deshalb widmet er einen Song – er heißt «Roland, I Feel You» – Roland Emmerich, dem Regisseur, der in «2012», «The Day After Tomorrow» oder «Independence Day» das Ende der Welt, wie sie uns lieb ist, zeigt. «Emmerich hat mich immer schon fasziniert, weil er die Welt mit so viel Herzblut untergehen lässt. Ich bevorzuge zwar ein psychologischeres Konzept von Melancholie als er, Lars von Trier ist mir da näher. Aber Emmerich ist schon wie ich so ein Bombast-Melancholiker. Und wir kommen aus der gleichen Gegend.»

«Roland, I feel you / it is mayhem out these days / I specialize in endtimes too», singt Gropper, «Roland, ich spür dich / es herrscht Chaos dieser Tage / ich habe mich auch aufs Endzeitliche verlegt.» So verbündet sich ein Apokalyptiker mit dem andern, die Musik dazu ist ein süßes Melodram – «apocalypso-beat» heißt es im Song – und reißt einen gleich zu Beginn mit so einem von coolen Bläsern vollführten 70er-Jahre-Schlenker hinein in ein Liebeslied über alles Todgeweihte. Und immer wieder, wie schwarze Peitschenhiebe, Groppers Stimme, die zum Aushalten gemahnt. Der Videoclip dazu ist eine Verballhornung von Spaghetti-Western, Monstertrash und einer Heldin à la «Kill Bill». Garniert vom Sound mehrerer Untergänge, Explosionen, Schreie, Schüsse. Von Emmerich keine Spur, aber auch so sehr schön.

Auch wenn Get Well Soon einmal einen Videoclip im gleichen Wald gedreht haben wie Lars von Trier seinen «Antichrist» – «Mit dem gleichen Förster!» –, so sind Groppers große Idole nicht Lars von Trier und Emmerich, sondern «Kubrick und Hitchcock». Und deshalb leitet er den letzten Track auf «The Scarlet Beast . . .» auch mit einer gesprochenen Passage ein, die er Hitchcocks «Marnie» nachempfunden hat. Ein anderer Track heißt «Disney», ein weiterer ist «Dear Wendy» gewidmet, Thomas Vinterbergs Film über einen Mann, der seine Pistole Wendy tauft – das Drehbuch stammt von Lars von Trier.

 

Der Porno-Komponist

Das Geld, sagt Gropper, sei gerade kein so großes Problem in seinem Leben, er verdiene erstaunlicherweise vor allem an den Plattenverkäufen und weil er regelmäßig für Film und Fernsehen arbeitet. «Mit Konzerten eher nicht, dazu ist die Band dann doch zu groß.» Wim Wenders hat schon Stücke von Get Well Soon verwendet, und letztes Jahr hat Gropper im Auftrag von Arte Frankreich den Soundtrack für die Porno-Miniserie «Xanadu» komponiert. Das sei auch «sehr Lars-von-Trier-mäßig» gewesen, «Hardcore und Tiefenpsychologie». Neuerdings arbeitet er auch fürs Theater. Am 7. Dezember hat am Schauspiel Frankfurt sein «Singspiel» nach Bulgakows Roman «Der Meister und Margarita» Premiere. «Der Roman ist wirklich auch sehr mein Ding, ich weiß gar nicht, wie der bisher an mir vorbeigehen konnte. Überhaupt, die russische Literatur!» Schon klar. Die Russen. Pathetisch, bombastisch, melancholisch.

Simone Meier, Tages-Anzeiger 24.08.2012

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