E. L. Doctorow: Homer & Langley

Von Langley Collyer gibt es nur wenige Fotos. Das letzte stammt aus dem Jahr 1946, und er ähnelt darauf jenem Mann, für den er sich gern ausgab: Ein Erfinder, der seine Ausbildung zum Ingenieur an der Columbia University in New York erhielt. Der Welt ein wenig entrückt trug er lange Haare und setzte einen wissenden Blick auf. Der Schein trog jedoch. Der jüngere der beiden Brüder Homer und Langley, deren Geschichte E. L. Doctorow in seinem neuen Roman verwendet, war schwer krank. Er litt unter dem, was seit Ende des letzten Jahrhunderts als Vermüllungsyndrom beschrieben wird und in den meisten Fällen ein  Symptom des Aufmerksamkeitsdefizits ADS ist. 1947 starben die beiden Brüder und hinterließen in ihrem riesigen Haus in Harlem weit über hundert Tonnen zumeist vollkommen wertlose Gegenstände. Ein Ford T war darunter, ein Dutzend Klaviere, ein Röntgenapparat und vor allem die Zeitungen aus den vergangenen Jahrzehnten. Sie stapelten sich in allen Etagen, dass sich die Deckenbalken bogen, die Ratten herzlich erfreuten und vermehrten und das ehemals teuer eingerichtete, schicke Haus des Gynäkologen Herman Livingston Collyer begonnen hatte einzufallen.

Angefangen hatte alles womöglich mit einer Telefonrechnung, die Langley nicht bezahlte, weil angeblich Gespräche darauf waren, die er nicht geführt hatte. 1917 wurde das Telefon abgestellt. Gute zehn Jahre später geschah dasselbe mit dem Gas. Während Harlem sich von einem Viertel der oberen Mittelklasse zum Ghetto der Afroamerikaner entwickelte, zogen sich die Brüder immer mehr in ihr Haus zurück. Sie vernagelten die Fenster und kamen nur nachts heraus. Homer war erblindet und wurde seit den Dreißigern nicht mehr gesehen. Er war vollständig von seinem Bruder abhängig, der sich durch die Gänge und Tunnel seines Unrates zu bewegen wusste. Weil er glaubte, so könne sein Bruder das Augenlicht wieder gewinnen und all die alten Zeitungen lesen, ernährte er den in einer Nische auf einem Sessel sitzenden Homer mit hundert Orangen pro Woche. Die Presse schrieb über die noch immer schwer reichen Brüder. Es entstand das Gerücht, sie horteten Unmengen Bargeld, das sie den Banken nicht anvertrauten. Schließlich baute Langley Fallen für die Einbrecher und geriet dann selbst in eine von ihnen. Er wurde von seinen Zeitungsballen erschlagen. Homer, der neben seiner Blindheit mit Lähmungen zu kämpfen hatte, verhungerte.

E. L. Doctorow gehört schon sehr lange zu den besten und erfolgreichsten Autoren Amerikas und der Welt. Sein vielleicht bekanntester Roman, Ragtime, entwirft ein luzides Bild der USA vor dem ersten Weltkrieg. In Der Marsch erlebt man lesend die Schrecken des Bürgerkrieges. Dabei hat Doctorow die Kunst entwickelt, sich Figuren auf Abwegen so zu nähern, dass man gern mit ihnen geht und leidet, ohne dabei bedrängt zu werden. Sich vollkommen auf die zu erzählende Geschichte verlassend, wandert Doctorow souverän, detailreich und niemals verliebt durch die großen Schrecklichkeiten und Zumutungen. Das stößt zwar manchmal an seine Grenzen, wenn man die Richtung der Erzählung im großen historischen Raum, den Doctorow immer betritt, nicht erkennt. So geschah es in City of God, dem Versuch, die Abgründe des 20. Jahrhunderts mit den Höhenflügen der Modernen Theoretischen Physik zu verschränken. Aber noch in diesem nicht ganz gelungenen Roman findet man die brillantesten Erzählungen, die zu den Sujets geschrieben worden sind. Wenn man Doctorow unbedingt vergleichen wollte, dann vielleicht mit einem Camus, der sich des Pathos, der strikten Konstruktion und der Großspurigkeit entledigt hat. Wo man bei Jonathan Franzen genialen Klamauk findet, ist bei Doctorow Respekt und, wagen wir es zu sagen: Liebe. Heutiger als der am 6.1.1931 in New York geborene Doctorow kann man nicht schreiben.

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Das tragische Ende der liebenswerten Brüder,

die sich gegen die Welt stellten und sich doch nur in ihr verirrten

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Mit Homer & Langley hat er sich und uns ein großartiges Geburtstagsgeschenk gemacht. Dabei gehört es zu den schwierigsten literarischen Unterfangen, sich einer schon existenten und noch dazu erdrückenden Geschichte anzunehmen. Doctorow tut das zum Glück mit großer Freiheit. Das Haus verlegt er aus dem nördlichen Harlem direkt an den Central Park, wo Aufmärsche und Demonstrationen stattfinden. Er vertauscht die Altersreihenfolge der beiden Helden, schickt Langley in den Ersten Weltkrieg, wo er beinahe im Senfgas stirbt, opfert die Eltern der Schwarzen Grippe und lässt die beiden Brüder den größten Teil des 20. Jahrhunderts erleben: Prohibition, Zweiter Weltkrieg, Vietnam, die Hippies und ein halbes Dutzend Umbenennungen ihrer Bank, die sich dabei charakterlich mitnichten entwickelt. Langley hat alle Attribute des Messies: Das Haus ist sein Körper, Eingriffe in seine Un-Ordnung empfindet er als Körperverletzungen. Und natürlich hat er ein Projekt, das niemals zu Ende gebracht werden kann: Er möchte aus all den Zeitungen die ultimative Zeitung destillieren, die nur einmal gedruckt werden muss und für jeden noch kommenden Tag gültig ist. Eigen ist dem Messie ja vor allem die reiche Phantasie. Während er durch das Chaos geht, sieht er die perfekte Ordnung, und wie er sie herstellen kann. Er lebt vom Tunnelblick und hat kein Problem, das unperfekte zu akzeptieren. Schließlich ist es nur vorübergehend.

Den wahren Homer Collyer fand die Polizei zwei Stunden nach dem Aufbrechen der Türen verwahrlost in seinem Sessel. Er war seit zehn Stunden tot...
Den wahren Homer Collyer fand die Polizei zwei Stunden nach dem Aufbrechen der Türen verwahrlost in seinem Sessel. Er war seit zehn Stunden tot...

Seine Studenten, darunter so erfolgreiche Autorinnen wie Hannah Tinti oder die viel zu früh gestorbene Ellen Miller, lehrte Doctorow, dass ein Roman immer ein Liebes- oder ein Abschiedsbrief sein muss. Homer und Langley ist beides: Der Roman ist der Brief Homers an die französische Schriftstellerin Jacqueline Roux, die er nur einmal im Central Park getroffen hat, an die er aber alle Hoffnung hängt. Den Brief tippt er auf einer Maschine, deren Tasten Blindenschrift tragen. Zu diesem fortgeschrittenen Zeitpunkt ist Homer auch taub geworden, und der Roman beginnt seinen finalen Furor zu entfalten. Fühlte man sich anfangs nur gut unterhalten und folgte den Brüdern in der gefährlichen, ohnmächtigen Wut gegen Bank, Wasserwerk, Gasunternehmen und Telefongesellschaft und den stetig wiederkehrenden Kriegen teils belustigt, teils in der Furcht, sich selbst in der eigenen Hilflosigkeit zu erkennen, so weiß man nun nicht mehr ob man langsamer oder schneller lesen möchte. Zunehmend entblättert sich die archaische Situation des Einzelnen, der sich der Geschichte ausgesetzt sieht und eine plausible Haltung zu ihr auch beim besten Willen nicht finden kann. Ohne Ohren und Augen sitzt Homer in einem verdunkelten Haus mitten in New York City und tippt seine Erinnerungen für eine Frau, die gesagt hat, sie käme vielleicht noch einmal wieder. Eingeschlossen in nichts als seinen eigenen Geist möchte er zurück in die Welt, die er mit seinem Bruder doch so rigoros abgelehnt hat. Sie heißt jetzt Jacqueline.

Den wahren Homer Collyer fand die Polizei zwei Stunden nach dem Aufbrechen der Türen verwahrlost in seinem Sessel. Er war seit zehn Stunden tot und hatte seit vielen Tagen nichts gegessen. Seinen Bruder entdeckte man erst knapp drei Wochen später, obwohl er im selben Zimmer lag. Hundert Tonnen Müll waren bereits abtransportiert worden. Details über Langleys Zustand will der Rezensent dem Leser ersparen, denn E. L. Doctorow kommt in seinem Roman ohne Plakativität und Effekte aus. Er verwandelt das tragische Ende der liebenswerten Brüder, die sich gegen die Welt stellten und sich doch nur in ihr verirrten, in ein Stück äußerst aufgeräumte Weltliteratur, das uns düster und fremd und zugleich heimlich vertraut anfunkelt.


Text: Ralf Bönt

Text erschienen in Süddeutsche Zeitung


 

E. L. Doctorow: Homer & Langley.

Aus dem Englischen von Gertraude Krueger.

Kiepenheuer & Witsch, Köln. 220 S., 18,95 Euro

 

 

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