Antonio Negri speaking at the Seminário Internacional Mundo, Dezember 2008 (Bild: fabiogoveia)

Die Wiedereroberung des Gemeinsamen

Krise, Kommunismus, kommende Demokratie – ein lesenswerter Band versammelt Interviews mit Antonio Negri

Antonio Negri stapelte tief, als ihn der Spiegel 1997 im Gefängnis von Rebibbia besuchte. Nein, er wolle keine neue Bewegung gegen den Kapitalismus auf die Beine stellen: „Ich bin 64 Jahre alt, wie Sie schon angemerkt haben. In diesem Alter erfindet man keine neue Utopie und keine neue Organisation.“ Vielmehr habe er soeben ein Buch über „die Idee des Imperiums geschrieben“.

Mittlerweile ist Negri 77 und besagtes Buch unter dem Titel Empire zu einem Weltbestseller geworden. Für Altersmüdigkeit fehlt ihm heute vermutlich schlichtweg die Zeit. Der italienische Philosoph ist zu einem der gefragtesten Intellektuellen weltweit avanciert. Wo immer er auftritt, die Veranstaltungshallen zwischen Rom und Berlin, Peking und Buenos Aires platzen aus den Nähten. Empire wurde mittlerweile ins Chinesische und Arabische übersetzt, und auch seine zweite Koproduktion mit Michael Hardt, Multitude erfuhr große Resonanz. Dieses Jahr erschien mit Common Wealth der Abschlussband dieser Trilogie. Mit dem undogmatischen Globalisierungsnarrativ haben Hardt und Negri den Soundtrack zum globalen Protest geschrieben, einen marxistischen Entwurf mit universeller Reichweite, der auch nach dem Desaster der osteuropäischen Staatsbürokratien über Ausstrahlungskraft verfügt.

Wer einen Einstieg ins voraussetzungsvolle Gedankengebäude Negris sucht, ist mit Goodbye Mr. Socialism gut bedient. Der jüngst veröffentlichte Band versammelt Gespräche Negris mit Raf Valvola Scelsi, einem ehemaligen Cyberpunk-Aktivisten, der heute als Lektor bei Feltrinelli arbeitet, dem italienischen Pendant zu Suhrkamp. Negri und Scelsi stimmen in ihren Dialogen variable Tempi an, mal plaudern sie wie alte Freunde beim Espresso, mal insistiert Scelsi ausdauernd auf einem kritischen Punkt, mal dient er als Stichwortgeber für konzentrierte Vorträge Negris. Dabei kommen die beiden von den Protesten in Genua über Kafkas Schloss zu den Tausend Plateaus des französischen Philosophen Gilles Deleuze. Eine „andere Moderne“, die sich etwa auf Macchiavelli und Spinoza beruft, steht genauso zur Debatte wie die allgegenwärtige Korruption in Brasilien.

Die aktuelle Krise begreift Negri als systemische. Der Kollaps habe nicht von der Finanzwirtschaft ausgehend die Realwirtschaft erfasst, vielmehr seien beide Sphären nicht voneinander zu trennen. Hinter dieser Einschätzung steht Negris Auffassung von einer Produktionsweise, die er in Anlehnung an Michel Foucault „biopolitisch“ nennt: Heute werde Reichtum von der Gesellschaft in ihrer Gänze erwirtschaftet, selbst Kommunikation und Affekte dienen der Kapitalverwertung. Bereits das Alltagsleben ist produktiv.

Das Kapital eignet sich die Kooperation der Produzenten ebenso an wie die Güter, die sie hervorbringen. Wohnung, Gesundheit, Bildung werden kapitalisiert. In der Ausbeutung dieses von der Gesellschaft hervorgebrachten „Gemeinsamen“ erkennt Negri einen „Kommunismus des Kapitals“. Die Finanzwirtschaft liefere mit den Börsenbewertungen die Kriterien, um diesen gesellschaftlichen Reichtum zu bestimmen. Kontrollieren kann das Kapital diese Reichtumsproduktion aber nicht, es bleibt ihr äußerlich. Einzig die Produzenten seien befähigt, sich die Verhältnisse anzueignen. Dazu müssten sie demokratische Basisstrukturen schaffen, „die ein Konkurrieren im Sinne eines Zusammenkommens, einen Konsensus im Sinne eines intellektuellen Miteinander ermöglichen“. Solche Formen begreift Negri als kommunistische.

Eine staatliche Antwort auf die Krise unter linken Vorzeichen erkennt Negri in der Politik Barack Obamas. Der US-Präsident bediene neben den Interessen von Industrie und Finanzsektor auch jene der Arbeiter und nehme längst überfällige Gesundheitsreformen in Angriff. Wichtiger noch: Obama verkörpere eine neue Vorstellung des Regierens, schließlich sei der Präsident „ein Produkt der Bewegungen“. Seinem Wahlsieg ging eine breite Mobilisierung in der US-Gesellschaft voraus, eine Graswurzelbewegung trug erheblich zu seinem Erfolg bei. Von der „Generation Obama“ spricht die New York Times, Negri vergleicht die Dimension dieses Engagements sogar mit 1968. Entscheidend sei nun, ob es Obama gelinge eine Beziehung zu den Bewegungen zu bewahren: Hilft er ihnen bei der Wiederaneignung des Gemeinsamen – was einen Angriff aufs Privateigentum erfordere – oder wird er diesen Impuls blockieren?

Dieses Regieren mit den Bewegungen praktiziere Brasiliens Präsident Lula da Silva bereits seit einigen Jahren. Nach Negris Beobachtung wird dort die Partizipation der Bevölkerung massiv gefördert, wodurch „Formen der Selbstregierung“ erstarkt sind. Das Brasilien-Kapitel zählt mit seiner nuancierten Abwägung der dortigen Reformen zu den besten des Bandes, auch weil Probleme wie der stark verankerte Rassismus deutlich benannt werden. Negri hat Lateinamerika in den vergangenen Jahren wiederholt bereist. In seinen Analysen der Veränderungen auf dem Subkontinent zeigt er sich umfassend informiert und klarsichtig. Kein Wunder, dass er dort ein gern gesehener Gast ist und auch Regierungsvertreter den in Italien einst wegen Subversion verurteilten Philosophen empfangen.

Negri gehört zu den leider seltenen linken Denkern, die unanfällig für Nostalgie sind. Er erinnert mit Verve und ohne Bedauern an die Revolte der sechziger Jahre, enthusiastisch wird er aber, wenn er die Gegenwart auf Potenziale für eine künftige Befreiung befragt. Dem Realsozialismus weint Negri daher keine Träne nach. Die sowjetische Realität hatte ihn schon in den frühen sechziger Jahren verstört, sagte er kürzlich dem Corriere della Sera. Negri hatte die UdSSR mit einer Delegation der italienischen Sozialisten besucht und schockiert auf Diktatur und bürokratische Gesellschaft reagiert. Zurück in Italien habe er mit der offiziellen Arbeiterbewegung gebrochen und sich der Neuen Linken angeschlossen. Scelsi erzählt er, wie er 1989 tief bewegt mit Claus Offe auf den Fall der Mauer anstieß. Das „Goodbye“ des Buchtitels gilt dem Realsozialismus ebenso wie der Sozialdemokratie. Beide weisen keinen Weg in eine postkapitalistische Zukunft, sondern verbauen ihn vielmehr. Der Sozialismus repräsentiert für Negri eine Variante kapitalistischen Managements.

Von Thomas Atzert wie stets stilsicher übersetzt, liegt mit Goodbye Mr. Socialism ein Band vor, der komplexe Fragen komprimiert abhandelt und trotzdem gut lesbar bleibt. Die zahlreichen aktuellen Bezüge machen das Buch auch für jene zur anregenden Lektüre, die mit Negris Analysen bereits gut vertraut sind.

Text: Steffen Vogel

Bild Teaser Startseite via sevenstories


Antonio Negri, Raf Valvola Scelsi: Goodbye Mr. Socialism. Das Ungeheuer und die globale Linke.

Aus dem Italienischen von Thomas Atzert.

Edition Tiamat, Berlin 2009, 240 S., 16 Euro





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