William Boyd: Solo

007 – Der Halbschotte aus Wattenscheid

Als Typ ist er nun schon so lange in unserem Leben, dass er auf jeden Fall zum Bekanntenkreis gehört. Wir leben mit in seinem aus ernsten, halbernsten, spielerischen und lächerlichen Männerphantasien bestehenden Universum, befeuert aus 23 Filmen, an die 50 Romanen plus noch einmal rund 20 aus seiner Kindheit und Umfeld, dazu jede Menge Sekundärliteratur, darunter auch das schwergewichtige Taschen-Buch „007 – Das James Bond Archiv“ von Paul Duncan.

William Boyd, CC BY-SA 3.0 Michael Fennell
William Boyd, CC BY-SA 3.0 Michael Fennell

Seit jener „Bond, James Bond“ im Jahr 1953 als Romanheld in „Casino Royale“ auf die Bühne trat, seit nun 60 Jahren also, schreiben die Autoren seiner Bücher und Filme mit ihm an einem kulturellen Subtext des modernen Mannes und seiner Rituale. Bond hat nicht nur die Lizenz zum Töten, er hat sie auch zum Spaß an allerlei Freud, dies ganz in Sigmunds Sinne. Die Bond-Movies wie auch die Romane sind eine kulturgeschichtliche Reise durch Weltaneignung, Geschlechterkrieg, Paranoia und Zerstörungslust, voller Gags und Posen, brenzligen Situationen, scharfen Dialogen und wilden Stunts, aber auch Peinlichkeiten und ödem Machismo. Für mich hat Bond seit geraumer Zeit, erst recht seit seiner Verkörperung durch Daniel Craig, den Anstrich von zu dick aufgelegtem Herrenparfum, auch deshalb war ich auf das neueste vom Fleming-Trust kommissionierte Bond-Abenteuer, diesmal aus der Feder des eher zartbesaiteten William Boyd, neugierig. Vielleicht gibt Boyd uns ja den Snob zurück, spekulierte ich im Mai 2012 anlässlich Boyds letzten Roman „Eine große Zeit“ (Waiting for Sunrise). Vielleicht könne Boyd uns etwas sagen über den infantilen Anteil an unserem Vergnügen an der Thrillerliteratur, spekulierte ich, hoffentlich habe Boyd nicht zu viel Hochachtung vor dem Original. Nun, nicht alle Wünsche gehen in Erfüllung, aber eine Nicht-Empfehlung wird diese Besprechung nicht.

60 Jahre und noch nicht auserzählt

50 Jahre werden es 2014, dass Ian Fleming tot ist, aber er schreibt sich fort. Beginnend mit „Casino Royale“ (1953), verfasste Fleming zwölf Romane und zwei Kurzgeschichten-Bände mit seinem Agenten 007. Der erste Post-Fleming Bond, „Colonel Sun“ von Kingley Amis, erschien 1968. John Gardner brachte es zwischen 1976 und 1996 auf 16 Bond-Romane, Christopher Wood steuerte zwei weitere bei, dann folgte der Amerikaner Raymond Benson mit neun Büchern (1996 – 2002). Charlie Higson tauchte mit einer „Young Bond“-Serie in Bonds Schulzeit am Eton-College, zuvor schon hatte Arthur Calder-Marshall die Jugendzeit des Bond-Neffen James beleuchtet, von John Peel dann mit sechs Romanen weitergeführt. Samantha Weinberg berichtete in drei Tagebuchromanen aus der Sicht von Miss Moneypenny über Bonds Erlebnisse. Literarisch ambitionierter dann der einmalige Einsatz von Sebastian Faulks mit dem 1967 spielenden „Devil May Care“, es folgte die etwas unentschlossen im heutigen Thriller-Terrain wildernde „Carte Blanche“ von Jeffery Deaver, „Demutsstarre“ nannte ich das in einer CrimeMag-Rezenion. 1997 gab es mit dem Spiel „Golden Eye 007“ den ersten James-Bond Ego-Shooter, über 25 Bond-Videospiele sind es bis heute, auch das ein nicht zu verachtendes Franchise. Zum 50-jährigen Jubiläum der Bond-Filmreihe erscheinen seit 2012 bei Cross Cult alle 14 Fleming-Bände erstmals ungekürzt in neuer deutscher Übersetzung. (Thomas Wörtche hat sie gelesen)

Die Eltern: ein Schotte und eine Schweizerin

Bis auf eine kleine Ausnahme in „You Only Live Twice“ gibt Fleming in seinen Romanen kaum Aufschluss über den Lebenslauf seiner Figur. John Pearson baute in dem 1973 erschienenen „James Bond: The Authorized Biography“ die knappen Angaben Flemings weiter aus. Demnach wurde James Bond am 11. November 1920 als Sohn des schottischen Ingenieurs Andrew Bond aus Glencoe und der Schweizer Bergsteigerin, Monique Bond, geborene Delacroix aus dem Kanton Waadt, in Wattenscheid im Ruhrgebiet geboren. (Ja, wirklich!) Die Eltern wurden so auch schon von Fleming beschrieben, der Geburtsort ist allein Pearsons logisch gefolgertes Zutun. Nachdem die Eltern 1931 bei einem Ski-Unfall in Chamonix ums Leben kamen, wuchs Bond mit seinem älteren Bruder Henry bei Tante Charmaine Bond in Pett Bottom bei Canterbury auf, kam mit 13 Jahren ins Elite-Internat nach Eton, wurde mit 15 wegen eines Zwischenfalls mit einem Zimmermädchen davon verwiesen, landete im Fettes College in Edinburgh, wo schon sein Vater zur Schule gegangen war. In „Man lebt nur zweimal“ wird erwähnt, dass Bond in Cambridge ostasiatische Sprachen als Nebenfach studierte.

Nun also William Boyd, der zuvor in „Eine große Zeit“ in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs gestiegen und in Freunds Wien amourös unterwegs gewesen war. In einer Vorbemerkung bezieht Boyd sich explizit auf Flemings Chronologie und dessen biografische Details – die originalen Bond-Romane spielen zwischen Ende Mai bis Mitte Juli 1951 („Casino Royale“) und November 1963 bis Ende Februar 1964 („Der Mann mit dem goldenen Colt“). Boyd bekennt sich zum von Fleming selbst seiner Figur zugedachtem Geburtsjahr 1924 und startet dann mit der seltsam anmutenden Kapitelüberschrift „1. Im Traum beginnt Verantwortung“.

James Bond träumt vom Krieg – und von einer Frau

James Bond träumt. Er träumt vom Krieg. Vom späten Vormittag des 7.Juni 1944 in einem Obstgarten in der Normandie, einen Tag nach dem D-Day. 19 Jahre war er damals alt, „als Leutnant im Sicherheitsdienst der Marine-Freiwilligenreserve der BRODFORCE zugeteilt, die zur 30 Assault Unit gehörte, einem Elitekommando, das Geheimnisse der Gegenseite – Dokumente, Akten und Verschlüsselungsgeräte – aufspürte und alle Plünderungen, die nach der Schlacht zulässig sind, durchführte. Tatsächlich hielt Bond Ausschau nach einer neuen Version der Chiffriermaschine, die die Wehrmacht benutzte.“

Warum nur träumt er vom Krieg, fragt Bond sich im Badezimmer des Dorchester. „Nur selten verirrte Bond sich in den finsteren Wald seiner Erinnerungen von damals“, bemerkt Boyd, dem hier das möglicherweise beste aller je erdachten ersten Bond-Kapitel gelingt, schneidet er doch elegant zwischen dem Heute und dem Damals hin und her, lässt uns teilhaben an Bonds leichter Desorientierung am Morgen nach seinem alleine im Hotel verbrachten 45. Geburtstag, beim einsamen Dinner im Speisesaal eine schöne Frau im Auge, der er nun plötzlich im Aufzug gegenüber steht (pardon the pun), beide auf dem Weg hinunter zum Frühstück, was für die Mitteilung reicht, dass auch sie alleine etwas gefeiert hatte, ihren vierten Scheidungstag; der Duft von Guerlains Shalimar, dem Bond seit Mutters Zeiten verfallen ist, jetzt ganz nah, eine Stimme im Hinterkopf, ob all das denn ein Zufall sein könne. In der Zeitung der Bericht von einer Vietkong-Offensive, an der Hotelrezeption dann ein erneutes Zusammentreffen mit der rätselhaften Frau und der Austausch von Visitenkarten. Bryce Fitzjohn heißt sie. Bryce also. Auf Seite 63 wird er, wieder ein Zufall, lernen, dass sie als Astrid Ostergard die weibliche Hauptrolle im B-Movie „Der Fluch der Vampirtochter“ spielt. Bond dann kurz in seiner Wohnung in Chelsea, Mittagessen im Café Picasso auf der King’s Road, am Nebentisch eine Frau in durchsichtiger Gazebluse, kleine Brustwarzen, wieder der Flash in die Kriegsvergangenheit, dann zu der hochgewachsenen Frau aus dem Aufzug, „ein Aufzucken animalischen Begehrens in den Lenden. Triebhaftes Verlangen. Dieser prähistorische Instinkt – die da gehört mir.“

Bond also ganz Mann, das erotische Begehren wird ihn bei William Boyd noch öfter überkommen – und in den Vorstufen schöner und kribbelnder zu lesen sein als dann beim irgendwie doch literarisch prüderen,-banalen Vollzug, der etwa so klingt: „Sie liebten sich mit Bedacht in ihrem breiten Bett, und er weidete sich an Bryce‘ weichem, reifen Körper“ (Seite 237), lange habe ich solch etwas nicht mehr gelesen.

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„Goldfinger“ Sean Connery als James Bond 007 (Bild: Fox)

Doch Schwamm drüber, Boyd ist ein Autor der Stimmungen, der Zwischenfarben und Zwischentöne, des Sowohl-als-auch. Ein „Mann ohne Eigenschaften“ im Sinne Robert Musils, uns mit feiner Seele, allerlei Bedenken und inneren Skrupeln faszinierend, das wird der Boyd’sche Bond aber nicht so ganz. Leider, muss ich sagen. Boyd hätte sich hier ruhig mehr trauen können, denn natürlich ist er richtig, der Weg ins Innere dieser Figur. Wie der Fleming-Biograf Andrew Lycett 1995 in seinem umfangreich recherchierten „Ian Fleming“ anmerkte, hatte der Autor schon anlässlich seines dritten der 14 Bond-Romane, es war „Moonraker“, darüber geklagt, dass die Zukunft seiner Figur nur eine beschränkte sein könne: „Nothing but a vista of fantastic adventures on more or less the same pattern, but losing freshness with each volume.”

Die besten Duschen in ganz London

Boyd umschifft geschickt, was in vielen der von den Fleming-Erben kommissionierten Bond-Romane bis zum Exzess getrieben wurde, jene bei John Gardner und Raymond Benson bis an die Grenzen des Absurden ausgemalten warenfetischistischen Aufzählungen tausender Luxusartikel, wie das dann auch von Bret Easton Ellis in „American Psycho“ und selbst noch in den „Fifty Shades of Grey“ nachgeahmt wurde. Boyd zollt diesem Unsinn im ersten Kapitel gleich am Beginn des dritten Absatzes folgendermaßen Tribut, um solches dann bis auf einer waffenfetischistische Ausnahme mit einem frei erfundenen Gewehr auf Seite 257/258 beiseite zu lassen :

„Mit einem grimmigen Lächeln stand er schließlich auf und ging nackt ins Bad. Das Dorchester verfügte über die besten Duschen in ganz London mit kraftvollem Wasserstrahl, der seine Haut auf fast schmerzhafte Weise zum Prickeln brachte, während die traumatischen Erinnerungen an jenen Tag im Jahr 1944 langsam fortgespült wurden.“

Die Qualitäten eines Luxushotels mit den „besten Duschen in ganz London“, das reicht bei Boyd für die elitäre Duftmarkierung und für dieses uns so wohlvertraute kleine ironische Lächeln, als ob denn jemand tatsächlich alle Hotelduschen Londons getestet hätte, Die Abteilung Q vielleicht?

Auf den Seiten 40/41 erfahren wir die Auflösung des Traums, erfahren wir, wie Bond damals in der Normandie zum ersten Mal dem Tod begegnete und sich mit seiner Sterblichkeit konfrontiert fand. Wiederum gelingt es Boyd, auch im zweiten Kapitel ohne Peinlichkeiten über leicht Peinliches zu schreiben, etwa wie Bond in das Haus der Frau aus dem Fahrstuhl eindringt, in einer Schublade Nacktfotos findet und sie studiert, von ihrer Rückkehr überrascht wird und sie voyeuristisch beim Ausziehen beobachtet, ehe er sich fasst, einen Gruß hinterlässt und verschwindet; wie er am nächsten Montag sein Büro aufsucht, seine Erkältung nun unabweisbar, und er Moneypenny gesteht: „An den letzten beiden Tagen war ich um acht im Bett“, worauf sie kontert: „Dieses Geheimnis behalte ich für mich.“ Der Rahmen für die weitere Handlung wird elegant gesetzt, schon sind die ersten 50 Seiten vorbei. Begeisternd beschwingt, dieser im Jahr 1969 angesiedelte Bond. Ich hätte das William Boyd nicht ganz zugetraut, muss ich gestehen.

Die „30 Assault Unit“ und Fleming selbst lassen grüßen

Leider kommen dann die Mühen der Ebene. Zuvor aber noch ein Hinweis auf ein metafiktionales Aperçu, das Boyd sich zum Einstieg erlaubt. Jene 30 Assault Unit, mit der Bond auf den ersten Seiten in der Normandie unterwegs ist, gab es tatsächlich. Ins Leben gerufen und befehligt wurde die Einheit von Ian Fleming himself, der sie seine „Rothäute“ nannte. Nicholas Rankin berichtet davon in dem blickweitenden „Ian Fleming’s Commandos. The Story of 30 Assault Unit in WWII“ (2011). Lieutnant-Commander Ian Fleming RNVR nämlich diente im Zweiten Weltkrieg als persönlicher Assistent des Direktors des britischen Marine-Geheimdienstes, seine „30 Assault Unit“ war bei den Landungen in Nordafrika, Sizilien, der Normandie und bei der Befreiung von Paris mit dabei, um wichtige Unterlagen und „Spycraft“ zu erbeuten, „Monuments Men“ einer ganz anderen Sorte als jene, die nur Kunstschätze Europas vor Zerstörung sichern wollte (siehe diese Besprechung).

In Deutschland schnappten sich Flemings Spezialisten 1945 das 300 Tonnen schwere Archiv der Kriegsmarine, das nach England gebracht und dort für die Nürnberger Prozesse auf Beweismittel durchkämmt wurde.
Mit elf oder zwölf Jahren, so beschrieb Boyd es im Jahr 2002 in einem Text über Fleming, habe er „Liebesgrüße aus Russland“ mit einer verbotenen Erregung gelesen, als handle es sich dabei um eine nur unter Vertrauten herumgereichte, seltene Samisdat-Pornografie. Das also sei sie, „die erwachsene Welt, die uns allen heute vertraute Mischung aus Snobismus, Sex, grotesker Gewalt, exotischen Reisen und Luxusgütern“. Bonds Welt, so fand Boyd in dem in seiner Essaysammlung „Bamboo“ (2005) enthaltenem Text, seine eine Comic-Strip-Version des Lebens, das Fleming selbst beinahe lebte. Fleming spielte eine kleine Rolle in Boyds Roman „Eines Menschen Herz“ von 2002. Als einen unglücklichen, zerrissen Charakter, dem eine Erbschaft einen snobistischen Lebensstil erlaubte, sah ihn da Boyd. Als Fleming 1939 zur Naval Intelligence Division stieß, ließ er sich von seinem Schneider extra eine Uniform anfertigen. Dass seine reichen Freunde ihn als „chocolate soldier“ verulkten, während er in Wirklichkeit Spionageeinsätze plante und im Geheimkrieg gegen Hitler aktiv war, verunsicherte ihn tief. Seine Reaktionen waren alles andere als selbstbewusst und Bond-gemäß cool. Der ich-zentrierte Fleming beschrieb sich einmal so: „Ich blieb immer mit einem Bein in der Wiege, die ich nicht verlassen wollte, während mein anderes Bein schon auf das Grab zueilte. Das führt zu ziemlich schmerzhaften Verrenkungen im Leben.“

Nun aber: Auf nach Afrika …

Bond wird bei Boyd nun nach Afrika geschickt, in den fiktiven Kleinstaat namens Zanzarim, wo er sich getarnt als französischer Journalist bei den Militärs einschleichen und einen blutrüstigen Brigadegeneral „lahmlegen“ soll. Es geht um mit Humanitärem bemäntelte Öl-Interessen, wir kennen das im Schlaf. Es gab schon originellere Bond-Plots, ja selbst das Afrika des in Ghana geborenen und auf dem Kontinent aufgewachsenen Boyd freilich ließ mich ziemlich kalt, da halfen auch verhungernde Kinder wenig und eine sich auf Wellingtons Taktik berufende „Schlacht am Kololo-Knüppeldamm“, eine Mischung aus Artilleriebeschuss, scheinbarem Rückzug und Verwirrung, die 182 Gefangene einbringt und ein Treffen mit der Zielperson, die von Korbus Breed abgeschirmt wird, einem verunstalteten südafrikanischen Rhodesien-Söldner, einem uncharismatischen Blofeld-Verschnitt, der seine Opfer mordet, indem er sie an Fleischerhaken aufhängt. Oh Gräuel! Dieser Breed wird zu Bonds Nemesis, aber der Weg dahin ist zäh, führt auch zum titelgebenden „Solo“, einem persönlichen Rachefeldzug, bei dessen Begründung Boyd sich weit weniger wohl fühlt als bei anderen Bond‘schen Vergnügungen:

„Zwei Menschen hatten versucht, ihn zu töten – ein Mann, der ihn außerdem auf brutalste Weise hatte verstümmeln wollen, und eine Frau, die er mit vertrauensvoller und zärtlicher Hingabe geliebt hatte. Ausgerechnet sie plante, ihm den Todesstoß zu versetzen, als er bereits am Boden lag. Bond konnte diese entsetzlichen Sekunden im Kontrollturm von Janjaville nicht vergessen – niemals würde er sie vergessen. Wenn man dem Tod auf diese Weise ins Auge gesehen, wenn man die Einschläge am eigenen Körper verspürt hatte, konnte man, durfte man das nicht einfach als lehrreiche Erfahrung verbuchen, achselzuckend weiterziehen und seinem Glücksstern danken… er wollte diese beiden aufspüren und zur Rede stellen. Er wollte sie ihrer gerechten Strafe zuführen und sich daran weiden.“

… und dann nach USA

"Casino Royale" Daniel Craig ?? 2006 MGM Photo by Jay Maidment ** J.C.C.
„Casino Royale“ Daniel Craig als 007 (2006 MGM Photo by Jay Maidment ** J.C.C.)

Zum ruppigen Film-Primitivling Daniel Craig wird hier eine Distanz aufgemacht. Der fasst so etwas in Neandertalermanier im letzten, im insgesamt 23. und bislang allerallererfolgreichsten Bond-Film, im – wie ich hier begründet habe – aus Ersatzteilen zusammengeklaubten „Skyfall“ so zusammen: „Männer wollen uns töten. Wir kommen ihnen zuvor. Und töten sie.“

Für seine Privat-Rache, die dann doch nicht so privat ist, begibt sich Bond zum ersten Mal seit Raymond Bensons „The Facts of Death“ (1998) wieder in die USA. „Land der Freien“ heißt Kapitel 4, der Potomac fließt umbrabraun durch Washington, die schleichende Melancholie des Hotellebens befällt Bond, auch der Film „Bob & Carol & Ted & Alice“ tröstet ihn nicht weiter, er verlässt das Kino vor dem Ende. Man muss diesen Film von 1969 kennen oder wissen, dass es eine den Zeitnerv treffende Komödie des Regisseur Paul Mazursky war, Boyd lässt es bei der bloßen Erwähnung, hat wohl nur den Titel aus einem Jahrbuch gefischt und ist irgendwie nicht so ganz bei der Sache.

Der Showdown rückt dennoch näher, ein fieses Komplott wird enthüllt und Korbus Breed – sorry, Mr. Boyd – in einem etwas lachhaften Kampf vom Dach mit einem großen Stein beworfen und dann mit Pfefferspray der Marke „Savage Heat“ besprüht: „Das ist für Blessing, du Abschaum. Und das ist von mir“, zischt 007, ehe Bond dem Bösewicht ein Schnappmesser (?) bis zum Anschlag in den Nacken stößt.

„Bond trat keuchend einen Schritt zurück, noch etwas verstört von der Brutalität, mit der er vorgegangen war… So etwas durfte nie wieder passieren“, denkt er. Nun ja, der Bösewicht, ist gleich darauf spurlos verschwunden. Davon gehinkt, irgendwie. Bond, wieder zurück in London, von „M“ belobigt und sich selbst belohnend bei der hochgewachsenen Bryce zu Gast in deren Bett, verlässt die aufregende Frau mitten in der Nacht mit einem schriftlichen Dank „von ganzem Herzen und mit ganzer Seele“, weil er Spuren vor ihrem Haus findet, die auf Korbus Breed hindeuten. Er will sie nicht in Gefahr bringen, entscheidet er sekundenschnell. „Würde er jemals wieder eine solche Frau finden? Das war wohl der Preis, den man für diesen Betrug zahlen musste“, sinniert Bond, „während das Leben weitergeht“. Ein Ende also in aller Pulps Ehren, da hilft auch der feinsinnige Bezug auf Bonds Herkunft als „schottischer Bauer“ wenig, von Boyd in den unübersetzt und unerklärt bleibenden Begriff „Un Paysan Écossais“ gepackt. Bonds kavaliershaftes Frauenverlassen in Ehren, aber wenn der Böse nun doch schon einmal weiß, dass dem Helden an der Schönen liegt… nun, vielleicht im nächsten Bond-Roman dazu mehr. Es wird gemunkelt, Boyd könne und dürfe wieder. Denn der schlechteste Bond ist dies beileibe nicht, eher einer der interessanteren.

PS. Der amerikanische Thrillerautor Olen Steinhauer sieht Boyds 007 sogar als den besseren Bond. Aus „Solo“ könne man erfahren, warum die Welt auch nach 60 Jahren noch Geld für den Bond-Mythos ausgibt, schrieb er in der New York Times:
„In the beginning, his appeal in the postwar world of rations, gray English skies and declining empire was easy to determine: he offered Britons a glimpse into a privileged world beyond their means, a world of first-class flights to foreign casinos and sybaritic holidays at exclusive Caribbean retreats … Bond also told them, again and again, that Britain still mattered. Yet 60 years have passed, and people all over the world are still buying into the James Bond fantasy. Perhaps the reason can be gleaned from William Boyd’s ‘Solo,’ the latest official Bond novel… The truth is that Fleming’s Bond was only rarely a fully fleshed character. More often, he was a catalog of likes and dislikes, and it’s this very hollowness that has allowed later generations to imbue him with their own sensibilities …“

PPS. Auch Jack Reacher bekommt es in dem gerade erschienenen „61 Stunden“ mit einem Überbleibsel des Kalten Krieges zu tun. Es ist der 14. nun auf Deutsch vorliegende Jack-Reacher-Thriller, englischsprachige Leser sind bei Nr. 18. Lee Child lehnte es bereits zwei Mal ab, einen Bond zu schreiben. Danach gefragt, antwortete er in einem Interview, dass Bond ja schließlich einer der Gründe sei, warum die Welt sich verändert habe, ihn nun intelligent zu aktualisieren wäre eine wohl zu knifflige Aufgabe: „You would want to update it obviously, write a James Bond for the 21st century. Which would be very difficult, because James Bond is one of the reasons that the world changed, in a funny way. You’d be writing about the agent of change, and I think that would be very hard to pull off in a way that was intellectually coherent.“

PPPS. Scotch Soda trinkt Bond bei Boyd und bemäntelt seine Flugangst per Erster-Klasse-Tickets.

Alf Mayer, crimemag 02.11.2013
Foto: © Michael Fennell/Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported.

solo

William Boyd: Solo: Ein James-Bond-Roman

Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky

Berlin Verlag 2013, 368 Seiten, 19,99 Euro

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