Rudi Fuchs: Rembrandt spricht

Das faszinierende Buch über Rembrandt von Rudi Fuchs könnte auch „Rembrandt unplugged“ heißen, denn wir begegnen dem niederländischen Maler auf Augenhöhe, ohne Pathos von Genialität und Bedeutung. Der Kunsthistoriker skizziert die Laufbahn Rembrandts, indem er sich in die Gestaltungsfragen eines Historienmalers des 17. Jahrhunderts hineindenkt. Anhand von wenigen überlieferten Zitaten bringt er Rembrandt zum Sprechen und den Leser zum Verstehen, was es mit diesem einzigartigen Künstler auf sich hat. Der „biographische Roman“ ist fiktiv und doch womöglich näher am Geheimnis dieser Kunst als eine rein wissenschaftliche Analyse.

Dabei verfolgt Fuchs sehr genau, wie Rembrandt seinen Stil in produktiver Abgrenzung vom Werk seines Lehrers Pieter Lastman, aber auch in Opposition zu Peter Paul Rubens, dem älteren Zeitgenossen, und den italienischen Meistern, Raffael und Leonardo da Vinici, fand. Als angehender Maler studierte er die Geschichten der Bibel, als habe jede Nuance der Überlieferung eine Bedeutung. Diese Schilderungen unglaublicher Begebenheiten kombinierte er mit dem Realismus beobachteten Alltags. Und siehe da, diese Art der Historienmalerei lässt niemanden kalt.

Auch Rembrandts Gruppenporträts haben sich bis heute eine überraschende Frische bewahrt, weil  er „natürliche Beweglichkeit“ in die Komposition brachte. Sein Realismus, der Rhythmus der Figurengruppen, der Aufbau der gesamten Szenerie, zeigen Rembrandts Qualitäten als Regisseur. Für eines seiner berühmtesten Stücke, die „Nachtwache“, verwandelte er ein Gruppenporträt in einen turbulenten Schützenumzug.

Gegen Ende des Buches lässt Fuchs den Künstler sagen: „Irgendwann ist man mit der Lektüre auch einmal durch.“ Im Alter konzentrierte sich Rembrandt auf wenige, durch den Farbauftrag zart vibrierende Figuren. Jetzt ging es ihm um die Darstellung innerer Bewegung. Kunst würde viel weiter gehen als es ein Text vermag, lässt der Autor den Maler sagen, „weil sie Stimmungen und Momente spiegelt, die man nicht in Worte fassen kann“.

Das im handlichen Format gelber Reclambände erschienene Buch überrascht durch eine Vielzahl kleiner Abbildungen, die den Wunsch nähren, die Originale in den Gemäldegalerien in Berlin, München, Frankfurt und Amsterdam aufzusuchen.  Der Gedanke, mit der Betrachtung einer  Abbildung sei es getan, kommt gar nicht erst auf. Dafür werden die Motive mehrfach wiederholt, ein subtiler Appell an den Leser, sich die Bilder mehrfach anzusehen, zu verweilen, zu vergleichen, tiefer in die Bildwelten einzudringen.

Nichts erfahren wir über Rembrandts äußere Lebensumstände, nichts über seine Werkstatt, seinen katastrophalen Konkurs. Es handelt sich also um eine Art intellektueller Biographie, ein Zwiegespräch, das real nicht stattfinden konnte. Da Rudi Fuchs als Direktor vieler Museen, u.a. des Stedelijk Museum in Amsterdam, aber auch 1997 als Documenta-Leiter,  über Jahrzehnte mit zeitgenössischen Künstlern im Austausch stand, wirkt diese Konstruktion mehr als nur plausibel.

Carmela Thiele

Eine Kurzfassung dieser Rezension erschien am 11.1.2012 in den Badischen Neuesten Nachrichten.

 

Rudi Fuchs: Rembrandt spricht
Snoeck Verlag, Köln 2011, 19,80 Euro

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