Bernhard und Michael Grzimek: Zoo- und Expeditionsfilme

Die Tierfilme der Grzimeks

Mag sein, dass Tierfilme etwas über Tiere aussagen; die Natur ist ja wirklich ein interessantes und aufschlussreiches Buch. In erster Linie aber sagen Tierfilme etwas über die Menschen aus, die sie produzieren und konsumieren. Über Angst und Begehren, über Politik und Alltag, über Moral und Lust. Tierfilme sind Ethikunterricht im Zeitalter des Edutainment. Und eine perfekte Verkleidung für das Obszöne sind sie auch.

Was die Tierfilme in der Bundesrepublik Deutschland nach der Zeit des Faschismus anbelangt (in der auch Tierfilme vor allem Einübungen furchtbarer Rassen-Phantasmen waren), so war ihr Beginn untrennbar mit den Namen Bernhard und Michael Grzimek verbunden. Bernhard Grzimek, der Direktor des Frankfurter Zoos, dessen Anlagen man in den fünfziger Jahren die Narben des Krieges noch deutlich ansah, und der gleichwohl einer der ersten großen Friedensorte der neuen Gesellschaft werden sollte, versuchte mit neuen Mitteln das Publikum anzusprechen, und da traf es sich, dass sein Sohn Michael ein begeisterter Filmer war. Es waren zuerst tastende Versuche, noch gerade zwischen Amateur-Enthusiasmus und professioneller Dramaturgie, mit der die beiden in den frühen fünfziger Jahren ihre Zoo- und dann Expeditionsgeschichten entwickelten, am Anfang noch stumm, für den Einsatz mit direktem Einsprechen der Texte vor dem Publikum gedacht, und entsprechen episodisch organisiert, dann immer mehr in größeren Spannungsbögen organisiert und mit einem fortlaufenden (für heutige Begriffe wohl allzu Pausen-armen) Kommentar und einer zu diesem Anlass komponierten Musik unterlegt.

Der Zoo wurde zunächst ein neuer Heimat-Ort für Tiere und Menschen, und es galt von Anbeginn an, einen Stolz darauf zu entwickeln. Auf der DVD ist der elf Minuten lange Film „Ein Fabeltier fliegt nach Deutschland“ (1954) zu sehen, der den Transport eines Okapi aus Afrika und die Ankunft im Frankfurter Zoo schildert. Sehr wichtig (und übrigens wohl, was die Tierhaltung anbelangt eher fragwürdig) ist die immer wieder auftauchende Debatte um den Gefängnis-Charakter eines Zoos. Die Grzimeks werden nicht müde, wie in „Tiere ohne Feind und Furcht“ (1953) das Glück solcher Beschränkung für die Tiere zu betonen, die nun, aller Sorgen und Gefahren ledig und „unter sich“ leben dürfen. Sieht man die Grzimek-Filme heute im Zusammenhang (gewiss auch nicht ganz ohne Ermüdungserscheinungen), ergibt sich beinahe so etwas wie eine große Erzählung für eine Nachkriegsgesellschaft. Egal ob im Frankfurter Zoo oder in der Serengeti, im heimatlichen Fluss oder im Wildpark: Immer geht es um das Heimat-Schaffen, um die Aufteilung der Welt in chaotisches Durcheinander und wohlgeordnete Paradiese, friedvolles Zusammenleben im Blick des guten Wildhüters.

Von einer im richtigen Moment hingehaltenen Kamera führte der Weg zur großen postheroischen Erzählung vom Bewahren der natürlichen Schönheit gegen gedankenlose Moderne und von der moralischen Läuterung durch den Blick auf die Tierwelt. Gern werden dann auch, wie in „Besuch bei Tieren“ (1954) Gaststars wie der Kabarettist Werner Finck eingesetzt, um zugleich das Frankfurter Modell vorbildlicher Tierhaltung und, nun ja, ein Weltbild zu besichtigen.

Kurz: Auf dieser DVD kann man nicht nur zwei Autoren bei der Entwicklung einer filmischen Botschaft, sondern auch einem Genre bei der Entstehung zusehen. 1956 mit „Kein Platz für wilde Tiere“ (Buch und Film), 1959 mit „Serengeti darf nicht sterben“ (ein Oscar für einen deutschen Film!) und seit dem 28. Oktober 1956 auch mit der Fernsehserie „Ein Platz für wilde Tiere“, die es auf gut 175 Folgen brachte, wurde Grzimek zum wirkmächtigen Lieferanten von Konsensbildern in der Nachkriegsgesellschaft. Als Michael Grzimek bei den Aufnahmen zu „Serengeti darf nicht sterben“ ums Leben kam, war etwas von nationaler Trauer zu spüren. Denn dieses Vater/Sohn-Team war stets auch Musterbild einer Generationen-Versöhnung gewesen. Der Patriarch und der Draufgänger, der Bewahrer und der Abenteurer mit der Kamera, der unentwegt und oft umständlich redende und der unumwunden handelnde, unterwegs im Reich der reinen Unschuld.

Botschaft und Genre boten dabei, natürlich, reichlich vom mythischen Stoff, und der setzt sich nun einmal aus Widersprüchen zusammen. Widersprüchen, die unsere Kultur noch heute nicht gelöst hat. Da begegnet ein altes, durchaus postkoloniales Menschenbild einer leidenschaftlichen Attacke gegen Umweltverschmutzung, und man legt sich mit der Tierquälerei deutscher Angler nicht weniger an als man die Jagd auf Zugvögel in Italien anprangert. Kaum hat einem die altväterliche Belehrung über die Weltordnungen die sprichwörtlichen Schuhe ausgezogen, da verblüfft einen auch schon wieder ein weitsichtiger ökologischer Exkurs. Zwischen dem Diskurs von Niedlichkeit, Wildheit und Autonomie der Fauna wird beinahe von Einstellung zu Einstellung gewechselt. Und immer geht es um eine den Menschen zugleich unterworfene wie anvertraute Natur. Die Grzimeks erzählen in dieser Natur immer zuallererst sich selbst. Anders als viele ihrer Nachfolger hielten sie dabei in ihren Bildern von der Natur das Grauen noch auf Distanz; das Jagen, Fressen und Begatten blieb dezent im Hintergrund. Das zivile Projekt war klar: Die Versöhnung von Mensch und Natur als moralisches Modell für die Zivilgesellschaft, Tierschutz als symbolische Sinnproduktion.

Geklappt hat das alles dann doch nicht. Das Genre teilte sich in flammende Plädoyers gegen Raubbau, Missverständnisse und industrielle Tierhaltung wie bei Horst Stern, in einen Splatter- und Horrorteil, wo es gar nicht wild und wahrhaft reißerisch genug zugehen kann, und in einen Teil mindestens sensationeller Flug- und Unterwasseraufnahmen, ein technologisch vermitteltes Dabei-Sein für die Kinder von Google-Earth und Egoshooter. Und die Gesellschaft teilte sich ebenfalls wieder. In Arte- und RTL-Gucker, in Gewinner und Verlierer, in hemmungslose Progressisten und mittelständische Apokalyptiker. Tierbilder, so scheint es, dienen nun nicht mehr der Einigung sondern der Entzweiung, Eisbären-Knuts und Schimpansen-Charlys geistern als fauler Trost durch die Bildermaschinen, wo anderswo gestrandete Wale und von Ölpest gezeichnete Vögel wenig Hoffnung lassen. Waren es bessere Zeiten, als die Tierfilme der Grzimeks noch geholfen haben? Andere waren es jedenfalls.

Autor: Georg Seeßlen


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12 Filmschätze aus den Archiven (Hrsg. von Sabine Nessel und Thomas Worschech)
Bernhard und Michael Grzimek: Zoo- und Expeditionsfilme

erstmals auf DVD:
1950 Wir Zootiere im Frankfurter Zoo • 1951 Ein Tag im Frankfurter Zoo • 1953 Tiere ohne Feind und Furcht • 1954 Besuch bei Tieren • 1954 Zwerge unter sich • 1954 Gast der Bambuti 1954 Savannenerlebnis • 1954 Gangala. Station der zahmen Elefanten • 1954 Ein Fabeltier fliegt nach Deutschland • 1955 Auf Nilpferdpfaden • 1958 Schwalben am Spieß • o.A. Durch die Steppe • o.A. Ölpest

mehr Informationen: absolut Medien

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