Pack die Badehose ein (Spaß mit Piranhas)
von Georg Seeßlen in DVD, Film, Kritik am 2. August 2010
Auch kleine Fische können beißen. Aber hallo! Piranhas zum Beispiel, Vertreter der Unterspezies der Sägesalmler (Serrasaminae); insbesondere Serrasalmus brandtii und Serrasalamus spilopereura haben, was das schmerzhafte Anfressen von Mensch und Tier anbelangt, einen ganz schlechten Ruf. Aber wie bei den großen Haien geht es auch bei den kleinen Piranhas weniger um die reale Gefahr als um das Aussehen (echt fies!) und um die Art des Angriffs: Der Piranha lauert erst unbeweglich, schießt dann pfeilschnell auf seine Beute zu und reißt ihr ein Stück Fleisch mit einer Rüttelbewegung aus dem Körper, um sich dann wieder zu entfernen und in der Entfernung vom Beutetier zu schlucken. Dann kommt der nächste Angriff. Kannibalen sind Piranhas auch noch; wenn so ein Piranha-Schwarm mal beim Attackieren und Fressen ist… Geborene Kino-Schurken eben, die einem schon mal eine Badesaison verleiden können, wenn gerade kein weißer Hai unterwegs ist. Zum Rest des Beitrags »
Karl Valentin & Liesl Karlstadt (DVD: „Die Kurzfilme“ Neuedition)
von Georg Seeßlen in DVD, Film, Kritik am 13. Juni 2010
Bayern hat der Welt – man denke an Fußball, Folklore & Politik – viel Schlimmes angetan. Es gibt aber auch Bayerisches, ohne das die Welt ärmer wäre. Gewisse leicht alkoholische Getränke, die Alpen oder: Karl Valentin, den wir gerechterweise niemals ohne seine Partnerin Liesl Karlstadt erwähnen sollten. Sie war der Apfel, und er der Wurm darin. Beides zusammen, das ist halt eine Natur. Bert Brecht hat mit Erich Engel, Valentin, Karlstadt und noch ein paar damaligen Münchnern den Stummfilm Mysterien eines Frisiersalons gemacht. Und auch anderweitig hat Valentin sich als Stummfilmkomiker versucht, aber so richtig Weltkulturerbe-großartig sind er und Karlstadt nur in diesen Ton-Kurzfilmen der dreißiger Jahre. Bühnenerprobte Sketche und Einakter, lauter kleine Endspiele über Menschen, die halt aufeinander angewiesen sind: Mann und Frau, Vater und Sohn, Geselle und Lehrling, Verkäuferin und Kunde, Arzt und Patient. Da lacht man mit blutendem Herzen. Zum Rest des Beitrags »
Bernhard und Michael Grzimek: Zoo- und Expeditionsfilme
von Georg Seeßlen in DVD am 18. Mai 2010
Mag sein, dass Tierfilme etwas über Tiere aussagen; die Natur ist ja wirklich ein interessantes und aufschlussreiches Buch. In erster Linie aber sagen Tierfilme etwas über die Menschen aus, die sie produzieren und konsumieren. Über Angst und Begehren, über Politik und Alltag, über Moral und Lust. Tierfilme sind Ethikunterricht im Zeitalter des Edutainment. Und eine perfekte Verkleidung für das Obszöne sind sie auch.
Was die Tierfilme in der Bundesrepublik Deutschland nach der Zeit des Faschismus anbelangt (in der auch Tierfilme vor allem Einübungen furchtbarer Rassen-Phantasmen waren), so war ihr Beginn untrennbar mit den Namen Bernhard und Michael Grzimek verbunden. Bernhard Grzimek, der Direktor des Frankfurter Zoos, dessen Anlagen man in den fünfziger Jahren die Narben des Krieges noch deutlich ansah, und der gleichwohl einer der ersten großen Friedensorte der neuen Gesellschaft werden sollte, versuchte mit neuen Mitteln das Publikum anzusprechen, und da traf es sich, dass sein Sohn Michael ein begeisterter Filmer war. Es waren zuerst tastende Versuche, noch gerade zwischen Amateur-Enthusiasmus und professioneller Dramaturgie, mit der die beiden in den frühen fünfziger Jahren ihre Zoo- und dann Expeditionsgeschichten entwickelten, am Anfang noch stumm, für den Einsatz mit direktem Einsprechen der Texte vor dem Publikum gedacht, und entsprechen episodisch organisiert, dann immer mehr in größeren Spannungsbögen organisiert und mit einem fortlaufenden (für heutige Begriffe wohl allzu Pausen-armen) Kommentar und einer zu diesem Anlass komponierten Musik unterlegt. Zum Rest des Beitrags »
South Park: Die Passion des Juden
von Georg Seeßlen in DVD am 13. April 2010
Sex, Gewalt und gute Laune in der Maske reiner Unschuld
Ist es möglich „South Park“ zu mögen? Diese krude Mischung aus betont roher Legetechnik-Animation, Kinder-Niedlichkeit und erbarmungsloser Geschmacklosigkeit? Diese hemmungslose Mischung aus Gesellschaftssatire, Fäkalhumor und gezielter Beleidigung aller Mächtigen, Ohnmächtigen und Weggetretenen? „South Park“ „politisch unkorrekt“ zu nennen, wäre ein Euphemismus. Hier geht es nicht um die Überschreitung von Grenzen, hier ist man bereits jenseits jeder noch so unscharf gezogenen Grenze medienkultureller Bekömmlichkeit. Sexualität, Religion, Politik, Pädagogik, Gesetz – nichts bleibt verschont; es wird gefurzt, gekotzt, geflucht, geprügelt und abgemurkst. Schwule, Behinderte, Minderheiten, Zum Rest des Beitrags »
Unheimlich heimelig. Eine Reise durch den deutschen Film
von Georg Seeßlen in DVD, Film, Kritik am 2. Oktober 2009
Deutsche Filmgeschichte -Deutsche Filmgeschichten
Das Wunderbare und Furchtbare an der deutschen Filmgeschichte ist, dass es sie nicht gibt. Es gibt dagegen deutsche Filmgeschichten, die sich trennen, durchkreuzen, missverstehen, ergänzen und widersprechen. Das früheste deutsche Kino, komplett mit Kaiser Wilhelm als Filmstar, das Desolationskino am Ende 
des Ersten Weltkriegs, das Kino der Weimarer Republik, die dämonische Leinwand oder der „Tyrannenfilm“, aber neben entfesselten Kameras auch entfesselte Männer wie Harry Piehl oder entfesselte Erotik, die endlich im beginnenden Tonfilm das Singen und Tanzen lernte, und dann, der größte Bruch (auch wenn er beharrlich verleugnet wird): das Kino des faschistischen Deutschlands, das natürlich nicht nur aus Propaganda und Riefenstahlschem Todeskitsch bestand, sondern auch ein vorgeblich unpolitisches Genrekino war, dessen Kriegswichtigkeit Goebbels stets betonte. Zum Rest des Beitrags »
Zugvögel…einmal nach Inari
von Henryk Goldberg in DVD, Film, Kritik am 2. März 2009
Das Lob der Langsamkeit
Peter Lichtefeld entdeckt die Poesie des Kursbuches

Es ist der Showdown und der Leader führt souverän mit 8:34 Minuten. Es ist die Endrunde der „1st International Time-Tabel Competition” und jetzt steht die Entscheidung an: Die beste Verbindung von München nach Inari. Der Mann zögert einen Augenblick, uns stockt der Atem, und wählt auf der Tastatur die Route über Nordschweden. Und wir beobachten auf der animierten Grafik, wie sich sein Zug langsam durch Europa quält und wir ahnen, dass er verlieren wird und wir lieben ihn darum. Denn diese dröge Grafik zeigt uns die wunderbarste Liebeserklärung. Denn, so hatte Sirpa zu Hannes gesagt, die schönste Route nach Inari führe über Nordschweden. Zum Rest des Beitrags »
Der Idiot der Familie
von Georg Seeßlen in DVD, Film, Kritik im Juli 2008
Oder: Onkel Bräsig und der Frosch mit der Maske. Ein Familien- und Kriminaldrama vom Tisch des Alten Mädchens.
So sitzen sie also wieder beieinander, am Tisch des Alten Mädchens, zanken ein wenig, suchen Auswege oder schieben dies und jenes vor sich her, finden für anderes etwas, das sie Kompromisse oder Sachzwänge oder Vereinbarungen oder sonstwie nennen. Einerseits hat man sich aneinander gewöhnt, sieht man einmal von der bäuerischen Verwandtschaft aus dem Süden ab, so eine große Runde hat auch ihre Vorteile. Zum Rest des Beitrags »
Für 200 Dollar, oder: wir werden sein
von Jan Distelmeyer in DVD, Film, Kritik im Dezember 2007
Über James Mangolds Remake 3:10 To Yuma
I.
In sechs Monaten werden wir glücklich sein. Das sagt der Farmer Dan Evans, der Held in Delmer Daves Western 3:10 To Yuma. Und weil es eigentlich doch mehr eine Frage ist als ein Versprechen, beeilt sich seine Frau Alice mit einer Antwort: “Ja, wir werden glücklich sein.” Ein etwas unsicheres Lächeln vom Pferd herab, dann reitet Evans seinem Abenteuer entgegen, für das er sich soeben disqualifiziert hat. Sechs Monate will er überbrücken, dann wird es schon den Regen geben, der die ausgedörrte Farm in Arizona rettet und seine Familie mit den beiden Söhnen. 200 Dollar kostet das Wasser für diese sechs Monate, die will Evans sich beschaffen und dafür am Ende gar den berüchtigten Gangster Ben Wade zur Eisenbahnstation nach Contention-City eskortieren. Wir werden sein: Wenn Westernhelden sich dadurch auszeichnen, dass sie ihr Schicksal (und damit so oft auch das einer Gesellschaft) in die eigenen Hände nehmen, dass sie Männer der Tat sind und nicht des Hoffen und Warten, dann ist die Tat dieses Westernhelden nichts anderes als die Ermöglichung von Warten und Hoffen. Zum Rest des Beitrags »
Trash-Kunst oder Kunst-Trash? (Christoph Schlingensief)
von Georg Seeßlen in DVD, Film, Kritik im Februar 2006
Die anarchistischen Filmaktionen des Christoph Schlingensief
Christoph Schlingensief, das sagt man so, ist das verschüttet wird. Für die einen ist es Kunst-Trash, für die anderen Trash-Kunst; es kommt ganz auf die Perspektive an. Da ist einer, der auf Bühnen, in Filmen und sogar auf öffentlichen Plätzen ein Chaos anzurichten versteht, bei dem man Kunst und Politik, Dilletantismus und Raffinesse, Ironie und blutigen Ernst einfach nicht mehr auseinanderhalten kann. Entweder man ist von der an„enfant terrible“ der deutschen Theater- und Medienszene. Ein Kerl, der am liebsten Lawinen lostritt, die niemand mehr kontrollieren kann und unter denen manchmal der gute Geschmack, manchmal aber auch ein schönes Stück allgemeiner Kulturpolitik archischen Energie begeistert, die da freigesetzt wird, oder man wendet sich mit Grausen. Zum Rest des Beitrags »
Der amerikanische Traum des deutschen Kinos (Jerry Cotton)
von Georg Seeßlen in DVD, Film, Kritik im Dezember 2004
Er war nicht der größte der Helden im Trash-Kosmos der westdeutschen Nachkriegszeit. Winnetou war sexiger, die Inspektoren in den Edgar-Wallace-Filmen waren schwiegermutter-kompatibler, Götz Georges Schweiß war echter, bei Dr. Mabuse ging es grusliger zu, Sigurd war ritterlicher und die Schulmädchen, na, lassen wir das. Aber siebenter Platz ist doch auch nicht schlecht für G-Man Jerry Cotton im Olymp der Pop-Mythen, oder? Zum Rest des Beitrags »
Russ Meyer
von Georg Seeßlen in DVD, Film, Kritik im Oktober 2004
Kein Russ Meyer mehr. Schlimmer! Keine Russ Meyer-Filme mehr. Nur gut, dass sein Oeuvre auf DVD zu haben ist.
Wahrscheinlich war Russ Meyer der erste Sexfilmer, der zugleich zum Geheimtipp unter Cineasten wurde. Dieser Mann drehte ferkeligen Stuss, sexistisch, unmoralisch und geschmacklos. Aber wie er das machte, das kam manchmal in die Nähe von Fellini, Kurosawa oder wenigstens Roger Corman. Er phantasierte von Ballerbusen, Macho-Posen und Fäusten, die aufs Auge passen. Das ist nicht jedermanns und schon gar nicht jederfraus Sache. Aber wenn man verstehen will, was Bilder sind und wie man sie in Bewegung setzt, kommt man an Russ Meyer nicht vorbei. Zum Rest des Beitrags »
Der Krieger und die Kaiserin
von Henryk Goldberg in DVD, Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik im Oktober 2000
Die kindliche Kaiserin
Es ist ein Banküberfall im finalen Stadium. Ein Mann liegt sterbend in der Ecke und einen der beiden anderen wird es in Sekunden ereilen. Da tritt die Frau zwischen die beiden Männer und die Pistolen, die sie aufeinander richten. »Sie können jetzt nicht schießen«, sagt sie zu dem Sicherheitsbeamten, »das ist nicht der Plan«. Zum Rest des Beitrags »
The Way We Were
von Peter Claus in DVD, Film, Kritik 2000
Hollywood – der Name steht nach wie vor für Traumfabrik, für Eskapismus, für bunte Realitätsflucht. Die Flut an Komödien und Science-Fiction-Märchen bestätigt dieses Vorurteil derzeit massiv. Aber: Es gab und gibt immer auch ein anderes, ein politisch engagiertes Hollywood. Eines der berühmtesten, in den USA inzwischen regelrecht legendäres, Beispiel dafür ist „The Way We Were – So wie wir waren“:
Der „Oscar“-Reigen für den Anti-Irakkriegsfilm „The Hurt Locker – Tödliches Kommando“ hat es jüngst unterstrichen: Hollywood 2010 zeigt politisch Flagge. Das ist ein wichtiges Statement. Denn der Film, bereits 2008 mit Erfolg auf dem Filmfestival Venedig gezeigt, wurde von den Verleihern mehr als ein Jahr zurück gehalten. Wirklich leicht haben es gesellschaftskritisch engagierte Filmemacher also längst noch nicht im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. Allerdings: Sie haben es schon sehr viel leichter als die Generationen vor ihnen. In den 1950-er Jahren etwa, zur Zeit der Kommunistenhatz in den USA, waren selbst verschlüsselte Auseinandersetzungen mit den hysterischen Auswüchsen des kalten Krieges kaum möglich. Und als Star-Regisseur Sidney Pollack sich in den 1970-er Jahren, in „The Way We Were“, mit eben dieser Kommunistenhatz beschäftigte, musste er zahlreiche Hindernisse überwinden. Doch „The Way We Were“ kam zustande – und hat in den USA tatsächlich Kultstatus. Auch jetzt werden die Wiederaufführungen des Dramas in den Kunstkinos regelrecht gestürmt. Zum Rest des Beitrags »
Bonhoeffer – Die letzte Stufe
von Henryk Goldberg in DVD, Film, Kritik 2000
Das Wappen im Schild
Wie man Geschichte im milden Licht verklärt
Manchmal, scheint es, ist Ullrich Tukur für Augenblicke allein mit Dietrich Bonhoeffer. Ein leises Zögern hat er dann, eine Skepsis um den Mund und einen Zweifel in den Augen. Das sind die Momente, in denen uns eine Ahnung überkommt, worum es hier gehen könnte: Um einen Menschen, der Größe hatte, als andere die Macht hatten, einem Menschen, der außer einem Beispiel auch Gedanken hinterließ. Zum Rest des Beitrags »
Sunshine – Ein Hauch von Sonnenschein
von Henryk Goldberg in DVD, Film, Kino, Kritik 1999
Das vergessene Geheimnis
Szabos bunter Bilderbogen
Am Anfang explodiert der Schnaps. Die Destille des alten Aaron Sonnenschein fliegt sehr schön durch die Luft. Sein Sohn Emmanuel findet das schwarze Buch mit der geheimen Rezeptur des Schnapses »Sonnenschein« in den Trümmern, es wird seine Zukunft sichern. Später, drei Stunden und über einhundert Jahre später, werden wir das schwarze Buch sehen, wie es achtlos in ein Müllauto geworfen wird. Zum Rest des Beitrags »
Die Stille nach dem Schuss
von Henryk Goldberg in DVD, Film, Kino, Kritik 1999
Geschichte und Geschichten
Der letzte DEFA-Film
Der Volkspolizist bricht ein großes Stück der blaue Pappe heraus. »So kommen Sie bis zur Werkstatt« sagt er mitfühlend zu der Fahrerin. Zum Rest des Beitrags »
Meschugge
von Henryk Goldberg in DVD, Film, Kino, Kritik im März 1999
Ein ungeschriebener Film
Die junge Frau tastet sich, die Taschenlampe in der Hand, durch die Dunkelheit. Irgendwo in diesem verdammten Haus ist das Büro von diesem Kaminski und dort sind, vielleicht, die Papiere, die ihre Mutter belasten, vielleicht mit einem Mord, vielleicht mit einem Geheimnis und vielleicht mit allem. Zum Rest des Beitrags »
Being John Malkovich
von Henryk Goldberg in DVD, Film, Kino, Kritik im März 1999
Die liebe Seele
Ein Film für Leute, die »kafkaesk« nervig finden
Es ist kein guter Tag für Craig Schwartz. Der Marionettenspieler tingelt auf der Straße mit »Heloise und Abelard«, vielleicht, dass er träumt, seine Ehe wäre so, da bekommt er eins auf die Fresse. Zu Hause die Lotte liebt Eliza, die Schimpansin, doch die hat ein Magengeschwür und muss zum Psychiater, ein Kindheitstrauma. Und Tom-Tom, das Frettchen, hat eine Platzwunde. Da sucht Craig einen Job. Die Firma ist im Stockwerk 7,5. Die Menschen gehen hier gebückt, denn ein Ire hat es einst gebaut für die Seele seiner Frau und seine Frau war eine Zwergin. Maxine, die neue Kollegin, ist ziemlich groß, überall, und sie will nicht mit Craig schlafen. Da stürzt Craig durch einen Schacht ins Wunderland. Und blickt durch einen Sehschlitz auf das »Wall Street Journal«. Beinahe ist es, als schaue er aus einem anderen Menschen heraus. Er schaut aus einem anderen Menschen heraus.
»Being John Malkovich« ist das bemerkenswerteste Spielfilmdebüt der letzten Zeit, der Regisseur Spike Jonze (29) drehte bislang Video-Clips, der Autor Charlie Kaufman arbeitete für das Fernsehen. Und ihr Grundeinfall ist von solch einer unverfrorenen Absurdität, dass ihr Film, zunächst, die reine Freude ist. Nachdem der erfolglose Puppenspieler (John Cusack mit der Dynamik eines resignierten Boheme in Burgk bei Magdeburg) den Eingang in das Innere von John Malkovich (John Malkovich mit intelligenter Selbstironie) gefunden hat, macht er daraus mit seiner Kollegin Maxine eine Goldgrube: 200 Dollar für 15 Minuten als John Malkovich 15 Minuten Ruhm hat Andy Warhol jedem versprochen. Das bringt Kohle und Probleme.
Maxine schläft mit John, aber eigentlich schläft sie mit Lotte (Cameron Diaz als Psycho-Kuh), denn die ist in John. Manchmal schläft Maxine aber auch mit Craig, denn der ist auch in John, manchmal. Beide Frauen lieben einander, indessen nur unter Zwischenschaltung des Mediums John. Sind sie lesbisch? Wenn Maxine ein Kind von John bekommt, das er zeugte, als Lotte ihn bewohnte: Ist Lotte dann der Vater? Oder John die Mutter? Oder wie? Oder was? So viele Fragen. Und nie hat die liebe Seele Ruh.
So lustvoll wurde kaum je in dem Psycho-Quark gerührt, auf dessen Grund in Amerika die Ursachen noch jedes Hustenanfalles vermutet werden. Spike Jonze, für diesen Film mit einer Oscar-Nominierung geehrt, inszeniert, als sei dies die Summe aller Großstadtneurotiker, aller Männergruppen, aller Selbstfindungsseminare, aller Cyber-Visionen und aller Identitätskrisen, eine Lust für Leute, die das Huren-Wort »kafkaesk« mindestens einmal zuviel gehört haben. Ein schlichtes, realistisches Spiel, darin die Absurdität Realität gewinnt. Bis John Malkovich in John Malkovich stürzt und, bestürzt, lauter John Malkoviche sieht. Dann haben sie ihre Idee auserzählt, dann wird die Absurdität eine Albernheit und den Bildern kommt der Witz abhanden. So muss es offen bleiben, ob sich hier Bedeutendes ankündigte oder ob dies der Glücksfall einer Eingebung war.
Nach 15 Minuten stürzen die Malkovich-Touristen ins Leben zurück, an der Schnellstraße nach New Jersey. Angefüllt mit angenehmen Erinnerungen, klopfen sie sich das Gras von der Kleidung und hoffen, dass das noch nicht alles war. Ein wenig glaubt, wer aus dem Kino kommt, er stünde an der Schnellstraße nach New Jersey.
Autor: Henryk Goldberg
Text geschrieben 1999
Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine
Das Leben ist schön
von Henryk Goldberg in DVD, Film, Kino, Kritik am 2. Dezember 1998
Der Prinz von Auschwitz
Roberto Benigni gelingt ein Wunder
Guido, der virtuose Kellner und Dr. Lessing, der traurige Arzt, lieben es, in Rätseln zu sprechen. Für den Deutschen ist es eine Besessenheit, seine einzige womöglich. Der Italiener gönnt sich eine Freude, eine unter vielen. Ein Spaß. „Sowie du meinen Namen sprichst, bin ich nicht mehr da wer bin ich?” Nun, es ist das Schweigen, das ist einfach.
Es ist das Schwierigste. Es ist die Frage, die dieser Film stellt. Nicht an den Dr. Lessing, der später im Konzentrationslager die Selektion leiten wird. Es ist eine Frage an den Kellner und Buchhändler, an den weisen Narren Roberto Benigni, den Hauptdarsteller und Regisseur dieses Filmes: Zum Rest des Beitrags »
Little Voice
von Henryk Goldberg in DVD, Film, Kino, Kritik 1998
Schön und sehr weit droben
Ein wunderschönes Kunst-Stückchen
Dieses Lied beginnt immer gut. “The Minute you walked in the joint….” Eine Frau hämmert einem Mann erbarmungslos das Bewußtsein ihrer sexuellen Souveränität entgegen: “Hey Big Spender”. Und es ist, als würde der Rhythmus ihn an die Wand treiben. Ein Song für eine starke Frau, ein Song für Shirley Bassey. Er beginnt immer gut, aber so begann er noch nie. Zum Rest des Beitrags »






