Tsunami, oder Wie wir lernten die Katastrophe zu lieben

Nach der großen Welle, die weite Landstriche in Südasien verheerte, haben wir eine neue Erzählung und neue Bilder der Katastrophe in unserer Welt. Natürlich wird wieder alles übertroffen, nicht nur an Ausmaß, sondern auch an Geschwindigkeit, und diesmal auch an Dauer. Weil die Welle an sich nicht recht bildmächtig ist, sie erscheint und sagt, um es genauer zu sagen, als Bild nur wenig über ihre Zerstörungskraft aus, und weil daher erst die Montage einen Eindruck von der Gewalt dieser Katastrophe vermitteln kann, sind, höchstens am Rande kritisch bemerkt, auch erneut einige der Abbildungsverbote gefallen, werden erneut Codes von Information und Unterhaltung verändert. Am Ende wird die Katastrophenerzählung wieder eine neue, schamlosere Sprache haben. Wo kommt das her, und wo will das hin?

Auf die Bilder der Verheerung der Architekturen und Dinge an den Stränden, die seltsamerweise den einen oder anderen Zeugen an die Folgen eines Atombombenangriffs erinnerten, folgten solche der körperlichen Zerstörung. Von Tag zu Tag sah man die Kameras näher an die Verletzten und Toten herangehen, von Tag zu Tag wurde länger auf den Zusammenbruch der Überlebenden gehalten, von Tag zu Tag wurden die Krankenhäuser gründlicher nach Versehrten durchforstet, von Tag zu Tag wurde die Suche nach „Betroffenen“ intensiviert, von Tag zu Tag wurden die Bewegungen einer rastlosen Suche nach dem Leid, nach der Intimisierung, der unendlichen Auffächerung gieriger, von Tag zu Tag lösten sich mehr die Grenzen zwischen der Katastrophen-Berichterstattung und der ewiglaufenden. Leichen in langen Reihen, Verbrennungen, verlorene Kleidungsgegenstände, fassungs- und hilflose Menschen, natürlich die verzweifelten Kinder. Dann aber auch gleich wieder: Schwenk auf unsere allgegenwärtigen „Prominenten“, die überall exklusiv von ihren „schlimmsten Stunden“ berichten, und die sich von der Welle der Hilfsbereitschaft vor die Kameras tragen lassen, denn das ist ihr Beruf. Spätestens hier freilich verrät das Bild selber nicht mehr, ob es sich um die Montage des Promis vor real zerstörtem Strand plus Welle handelt, oder ein Reklame-Poster für die nächste Sendung vom Dschungelcamp.

Vor den Spenden-Imperialismus haben die Medien die Entblößung der Leiden gesetzt und die Hysterisierung der „Prominenten“-Parallelwelt. Und man muss gar nicht besonders genau hinsehen, um festzustellen, worin der Bild-Unterschied im Leiden eines westeuropäischen und eines asiatischen Menschen besteht, worin der Bild-Unterschied zwischen dem Leiden eines Mannes und einer Frau besteht, worin der Bild-Unterschied zwischen dem Leiden eines reichen und eines armen Menschen besteht, worin der Unterschied zwischen dem Leiden eines Kindes und eines Erwachsenen besteht, worin der Unterschied zwischen dem Leiden eines „Prominenten“ und eines normalen Menschen besteht. Die Katastrophe macht die Menschen nicht nur zu Opfern einer unbarmherzigen Bild- und Erzählmaschine, mitten drin werden sie auch zu Darstellern einer symbolischen Ordnung, die den scheinheiligen Adressaten warm ums Herz macht. Die Katastrophe ist die große Verweigerung von Sinn, Ordnung und Dimension, doch bereits mit dem ersten Bild, das jemand von ihr macht, wird sie nicht nur für mediale Vermarktungsstrategien, sondern darin auch für die Ordnung missbraucht. Denn die Produktion der schweren Zeichen von Tod, Gewalt und negativer Erhabenheit der Natur schafft neben der Illusion der großen Erfahrung, eine Art Welt-Kino als radikaler Bruch mit dem Alltagsleben.

Wieder einmal kannte die Bildermaschine noch weniger Erbarmen als die Katastrophe selber; wer oder was sich gerettet hatte, wurde Opfer der Reportermeuten. Eine Wasserwelle hat keine Moral, die Bildermaschine dagegen muss ein Geschäft der Entmoralisierung betreiben. Der unsympathischen Prinzessin eines Steuerfluchtlandes gewährt unsere Justiz und unser öffentlicher Konsens das Recht aufs eigene Bild, den Schutz der Intimsphäre in Augenblicken der Schwäche, den Opfern einer Katastrophe wird dieses Recht nicht gewährt. Aber wir brauchen die Bilder der Katastrophen, wird man dem entgegenhalten, das Bild des menschlichen Elends ist der Preis dafür, dass wir hierzulande einen „Spendenrekord“  erzielen, dass Staaten sich durch Hilfsbereitschaft ihren Platz in der Weltordnung (und der Verteilung der Güter) sichern, dass sogar über Schuldenerlass gesprochen wird (nicht aber über Veränderungen des Welthandels). Wir brauchen die Bilder der Katastrophen, und wir brauchen sie in einer bestimmten Form, sonst wäre unser Geiz noch geiler, und sonst bliebe uns nichts anderes übrig, als auf den Nihilismus der Katastrophe wir benötigen die öffentlichen Karrieristen, die sich die Wohltätigkeit zur Werbung machen, wir benötigen Politiker, die Hintergedanken haben, weil vorne ohnehin nichts ist, wir benötigen die Verknüpfung der Katastrophenbilder mit unseren ewiglaufenden Bildern, am Ende sogar die BILD-Schlagzeilen von den Flutwellenwaisen, die sexuell missbraucht werden, denn wie anders kann eine „Mediengesellschaft“ ihre Anteilnahme vermitteln als durch ihre Medien?

Wer ist denn übrigens „wir“? Natürlich verhalten sich da Menschen in verschiedenen Medien-Codes unterschiedlich. Die einen glauben, sie könnten sich gegenüber einer Kamera so verhalten, wie sie sich gegenüber einem Menschen verhalten würden, die anderen wiederum, der westeuropäische Medienmensch ohnehin, glaubt sich der alles sehenden Kamera verpflichtet und unterworfen, manchmal scheint ihn die Kamera, das Mikrofon, die Reporter-Person als hysterisiertes freies Radikal seiner Gesellschafts- und Weltordnung wie magisch anzuziehen, und er könne an ihr die aufgestauten Schrecken abarbeiten, immer aber scheint er sich dem Medium gar nicht mehr verweigern zu können, als griffe da die neue Form von Obrigkeit gebieterisch nach ihm und verlange seinen Selbstausdruck noch dort, wo er nicht einmal mehr seine körperliche Reaktionen kontrollieren kann. Die Katastrophe macht den Menschen zur leichten Beute seiner gnadenlosen Medialisierung. Für jeden einzelnen wird zunächst Trost, Ausdruck und Erleichterung versprochen, für jeden einzelnen entpuppt sich dieses Bild aber rasch als Falle. Statt sich von der Katastrophe zu distanzieren durch seinen Selbstausdruck vor den Medien, hat er sie ein für allemal zum Teil seiner Biographie gemacht. Er ist durch seine Katastrophenerzählung stigmatisiert, so wie die Menschen vor Ort durch ihre Auslieferung an die Kameras und Erzählmaschinen des Westens (aber natürlich gibt es auch längst solche der eigenen Gesellschaften) um alle Hoffnungen betrogen werden, sich aus der Verstörung zu befreien. Wer aber dem Blick der Kamera anders standhält angesichts der Katastrophe, wie die Politiker und wie die Prominenten, der hat erheblich gewonnen. Die Reichen werden immer reicher, und die Armen werden immer ärmer, das ist die Binsenweisheit des Neoliberalismus. Dass jede Katastrophe in diese Bewegung eingearbeitet wird, scheint sich durch Hilfsbereitschaft zu relativieren; auf der Tiefenebene der medialen Inszenierung dagegen beschleunigt sie sich: die Gewinner erobern sich das Katastrophenbild zum Instrument, die Verlierer werden der Bildermaschine zum Opfer gebracht.

Aber es geschieht nun, was dem einzelnen geschieht, mal durch besonders rüde Vertreter, mal durch vielleicht ein wenig sensiblere, auch der ganzen Gesellschaft. Die Verstörung durch die Katastrophe hat ja sehr unterschiedliche Bedingungen. Da ist zum einen das direkte Empfinden des Leidens anderer Menschen. Da ist zum anderen die Empörung gegenüber der sinnlosen Gewalt, diesmal nicht von einem verrückt-bösen Terroristen, sondern der Natur selber. Da ist zum dritten aber auch die Konstruktion des großen Wir, aus dem man so leicht nicht mehr herauskommt. Wo Ich war, so bestimmt es die medialisierte Katastrophe, soll Wir werden. Und Es ist damit gebannt (jenes Es womöglich, das an den Stränden Asiens koloniale und sexuelle Schuld auf sich lud, während daheim die Arbeitslosenzahl steigt). Das katastrophische Wir ist der einzig lukrative Adressat der Medien im Zeitalter ihrer Konzern-Globalisierung; nie gibt es ein Ereignis, das so sehr den Markt der Imaginationen schafft, öffnet und strukturiert. Denn in der Katastrophe kommt zusammen, was sonst getrennt geliefert wird, die böse Lust an der Destruktion und die gute Lust an der heilsamen Regression. Sähe man die Bilder gewisser deutscher Zeitungen nach der Flutwelle ohne den Kontext zu kennen, man könnte nichts anderes darin vermuten als eine bunte Mischung aus Gewaltpornographie, Ferienprospekten, Bildern aus Katastrophenfilmen, Wahlwerbung und Starpostkarten. Die symbolische Ordnung der Welt ist in der Realität zusammengebrochen, in den Medienbildern hat sie sich nur extrem verdichtet.

Aber wie sollten sie etwas anderes leisten, als die Ordnungen in der Gesellschaft verstärken? Und wie könnten wir aufbegehren dagegen, dass die Medialisierung stets die Direktheit und Unschuld der Gefühle wie Mitleid zerstört. Auf die Vermischung von Dokument und Fiktion im Medien-Bild kann der Konsument kaum anders reagieren, als mit einer Vermischung von Emotion und Inszenierung. Die Reaktion auf eine Katastrophe ist eine perverse Art von Entfremdung:

Die Dramaturgie verläuft in etwa nach folgendem Schema:

Phase Nummer 1:

Die Nachricht sucht ihr „großes Bild“. Eine zentrale Metapher für das Geschehen wird gesucht, um die herum sich der weitere Fluss der Erzählungen und Bilder gruppiert. Dieses große Bild der Katastrophe scheint ein Schock, ein Erwachen, eine Form der negativen Erhabenheit, das böse Schauspiel einer Kraft, die nicht nur größer als der Mensch, sondern auch größer als die Götter ist (oder was man an ihre Stelle gesetzt haben mag). Es ist das Bild des verwüsteten Strandes, das uns diesmal fassungslos macht. Gerade noch sind sich hier drei Diskurse so perfekt begegnet, die grandios idyllische Natur von größter Gleich- und Sanftmut, die natürliche Armut von Fischern und

Phase Nummer 2:

Das große Bild wird in die laufenden Erzählungen eingebunden. Die Erzählung löst sich in Seitenstränge auf. Aus der großen Erzählung der Katastrophe werden viele kleine Schicksalsgeschichten; aus der Erzählung der radikalen Verdammung durch die böse Natur (wahlweise auch: den Wahnsinn eines terroristischen Aktes). Es gibt keine große Katastrophe, in der nicht verborgen noch die kleinen Geschichten von der wundersamen Rettung lägen. Ein Neben-Aspekt dieser Phase ist eine Art von „Nationalisierung“. Jetzt sucht man das Eigene unter den Opfern und unter den Helfern.

Phase Nummer 3:

Die große Rationalisierung setzt ein. Dumpf zunächst, dann konkreter schälen sich doch Möglichkeiten heraus, dass irgendwo ein Schuldiger zu suchen und zu hassen sei. Wurde hier nicht versäumt, ein Frühwarnsystem einzurichten? Hat man nicht in den USA verabsäumt, erkannte Symptome sofort weiter zu geben? Gibt es da nicht Touristen, die sich weigern, ihren Urlaub abzubrechen, den sie schließlich bezahlt haben? Was machen die berüchtigten Sex-Touristen jetzt? Und muss die Regierung wirklich zur eigenen Sicherheit den Luftraum sperren lassen und so die internationale Hilfe? Auf der anderen Seite aber ist die Hilfe angelaufen und bietet einen neuen Bilderfluss. Auf den Schock der negativen Erhabenheit folgt eine Aufspaltung in Aggression und Sentimentalität.

Phase Nummer 4:

Das große Bild beginnt sich zu zersetzen. Die Gegenerzählungen des Peinlichen, des Korrupten, einer Schändung der negativen Erhabenheit setzen ein. Plötzlich entdeckt man hier und dort wieder ursprüngliche Impulse, die Mechaniken der Sexualisierung und unziemlicher Intimisierungen aller Welt-Informationen breitet sich aus. Neid und Missgunst dürfen wieder zu Wort kommen, man misstraut plötzlich wieder der Gutheit des nächsten, mit dem man sich gestern noch so im Schmerz und in der Feier des eigenen Mitleides vereint wusste. Kaum hat man die Prominenten aufgespürt, die irgend etwas noch so Entferntes mit der Katastrophe zu tun hatten (oder kaum hatten „Prominente“, die irgend etwas noch so Entferntes mit der Katastrophe zu tun hatten, die mediale Andockstation gefunden), werden auch schon wieder die Sex-Geschichten ausgepackt. Die bange Frage „Will die Erde uns loswerden?“, die BILD angesichts der sich häufenden Naturkatastrophen stellt, steht bildlich im Zeichen von Oliver Kahns neuen Pöbeleien und Veronica Ferres nackten Busen im Fernsehen.

In Phase 4 der Katastrophen-Dramaturgie spaltet sich auch die ursprüngliche Einheit der high- und der low-Segmente der Bilderkultur. Während der low-Sektor die Geschmacklosigkeit vorantreibt, inszeniert der high-Sektor Ernüchterung. Die Medien werden sich einmal mehr selber zum Thema und fragen, ob wirklich alles in Ordnung war, was man tat, oder genauer: was die Kollegen taten. Das gespendete Geld (die kapitalistische Form der Mitleidstränen), ist mit einem mal auch nicht mehr geheuer. Kommt es auch wirklich an? Wird es nicht woanders weggenommen?

Phase 5:

Wir beginnen zu vergessen. Zu Beginn haben wir noch regelrecht Angst vor diesem Vergessen. Aber es ist unausweichlich. Ein kleiner Tod von Bewusstsein und Emotion. In Wahrheit schon die Vorbereitung auf die nächste Katastrophe.

Nur wenige der Maschinisten und Rohstofflieferanten in den Bilder- und Erzählmaschinen der freien Welt sind sich wohl bewusst, dass sie viel weniger so etwas wie Information oder gar Aufklärung betreiben, als ein Ritual nicht nur zur Bewältigung sondern vor allem zum Einschreiben der Katastrophe in die symbolischen Ordnungen liefern. Die Dramaturgie dieses visuellen und erzählerischen Einschreibens ähnelt gewiss nicht zufällig der familiärer „Trauer“ in den bürgerlichen Familien des freien und christlichen Westens: Schock, Trotz, Rationalisierung, der Kampf ums Bild, der Kampf ums Erbe, der Zerfall, üble Nachrede ins Grab, das Vergessen, der Platz der verbleichenden Bilder.

Warum sollte man sich gegen solche Dramaturgie, gegen das Ritual in Form von Nachrichten (und also Waren) zur Wehr setzen, wenn es doch vernünftig ist, wenn es der bestmögliche Kompromiss zwischen gewährter Hilfe und emotionaler Aneignung bietet? Voltaire, der das Erdbeben von Lissabon nicht nur als Krise der verspotteten Metaphysik, sondern auch als eines seines eigenen Systems der Enzyklopädisierung der Welt erkennen musste, hatte Unrecht: Die Katastrophe widerlegt nicht die Ordnung der „besten aller Welten“, im Gegenteil, sie ist zum festen Bestandteil ihrer Konstruktion geworden. Wenn auf diese Weise (und nur auf diese Weise) Hilfsbereitschaft organisiert, politischer Druck erzeugt, das Echo der Traumatisierung zu unterbinden und nach dem Schock die Ruhe in der Welt-Wahrnehmung wieder herzustellen ist, müsste man dann nicht das Peinliche, das Korrupte, das Unwahre, das Missbräuchliche dieser Medien-Installation der Katastrophe in Kauf nehmen, als unangenehme Nebenwirkung einer heilsamen Behandlung einer Krankheit des Welt-Systems? Was geschähe schließlich mit einem Menschen, der nach der Katastrophe einfach kein Vertrauen in die Welt mehr hat? Zum Hilfsangebot gehört neben der geistlichen immer auch die psychiatrische Hilfe. Die Katastrophe muss verarbeitet werden, gewiss, das gehört zum Leben, wie wir es uns vorstellen. Und da wir die Welt beschleunigt haben, um ihr mehr Produktivität und Profit abzuverlangen, muss eben auch dies beschleunigt werden: das Enttraumatisieren. Am meisten stolz scheint unsere Berichterstattung dort zu sein, wo man den Überlebenden der Katastrophe dazu verhilft, wieder anzupacken, aufzubauen.

Ist es gerechtfertigt, ist es möglich gegen dieses Modell einer globalen Einschreibung der Katastrophe in die symbolische Ordnung zu protestieren? Ein Grund dafür ist gewiss eine letzte Hoffnung, die Trauer als menschliches Gut gegen die Bilderflut retten zu können. Ein anderer die Erfahrung, dass die Enttraumatisierung der Öffentlichkeit (die Enttraumatisierung der Medien-Welt) erkauft wird mit der Vertiefung der Traumatisierung der Opfer. Ist ihnen ihr Leid einmal von der Bildermaschine entrissen, so gibt es für sie keinen Weg mehr zu sich selbst zurück. Und wieder: Was da für den einzelnen gilt, gilt auch für die Gesellschaften. Und ein Drittes: Die Dramaturgie des Einschreibens der Katastrophen-Bilder in den Mainstream der westlich beherrschten Medien verwandelt die natürliche Ungerechtigkeit der Katastrophe in die soziale Ungerechtigkeit der Weltordnung zurück. Und wer ein Bild hat (wie die Amateurfilmer, die angesichts der Welle auf den Auslöseknopf gedrückt haben), wer zum Bild werden kann, und wer es muss, der wiederholt schon die symbolische Ordnung der Technologie. Die Macht über die Bilder und in den Bildern ist die kulturelle Fortsetzung der Katastrophe.

Und diese Katastrophe schafft zugleich einen imaginären Raum der Machtlosigkeit. Er muss gefüllt werden, nicht nur indem wir ihn mit Spenden füllen. Natürlich denken wir sogleich an einen finsteren Politiker, der diese Machtlosigkeit für sich ausnutzt. Oder wenigstens an einen, der so einen kleinen Nebengedanken wie einen Sitz im Uno-Rat hat. Aus der Empfindung der Machtlosigkeit ist durchaus, wie gesehen, der Impuls für einen Krieg im äußeren und der Impuls für eine Umgestaltung und Entdemokratisierung im inneren zu ziehen. Das geht leicht, wenn man wenigstens ein gespenstisches Subjekt für die Katastrophe hat, einen Terroristen etwa. Ein Verursacher der Katastrophe wird in einem System vermutet, das sich angreifen lässt. Aber können wir, wie Kapitän Ahab, die Natur selber angreifen, die uns ein Leid zugefügt hat? Bei einer natürlichen Katastrophe ist das Füllen des entstandenen Machtvakuums, das Empfinden der Ohnmacht, eines religiösen Zorns ohne Adressaten komplexer und nicht ohne die Herstellung eines emotionalen Konsenses zu erzeugen. Und doch steckt sie in der Dramaturgie des Einschreibens: Man hat hier nicht nur die Strategie des „Verarbeitens“ und dann des „Vergessens“ (und sei es, weil man „es“ einfach nicht mehr sehen und hören kann, sei es, weil die Korruption der Bilder und Begriffe zu schmerzhaft geworden ist, wie der Familienstreit beim Leichenschmaus), man hat auch eine „Lösung“, die über „Das Leben geht weiter“ hinausgeht. Das meint auch nicht nur: Die Antwort auf eine Katastrophe ist eine neue Wetterstation (und ist nicht das Kachelmannsche Projekt, Deutschland in ein System von Wetterstationen zu verwandeln, eine magische Bannung überall lauernder Katastrophen?). Die Antwort auf die nihilistische Botschaft der Katastrophe ist mehr Ordnung und engerer Sinn. Die Antwort ist Technologie und Organisation (kurz gesagt, und gegen die Mythologie der „natürlich“ auf die Katastrophe vorbereiten vor-modernen Menschen auf den Inseln: mehr Gesellschaft). Die Antwort ist aber auch: Jede Katastrophe verstärkt den Visualisierungsdrang. Bei jeder Katastrophe verdrängen nicht nur auf den Titelseiten der, wie sagt man? – „bürgerlichen“ Zeitungen die Bilder die Texte, und bei jeder Katastrophe nähern sich nicht nur die Bildwelten von Information und Unterhaltung, von Kino und Journalismus einander an, sondern auch die von high und low culture. Die Antwort der Kultur auf die Katastrophe ist eine Form aufgelöster Regression; man wird wohl auch quantifizierend zeigen können, dass sich die Kulturen von solchen medial verstärkten Regressionsschüben durch die Katastrophenbilder nie vollständig erholen. Die Katastrophe entschriftlicht die Welt.

Tatsächlich also mag es sein, dass die Ordnungen von Gesellschaft, Markt und Staat, aber auch die Ordnungen von Wahrnehmungen, sozialer Hierarchien oder sogar die Ordnungen von Sprachen und Bildern nur durch die regelmäßige Realisierung der Katastrophenphantasien aufrecht zu erhalten ist. Aber noch etwas hat sich durch die

Beschleunigung der medialen Verarbeitung geändert. Die Abfolge von Normalzustand und Katastrophe ist rapide aneinander gerückt. Ist die Katastrophe tatsächlich noch die Störung, das Element der Ungelöstheit in einem System, oder ist sie am Ende bereits der Normalfall. Was die Medien anbelangt, so ist gewiss der Takt der Katastrophen vorherrschend. Vor allem funktioniert durch diese Beschleunigung auch die perfekte Ableitung in den Alltag. BILD beschreibt das Katastrophische der Welt nach der großen Katastrophe in Südasien: „Ein Seebeben der Stärke 5,4 erschüttert das Mittelmeer. Vier Vulkane sind weltweit ausgebrochen. Schnee-Chaos in Kalifornien (elf Tote), Orkan und rätselhaftes Frühlingswetter in Deutschland. Will die Erde uns loswerden?“. Wir haben da nicht nur ein Meta-Subjekt der Katastrophe (die Erde als eine zornige Mutter: wäre sie nicht die ideale Braut für Bin Laden?), ein Bild der Unbehaustheit, sondern auch unser rätselhaftes Frühlingswetter ist verbunden mit der katastrophischen Ordnung der Welt. Der große Ausnahmezustand und die kleine Alltagsmerkwürdigkeit: Teil eines ganzen, eines religiösen Bildes ohne Inhalt. Die Katastrophe ist zum Normalfall geworden, noch genauer: die symbolische Ordnung der Welt wird durch die Katastrophe nicht mehr gestört, sondern im Gegenteil, die symbolische Ordnung der Welt wird durch die Katastrophe erzeugt. Anders gesagt: Die Katastrophe ist all das, was als Gegenschlag zurückkommt, was der demokratische Kapitalismus mit Technologie, Ökonomie und Militär unterworfen zu haben glaubte. Die „falschen“ Kulturen und Zivilisation, die Unordnung der Natur, die Ressourcen, eine nicht eingeschriebene Weiblichkeit, die Unerzogenheit des Natürlichen, der Anti-Technologie schlechthin, und im Einschreiben wird diese gespenstische, traumatische Wiederkehr des Nicht-Unterworfenen zum Teil der Ordnung.

Diese Katastrophe freilich unterscheidet sich durch eine neue Form der Globalität von den vorhergegangenen. Es gibt kaum einen Menschen auf der Welt, es sei denn, er lebte in Gegenden, in denen die Katastrophe ohnehin zum Alltag geworden ist, der nicht auf direkte oder indirekte Weise mit ihr verbunden ist. Wir erkennen wie klein die Welt ist, wenn eine Welle genügt, um die Mehrzahl der Menschen dadurch zu vernetzen, dass sie in ihr einen Menschen verloren haben oder zumindest Menschen kennen, der seinerseits einen Menschen verloren hat.

Die Rituale der Bildermaschinen haben ihre eigene Grammatik. Sie produzieren als Adressaten das Wir, Wir – das ist das System der Fernsehzuschauer und Zeitungsleser, der Mediennutzer in der freien Welt. Es gibt Bilder und Erzählungen, die können nur wir verstehen. Vielleicht verstehe Ich etwas anderes, aber diese Botschaften sind an ein Wir gerichtet, auch wenn es eine merkwürdige Form höchst isolierter Einzelteile hat. In der Dramaturgie der Katastrophenbilder nun spielt die Wiedergewinnung des Ich seine bedeutende Rolle, auch wenn sie vollständig nicht mehr gelingen kann, und natürlich längst nicht so kontrolliert wie, sagen wir, nach der Übertragung eines Fußballspiels.

Im Grunde reagieren wir mit nichts anderem als einem Abwehrzauber auf die in der Tat unfassbare Katastrophe, doch ist dieser Abwehrzauber selbst Teil der Katastrophe, weil er als korrupte semiotische Welle in den Köpfen weiter Verheerung anrichtet.

Die neue Ordnung wird aus Ergebenheit und Zorn errichtet, Hoffnung liegt, neben der Konstruktion des medialen „Wir“, in einer Institutionalisierung der Hilfe und wird in der Schließung der technologischen Lücke gefunden. In die Erfahrung eingeschrieben sind erneut die Elemente der negativen Erhabenheit, des gemeinsamen Glücks in der Inszenierung von Trauer und Hilfe, die Selbstinszenierung der politischen Macht in der Katastrophe (muss da nicht jeder Politiker hin), die Rückkehr zu den Ordnungen und zur Missgunst. Aber in die Erfahrung von Ohnmacht und Trost hat die Katastrophenphantasie eine Antwort gekippt. Die Erfahrung einer universalen Ohnmacht relativiert nicht nur das eigene, kleine Unglück. Und hier beginnt sich der Kreis zu schließen zwischen den Fiktionen, den realen Katastrophen und den diversen Zwischengliedern. Die reale Katastrophe wird mit den Metaphern der fiktiven beschrieben, wieder erschien Betroffenen das Geschehen wie in einem „Horrorfilm“. Auch die große Welle hat ihre fiktiven Vor-Bilder, vom paradigmatischen SF-Katastrophenfilm WHEN WORLDS COLLIDE der fünfziger Jahre bis zum WHITE SQUALL oder zum BREAKING POINT. Es ist eine tödliche Reinheit, die uns da begegnet, und wie in THE BEACH (der Film, der aus dem Fernsehprogramm genommen wurde, weil er an den Orten der Katastrophe gedreht wurde) gibt es eine Sehnsucht danach, in ihr zu verschwinden aus dem Leben der Zivilisation. Doch im Katastrophenfilm werden wir auf die Wiederherstellung der symbolischen Ordnung auch als soziale (und übrigens nicht zuletzt religiöse) getrimmt; jedes Opfer hat hier seine melodramatische Bedeutung, die Katastrophe ist eine Art von moralischem Auslese- und Bewährungsprozess. Einen solchen moralischen Sinn zu unterstellen, kommt bei der Flutkatastrophe allenfalls religiösen Eiferern in den Sinn, er wird vielmehr subkutan, auf der Ebene der visuellen Konotationen konstruiert. Wo die Welle anlangte, da war auch Sünde. Man müsste ja nur für das Wort „Tourismus“ das Wort „Prostitution“ einsetzen, und wir hätten ein furchtbares Zerrbild der Verbindung von Katastrophe und Weltordnung. Es zu verbergen, unter anderem, dient das Katastrophenbild. Denn die Idee, deutsche Arbeitslose in die Katastrophengebiete zu schicken, ist ja nur in ihrer dummen Konkretion absurd. In Wahrheit trifft sie den Kern der Dramaturgie: Das Machtloch, das die Katastrophe an der Peripherie des Weltmarktes erzeugt hat, wird in der medialen Verarbeitung zur Müllkippe für die Kulturen der ökonomischen Zentren.

Autor: Georg Seesslen

Text geschrieben: März 2005

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