33. Filmfestival Max Ophüls Preis – Tag drei

Das digitale Zeitalter hält das Festival im Würgegriff – mit Pleiten, Pech und Pannen. Mal das Bild, mal der Ton – immer wieder gibt es ungeplante Pausen, weil die Projektionen nicht funktionieren. Was andernorts zu Unmut führen würde, wird hier mit heiterer Gelassenheit quittiert. Die Filmfans harren aus. Und irgendwann klappt’s dann auch immer.

Heitere Gelassenheit – das ist die Grundstimmung hier. Die Festivalgemeinde lässt sich den Spaß nicht verderben und eilt begierig von Film zu Film, viele bleiben dann auch noch bei den anschließenden Diskussionen. Dabei sind die Filme in der Mehrzahl alles andere als heiter. Immer wieder wird ein Thema variiert, meist eher düster: die Erschütterungen der bürgerlichen Mitte in der westlichen Welt. Die Protagonisten der Filme sind meist „Leute wie Du und ich“. Doch hinter den Fassaden der Durchschnittlichkeit lauert oft der Schrecken vom Leben voller Angst, Selbstzweifeln, Vereinsamung. Es ist interessant, dass gerade junge Filmemacher so intensiv darüber nachdenken, dass viele Menschen heutzutage, egal welchen Alters, mit dem Gang der Zeit nicht mehr mithalten können. Die kranke Gesellschaft, die das Menschliche nur zu schnell dem Mammon opfert, macht ihre Stützen, die Menschen, krank. Kein Wunder, dass es allüberall kracht im Gebälk.

Die Geschichten dazu sind meist metaphorisch, reflektieren den Zustand der Welt nicht eins zu eins. Mitunter aber doch – und gelegentlich sogar mit einem Lachen. Was dann vom Publikum dankbar aufgenommen wird. Man kann nicht unentwegt grübeln und wehklagen. Befreiendes Schmunzeln und Lachen tun da sehr gut. „Crashkurs“ von Autorin und Regisseurin Anika Wangard ist so ein „befreiender“ Film. Da wird ein Rentnerpaar mit der Tatsache konfrontiert, dass ihr ach so sicher auf der Bank angelegtes Geld futsch ist. Die Beiden fühlen sich betrogen und suchen Hilfe bei Justitia. Doch die kann nicht helfen. Die Senioren aber geben nicht klein bei. Mit Mut zum Anarchismus versuchen sie sich als Racheengel. Was teuflische Folgen hat. – Die Inszenierung setzt zum Glück weniger auf groben Humor denn Ironie. Das verhaltene Spiel der Hauptdarsteller, allen voran die Berliner Theaterschauspielerin Monika Lennartz, über Jahrzehnte umjubelte Protagonistin am Maxim Gorki Theater, trägt die wunderbare Geschichte mit frappierender Leichtigkeit. Der Ernst der Lage bleibt im Bild. Doch das Augenzwinkern der Erzählung sorgt für Vergnügen, das nicht in Verlogenheit mündet. „Crashkurs“ gibt einem Einiges zum Nachdenken mit nach Hause, darüber, wie es möglich sein kann, die eigene Würde wenigstens zu verteidigen.

Sehr skurril wird genau darüber auch in dem bissigen Kurzfilm „Ten“ nachgedacht. Da kriegt ein Mann am Transitschalter in die Ewigkeit, die Chance, noch länger auf Erden zu wandeln, wenn es ihm gelingt, innerhalb einer halben Stunde jedes der zehn Gebote zu brechen. Das unternimmt er dann tapfer – sehr rasant und schön-schmuddlig in Szene gesetzt von Stefan Hering, der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat. Clou des Films: Johannes Heesters hat hier mit 108 Jahren seinen letzten Auftritt vor einer Filmkamera absolviert. Er ist der Transit-Manager, der dem Anti-Held die Chance zum Weitermachen gibt. Das ist schon sehr besonders, wenn der alte Mann, inzwischen verstorben, als Bote des Himmlischen, ganz in Weiß, mit selbstverständlicher Grandezza Verwalter des Schicksals spielt. Da hält man den Atem an.

Schade allerdings: Das Festival zeigt die Kurzfilme nicht mehr vor den Spielfilmen, so wie es einst auch im Kino war, sondern in Extra-Reihen. Eine Fehlentscheidung! Die Kurzfilme kostet das Zuschauer, sie werden unnötigerweise ins Abseits gedrängt. Die ansonsten so überaus klug arbeitende künstlerische Leitung des Festivals, Gabriella Bandel und Philipp Bräuer, sollten die Entscheidung rückgängig machen.

Peter Claus

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