Alfred Harth: Jenseits von Paradox (Erinnerungen)

balance 900

Tourstationen, zweite Hälfte 1980er


Fritz K. Waechter spricht lange mit mir über die Rätsel von Atlantis. Während wir durch die regennassen Strassen von Athen gehen, erzählt Fritz so plausibel, dass er vergisst, sich wie ein anständiger Tourist zu verhalten.

Es ist unser erster griechischer Tag. Wir betreten ein Restaurant und setzen uns, noch immer vertieft in die Legende, an einen leeren Tisch. Bei Bestellung fällt mir die hölzerne Tischnummer auf: 23.

Fritz und ich waren mit unserer Truppe auf Einladung des griechischen Kultusministeriums im Dezember 1+9+8+5 in die Stadt der Akropolis gereist, um dort unser utopisches Stück „Nach Aschenfeld“ zum vorläufigen Abschluss nach einem Jahr Aufführungen am Residenztheater München zu bringen. Das Kultusministerium hatte dazu auch eine Pressekonferenz anberaumt. Sie fand im Ministeriumsgebäude statt. Zimmer 23.

Nach den zwei Aufführungen im Nationaltheater der Polis fliege ich nach Frankfurt zurück. Mein Sitz trägt die Nummer 23 A.

Drei Tage später lasse ich mir einen neuen Haarschnitt verpassen. Der Friseur schenkt mir eine Shampoo-Probe. Seltsamer Name 23.

Zwei Tage später kaufe ich Möbel für die Kinder. Sie können unter den Nummern 21 und 23 abgeholt werden. Am gleichen Nachmittag besorge ich noch Lebensmittel im Supermarkt. Ich zahle 21,23 DM. Am Abend meditiere ich auf dem Saxofon die jüngsten Ereignisse dieser enigmatischen Reise, ihre numerologischen Implikationen, und bin ab sofort als 23 neu inkarniert.

 

Am 23. Februar 1986 trifft 23 während eines Unterwasserkonzerts im Stadtbad Mitte in Frankfurt auf Ken Campell, den Regisseur der Illuminatentrilogie, den auch Fritz von früheren Inszenierungen kennt. 23 sieht derzeit wie Kent Clark aus. Sein Auftritt während des Unterwasserkonzerts irritiert. Mit einem blauen Anzug bekleidet, steht er bis zur Brust im Wasser und zerrt zwei Plastikenten mit seinem Matchpartner quer übers Becken. Beide blasen derweil mit Entenlockruftröten und Mundstücken amphibisch ins blaue Nass: „Amphibisches Match“.

Ist das alles? Und: Was soll denn das sein?

Aufgeregte Fragen im Publikum.

Auch einige Monate später, als 23, anlässlich eines Telefonkonzerts in der ehrenwerten Kunstschirn in Frankfurt, sein Weltsaxsolo per telefone-conference-call über Satellit simultan um den Globus schickt.

Er irritiert.

Bei seinem Projekt „PSI TO LEN“ lässt er eine Burgruine im Rüsselheimer Park von vier Soldaten in historischen Uniformen zu seiner Komposition „Anything goes“ in slow motion zur historisch-artifiziellen Umgebung bewachen. Diese Musik wirkt wie ein LSD-Trip. Balance Action. Er nimmt es verdammt ernst mit Paul Feyerabends Aufruf. Auf die radikale Art. Ohne Rücksicht auf Imageverlust.

Nach „PSI TO LEN“ bekommt er aufgrund seiner Theatermusik zu Frühlingserwachen 1Q84 am Nationaltheater Mannheim einen Auftrag für den Kirchentag ( Ein’ feste Burg… ).

Man findet ihn auf Parties seine wilden Rollen performen, immer wieder, um zu überraschen. Er spielt, um zu spielen.

 

Anything Goes“. Auf Schallplatte: neu zugeschnittene und neu gemixte neueste Werke dreier Autoren, die nach der cut-up Methode arbeiteten. 23 gestaltet das Cover mit Zeichnungen aus der frühen Zeit seiner Initiation als Träger des Dritten Auges.

Er irritiert.

23 schaltet sich per Telefon in eine Kabelfernsehsendung ein und lässt durch pure Gedankenkraft auf einer vor die Kamera gehaltenen weissen Fläche gewisse Bilder entstehen, die ausgestrahlt werden und die Geräte von Zuschauern rot erglühen lassen.

Red Art“ ist auch der Titel der sehr persönlichen Solo-LP, auf der eine andere Seite seiner 86er Persönlichkeit zum Vorschein kommt. Musik als Körperpflege. Mein Körper weiss alles, verrät aber wenig.

Spiralartig schliesst er viele offen gebliebene Kreise der letzten Dekade: alte Texte von ihm, die bisher beiseite geblieben waren; Tapes von liebgewonnenen Gruppen, die bislang nicht veröffentlicht wurden; Wiederentdeckungen seiner alten Zeichnungen; Wiederbegegnung als auch Abgrenzung gegenüber Personen von zehn Jahren zuvor.

Eine Loft zu bauen, beauftragt er, auf seinem alten Elternhaus, eine Avantgarde-Galerie. Von dort aus blickt er nun auf seinen Geburtsort im nahen Taunusgebirge: Kronberg. Das Selbst & seine Symbole.

Architekt 23 steht am Fundament seiner wachsenden Baustelle, sichtet die 50er, 60er und 70er Ruinen, dekonstruiert sie, baut sie ein neben straffen Neubauelementen, spürt die künftige Gesamtanlage und vermag noch nicht, sich einen Überblick zu verschaffen.

 

23 baut auf.

Ein Duo mit John Zorn, Atom Sex Kino.

Ein Duo mit Peter Brötzmann, Go-No-Go, erweitert im Trio mit Sonny Sharrock noch.

Seine Gruppe „Gestalt et Jive“ formt er aus.So sollte die Musik von Anfang an klingen. Tanzbar strukturiert.

Im Verlauf von vier Mixed-Media-Auftritten kreiert er zusätzlich eine Solo-Personality-Show „Red Art“ – Blindmalerei, Anleihen von Ausdruckstanz, Videos, ekstatische Texte. Daneben all die Saxofone.

23 baut auf.

Jürgen bekleidet ein hohes Amt und erzählt. Er spricht davon, dass er jeden Abend beim Zähneputzen im Spiegel übt, wie er grüssen würde, wenn ihm plötzlich ein Ausserirdischer gegenüberstünde. Er empfiehlt 23, Doris Lessing zu lesen. „Canopus im Argos“.

Ja, woher wussten denn die Dogon in Afrika die genauen Positionen von Sirius A und B?

Dog on – no goD.

Lausbübisch stammeln Dichter.

Go No Go.

 

23.Hexagramm des I Ging: „Die Zersplitterung“ – „Das Bett wird zersplittert am Bein.“ Das ganze Jahr über massenweise 23er. In allen postmodernen Situationen. Einstürzende Neubauten / Aufbauende Freimaurer. Aber: Selbst neue Reinkarnationen werden rasch zur Gewohnheit. Nap, dog eno.

 

exPANzion.

23 erhält einen anderen Auftrag. Die Frankfurt Feste in der Alten Oper feiern im August 1987 den Themenkreis „Mythos“. 23 soll dazu beitragen, wählt den Bereich der Zukunftsmythen. Dorthin zieht es ihn. Alle anderen geplanten Beiträge sind sowie zeitlich rückwärts orientiert. In Zeiten der allgemeinen Zersplitterung, Atomisierung von Individuen und innerhalb der Künste, der grossen Relativierung, Orientierungslosigkeit, Unübersichtlichkeit, den politischen und ökologischen Verhältnissen ohnmächtig ausgesetzt, meint 23 es mit dem „Anything Goes“ radikal ernst.

Es beschreibt eine tiefe moralische Variante im Verhalten der Gegenwart: Ohne ideologische Umschweife und Rückhalte das alles wahrzunehmen, was ist und es in seiner Anythinggoes-Gestalt zu belassen. Durch bewusstes Annehmen.

Angesichts übermächtiger Katastrophen und der zwangsläufigen Erfahrung, dass wirklich alles geht, versucht 23 seine Angst zu meistern, wissend, dass sein isoliertes Zittern nur einem Teil des Ganzen, der sich allerdings absolut gebärdet, zu verdanken ist, und die verborgene Variable wiederum ihren Teil dazu beiträgt, ihn in einem vergrösserten Spannungsfeld unzähliger Vektoren zu belassen.Eine mögliche Aussicht scheint zu sein, das „Anything“ zu akzeptieren, wie es ist und sich vorsichtig und bescheiden einzugestehen, dass man doch nicht weiss, was wirklich los ist.

 

23 erinnert sich seines Auftrags, will den Gedanken an ein Orchester nicht fallen lassen. Allerdings mag er nur ein improvisierendes Orchester. Er findet das „Mutare Ensemble“ und wünscht sich von ihnen zehn Violinen. Die möchte er einer kleinen Gruppe von Musikern unterschiedlicher Herkunft beigesellen. Einem Kassettenmaschinisten aus der Schweiz. Einem lyrischen Pianisten. Einem Synthesizerspieler. Und am Saxofon: 23 selbst. Kurz darauf erhält er von Micky Remann einen Text des Apollo-9-Astronauten Russell Schweickart, der darin davon träumt, dass die Menschheit nun bald durch Auswanderung ins All „neu geboren“ werde.

 

Wenn wir uns tatsächlich auf eine Weltraumzivilisation zubewegen, dann müssen wir diesen Vorgang mit neuen Metaphern veranschaulichen. Das Bild, das ich einführen möchte, ist das von der kosmischen Geburt. Wenn wir diesen Planeten mitsamt der Evolution des Lebens und der menschlichen Geschichte als einziges, sich entwickelndes Lebewesen ansehen, dann mag der Zeitpunkt, da wir mit der Bevölkerung des Weltalls beginnen, der Moment sein, da Mutter Erde neues Leben aussendet – sie gebiert.

Das Gegenteil zur kosmischen Geburt ist der Cowboy-Fortschritt. Der Cowboy sagt: nachdem wir einen Platz genügend versaut haben, ziehen wir weiter, um den nächsten zu versauen. Wenn wir mit der Cowboy-Metapher ins All gehen, haben wir keine Chance, nicht mal mehr auf der Erde. Da gibt es interessante Analogien zwischen der Lage auf der Erde und dem Geburtsvorgang: je näher die Geburt heranrückt, desto grösser wird der Energiebedarf. Immer mehr Giftstoffe werden produziert, mit deren Beseitigung der Körper Schwierigkeiten hat. Wehen setzen ein, die den ganzen Leib durchschütteln.

Ist die Geburt glücklich überstanden, entsteht ein neues Verhältnis zwischen dem Space-baby und Mutter Erde, ein Verhältnis von Unabhängigkeit und Zuwendung.

Ich finde diese Metapher interessant zum Spielen, zum Nachdenken oder zum Verwerfen. Mein Eindruck ist, dass die Astronauten und Kosmonauten, die die Erde vom All gesehen haben, einer bestimmten Verpflichtung unterliegen, die Konturen dieser Erfahrung zu reflektieren und sie anderen mitzuteilen.“ Russell Schweickart.

 

Das ist der passende Stoff für eine Bearbeitung von Zukunftsmythen.

 

In der Zwischenzeit.

Begegnete 23 den Saxofonisten Werner Lüdi und Hans Koch auf dem Festival “Jazz Meets Art” in der Schweiz unter dem Projektnamen “Fallendes Bild / Stürzender Song”.

Ist das Doppelalbum seiner Gruppe „Gestalt et Jive“ mit Peter Hollinger und Ferdinand Richard erschienen.

Hat 23 in Berlin mit Brötzmann eine Duo-LP „Go No Go“ aufgenommen und dort einen Monat später mit ihm, Sonny Sharrock und anderen, auf dem Workshop für Freie Musik der FMP gespielt.

Steht für ihn fest, dass er die Expansion ins All mit Brötzmann und Sharrock zelebrieren will. Neuformierung des Projektes „exPANzion“: Streicher entfallen.

Dafür treten auf den Plan: Klaus Koch. Ferdinand Richard. Chris Cutler. Andres Bosshard. Phil Minton. Peter Brötzmann. Sonny Sharrock. Und 23.

Mit allen hat er schon mal zu tun gehabt. In dieser Kombination sieht er die ideale Expansionsmannschaft.

 

PAN steht für das Viele.

Zion steht für Utopie der Einheit. Das Eine.

Durch das Zusammenwirken beider Wirklichkeiten existiert die Menschheit, indem sie dieses unendliche Spiel permanent ausweitet.

 

23 über „exPANzion“ :

“Russell Schweickart setzt eine Planung, eine Möglichkeit in Bewegung. Seinen Entwurf empfinde ich als mutigen, riskanten und herausfordernden Willen zum sich fortsetzenden Abenteuer Leben zwischen Lust und Leid. Er wird selbst zur Metapher. Kern seiner Sehnsucht: Der Wunsch nach Transzendenz.

In „exPANzion“ möchte ich auf der Grundlage eingeplanter und vorausschauender Grenzüberschreitungen, das Wertmoment der immerwährenden Möglichkeit, auf das Andere hinweisen zu können, darstellen.”

 

23 ist mehr und mehr von dem Vielen angewidert. Dem Musikbetrieb. Den Critickern. Den buhlenden Künstlern der Galerien. Der immer grösser werdenden Flut der Kommunikationsmedien. Ihrer Informationsgeilheit. Ihrer zerstörerischen Macht. 23 entzieht sich ihrem Zugriff. Er verweigert sich.

Teschuwah: Die Zeit der Umkehr.

Richtung auf die Eins.

Die korrespondierende Synchronizität ist eine Einladung, auf dem Abschlussgottesdienst des Kirchentags im Frankfurter Waldstadion, vor etwa 150.000 Seelen Solosaxofon zu spielen. 23 plant allerdings auch an diesem Termin auf dem Anti-Atomkraft/Wackersdorf-Festival aufzutreten.

 

Während er einen Auftrag für TV-Filmmusik zu den Kirchenfenstern von Johannes Schreiter erfüllt, zeigt er dem Regisseur eines seiner zwanzig Jahre alten Feuergraphiken im Stile Schreiters. Der Regisseur hält es für einen echten Schreiter.

Er beginnt wieder zu malen. Im Stile Cezannes.

In der Kabbala steht die Zahl 23 für unbewusstes Leben.

So ist das 23.

 

Im Mai erfährt er zu seinem Erstaunen, dass das Mythos-Konzert in der Alten Oper nun exakt einen Monat später stattfinden soll. 23 telefoniert mit allen beteiligten Musikern seines Projekts und muss besorgt hinnehmen, dass längst nicht mehr alle Spieler im September frei sind. Was nun?

Es ergibt sich, dass 23 für das Musica-Festival in Straßburg den Auftrag erhält, am 26.September ein Konzert mit einer ähnlichen Besetzung wie auf seiner Platte „This Earth!“ (ECM) von 1983 zu organisieren. Somit entfällt auch die Möglichkeit, eine angemessene Probezeit für das vorgesehene Konzert in der Alten Oper einzuplanen.

In dieser Lage bleibt für 23 nur ein neuer Weg, mit dem er beide Aufträge erfüllen kann. Er erinnert sich an den Roman „Shikasta“ aus der Reihe „Canopus im Argos“ von Doris Lessing.

Er findet, dass diese Thematik eine logische Fortsetzung seiner ökotopischen Anliegen auf „This Earth!“ darstellt und exzerpiert nun vier kurze Textabschnitte dieses Romans für Maggie Nicols und Phil Minton als Frau-&-Mann-Gesangsarchetypen, sowie Paul Bley, Barre Phillips und sich selbst. Das Projekt erhält den Namen „Bemerkungen über den Planeten Shikasta“.

Der Roman „Shikasta“ beschreibt wie ausserirdische Gesandte aus dem Reich Canopus im Sternbild Argos, die Erde – Shikasta, die Verletzte, die Zerstörte, früher Rohanda, die Blühende – mit ihrer wohlwollenden Intelligenz betreuen.

Was Doris Lessing entwirft, ist eine Menschheitsgeschichte, gesehen mit den Augen einer zeitlosen, Jahrtausende mühelos durchschreitenden, gütigen Intelligenz. Es ist eine phantastische, zutiefst moralische Geschichte, eine Vision von Zorn und Trauer.

…The inhabitants of Shikasta, engaged in destroying themselves, soon to face the intensive, if short, final phase of their long orgy of mutual destruction, were not entirely unaware of their situation. A feeling of foreboding was general, but was not commensurate with the situation, not specificto the various dangers. Alarms and warnings were frequent, but related to an aspect or part of the situation: These preoccupied them for a while, and were then forgotten as another crisis arose and seemed overriding. A few Shikastans, and in all countries, understood quite well what was happening….“

Doris Lessing

 

Nach einem Festivalauftritt mit „Gestalt et Jive“ stellte sich heraus, dass das Wackersdorf-Festival wegen befürchteter Regenfälle geplatzt war. 23 hatte zuvor definitiv für den Abschlussgottesdienst im Waldstadion zugesagt.

Am Abend vor der Probe spielt „Gestalt et Jive“ aber noch in Ulm. Am folgenden Tag um acht Uhr früh ist Probe im Waldstadion. So stellt der Kirchentag für 23 einen Fahrdienst bereit, der ihn mit ungefähr 230 Sachen über die Autobahn nach Ulm und zurück nach Frankfurt/Main bringt.

Der Gottesdienst wird live im Fernsehen übertragen, Kanzler Kohl mit einem Helikopter direkt eingeflogen. Viele grosse Tiere aus der Politik sind anwesend.

In der Stadionmitte spielen hunderte von kirchlichen Blasorchesterblechbläsern ihre sakralen Weisen. Dann zehn Minuten meditatives Erstaunen für die Seelen: 23 Tenorsaxofon solo in schwarzer Gummijacke, von der Kanzel herab.

 

Für Juli erhält 23 vom Hessischen Rundfunk den Auftrag, ein Hörspiel zu produzieren. In der dafür vorgesehenen Studiozeit entstehen drei Hörspiele.

 

BOYS MEET GIRL 

We love sweets like babies. We dont love no lumps of cheese, and tough bread, no we just like to eat soft stuff, soft bread, soft ice-cream, soft chocolate, soft mush, soft potatoes, soft jam, and peanut-butter, we dont except at a little meat we dont really chew. Well, and if we dont, said Jo. Soft eats make soft men, said Peter.“

(Aus: Gertrude Stein, „Brewsie and Willie“)

Eine Gruppe Jugendlicher trifft sich mal so. Die Boys umbuhlen das Girl. Die immer wieder gleichförmig wiederkehrenden reduzierten Statements erhalten im Kontext der „sprechenden“ Saxofon-, Trompeten- und Posaunenstimmen jeweils neue Bedeutungen. Die wild boys trumpfen mit ihrer ihnen eigenen Charakterstärke auf. Da ist der zerrissene Draufgänger, der beruhigende Phlegmatiker, der Elegant, der miese Nörgler usw. 23 hatte diesen Text bereits 1982 in sein Grosstadt-lärm-amalgam-nonett „Reklame der Wirklichkeit“ über Kassette live einmontiert.

 

AXIOM

Was nicht verboten ist, das ist erlaubt“.

Ein maschinell rotierndes, messerscharfes Mantra. Die Message spuckt sich in ihrer eigenen Form aus. Und was von einem auffordernden Imperativ übrigbleibt, ist überraschenderweise schon immer vorhanden gewesene doppelte Tautologie.

Aus Sätzen von Astronauten und Kosmonauten, Auszügen von Paul Scheerbart und einem Protokoll einer telepathischen Kontaktaufnahme zu Ausserirdischen im Sternbild der Plejaden einer Studiengruppe in Santa Fe, USA, montiert 23 den Text zu dem dritten und längsten dieser Hörspielphase:

 

DASS SIE IM ALL SIND, DAS IST SCHON MERKWÜRDIG!

 

23 will das Projekt „exPANzion“ nicht aufgeben.

Teilnehmer des Projekts auf neuem Terrain sollten nun sein:

Sonny Sharrock, Peter Brötzmann, Phil Minton, Andres Bosshard, Chris Cutler, der Astronaut Russell Schweickart als Sprecher seiner Texte, der Astronaut Sun Ra, nebst zwei Mitgliedern seines Arkestras, sowie 23.

Dann Mix & Schnitt der LP „Plan Eden“ / eine Arealerweiterung im 23er Galeriegebäude, so dass ein Sandwichhaus ensteht: oben & unten Kunst, in der Mitte das Leben / mehr Gestalt et Jive / Documenta Radio X-Teilnahme / harmonische Konvergenz / Mike Hentz tanzt / Sun Ra meets / Indulis Bilzens (PSI TO LEN) / am Walkie Talkie / John Cage / Goebbels Geburtstag / Terrasse 23 / „Plan Eden“ erscheint.

Augustkonzerte mit Sharrock, Brötzmann und „Aleister and Alice“, auch Festival Willisau.

 

Mitternacht im Park der Orangerie von Straßburg. Abseits der von den Lichtern des Bretonen Yann Kersale verzauberten Lindenallee zum Palais Josefine steht das holländische Spiegelzelt, in dem bei „musica 87“ ein prominentes Häuflein musikalischer Freigeister das Tonbild von Shikasta, der zerstörten Erde, zeichnet. Einen Tag später steuert 23 seinen Stationwagon nach Frankfurt, die Band im Wagen, Paul Bley auf dem Beifahrersitz, „Bemerkungen über den Planeten Shikasta“ in der Alten Oper, zum Thema Mythos.

 

Cut.

23 fliegt nach Kanada, Victoriaville.

Festivalauftritt des „Duo Goebbels/Harth“.

Weiterhin springt 23 dort auch noch für Don Cherry und Tim Berne ein im Projekt „Der Mann im Fahrstuhl“ nach Heiner Müller, aufbereitet von Heiner Goebbels, zusammen mit Fred Frith, Arto Lindsay, Chris Cutler und Andre Duchesne.

 

SNAFU (Situation Normal All Fucked Up):

Zersplitterte Zeitpyramide. Simulationszeitalter. Anything Goes – Jazz ist eigentlich ein querstehendes Gefühl.

 

Im Anschluss an das Festival International Musique Actuelle Victoriaville reist 23 über Montreal nach knapp einem Dutzend Jahren wieder mal nach New York City.

 

UNSERE POESIE JETZT

IST DIE ER-KENNTNIS DASS WIR NICHTS

BESITZEN

ALLES IST DAHER EIN

VERGNÜGEN

(DA WIR ES NICHT BE-SITZEN) UND DESHALB SEINEN

VER-LUST NICHT FÜRCHTEN

MÜSSEN

WIR BRAUCHEN DIE VERGANGENHEIT NICHT ZU ZERSTÖREN: SIE

IST FORT;

JEDEN AUGENBLICK KÖNNTE SIE WIEDERKEHREN, GEGENWART

SCHEINEN, SEIN.

WÄRE DAS EINE WIEDERHOLUNG? NUR WENN WIR

DÄCHTEN, WIR BESÄSSEN SIE, ABER DA WIR’S NICHT TUN, IST SIE FREI UND WIR EBENSO.

 

New York City /Time tunnel

24. Hexagramm: Die Wiederkehr:

Wenn das Obere vollkommen zersplittert ist, kommt es unten zurück. Gelingen. Ausgang und Eingang ohne Fehl. Hin und her geht der Weg. Nach einer Zeit des Verfalls kommt die Wendezeit. Das starke Licht tritt wieder ein, wie zuvor.

Es gibt Bewegung. Aber es ist keine erzwungene Bewegung.

Altes wird abgeschafft, Neues eingeführt.

(Aus dem I Ging) Ab 1+9+9+5 global.

 

ALLES WAS NOTWENDIG IST, IST EIN LEERER

ZEITRAUM, UM IHN AUF SEINE EIGENE MAGNETISCHE WEISE WIRKEN ZU LASSEN.

SCHLIESSLICH WIRD GENUG DRIN SEIN DAS PFEIFT. UM ES AUF ALL DIESE VERSCHIEDENEN MERKMALE ANZUWENDEN, REDUZIERT ER ES NOTWENDIG AUF ZAHLEN. ER HAT AUCH EINEN MATHEMATISCHEN WEG ZUR HERSTELLUNG EINER ENTSPRECHUNG ZWISCHEN REIHEN GEFUNDEN.

John Cage, Silence

 

In Manhattan trifft 23 auf denselben Hund von damals.

Diesmal weicht der Köter aus.

23 sichtet auf dem Times Square eine crowd vor zwei nietenübersäten agitiernden Schwarzen. Ihre stärksten Bilder: Judäa and UFO. Der mit der Sonnenbrille zeigt sofort starr auf 23 und schreit ins Mikrofon:“You white people!“ Und dann: „You Goebbels!“ Tom Cora, der mit 23 auf der Ecke am Times Square steht, ist freundlich und meint, er verwechsele 23 wohl mit seinem Partner und schliesslich hiesse Cora auf italienisch doch das Gleiche wie Harth phonetisch im Englischen.

Lachend gehen sie nach diesem Break zusammen zurück zu ihrem Konzert mit George Lewis und Dr. Umezu im nahen Tinpan Alley.

 

WIR SIND DIE ÄLTESTEN (ES SCHAFFT DIE STILLE) DIE IHRE FLUG-BAHN HABEN IN WISSEN VON JETZTHEIT.

Cut.

Eine Woche Probe in London, mit der Gruppe OH MOSCOW von Lindsay Cooper. Zehn Tage später Premiere auf dem Jazzfestival in Zürich.

Cut.

Fritz K. Waechter lädt zu seinem Geburtstag in Frankfurt. „Nach Aschenfeld“ ist für eine Neuauflage in Berlin nun leider endgültig gestorben. Das Nachfolgeprojekt wird sodann Arrabals „Der Architekt und der Kaiser von Assyrien“ am Schillertheater. 23 und die Regisseurin Gabriele Jacobi finden schnell produktive Gemeinsamkeit in einem Gespräch über Atlantis und seine Musik… (Die Premiere dann im Februar 1988)

…und bald wieder 23er. Massenweise.

Advent.

 

DASS ZWEI ODER MEHR

DINGE GLEICHZEITIG GESCHEHN, IST

ES IST DURCHAUS MÖGLICH DASS ETWAS

IHRE BEZIEHUNG: SYNCHRONIZITÄT. DAS

BRICHT ZUM BEISPIEL

BEDEUTET IM ZENTRUM EIN BEWEGEN NACH AUSSEN IN ALLEN

 

RICHTUNGEN, UND DAMIT IST ZEIT KLAR

SOLL MAN ANHALTEN UND ES REPARIEREN?

EINLEUCHTEND. ES KÖNNTE AUCH SCHWERLICH ANDERS SEIN.

 

Zwei Tage später. Konzert des „Duo Goebbels/Harth“ in Tel Aviv. Die Zahl 23 in den hebräischen Buchstaben Beth und Gimel geschrieben und ins Deutsche zurückübersetzt bedeutet Rücken und Leben.

Der Rücken – Symbol des Unbewussten.

Die Zahl 23 als Symbol des unbewussten Lebens.

ICH LIBE LEBEN, ICH VERGÖTTERE CHCHAOS. (Jossif Brodskij)

Gespräch mit Heiner Goebbels auf dem anschliessenden Flug nach Athen über Samuel Weber: Dass nichts so ist, wie es scheint. Zwei Stunden in einem Behälter.

ES GIBT AUTHENTISCH GEISTLICHE PROBLEME.

UND MYSTIK IST EIN ZEICHEN UNSERER SCHWÄCHE,

MIT IHNEN KLAR ZU WERDEN. ANDERS KÄME

ICH NIX DAZU, MIR DIESES ZU ERKLÄREN. (Jossif Brodskij)

 

Am 23. November Ankunft in Athen. Geburtsstadt des Rätsels der Dreiundzwanzig. Mittagessen in einem Restaurant. Es trägt einen Namen, der wie Apo-theose klingt.

23 sitzt an Tisch Nummer 23. An der gleichen Säule, wo er schon vor zwei Jahren sass und seine erste 23 “sah”.

Die Rechnung ist auf 13 Uhr, 23 Minuten ausgestellt.

Athen ist voll opulenter Symbole. Omega. UFO. Tempel.

Überall Kanaldeckel mit den Buchstaben EYE. Die Biene.

23 kauft abends einen goldenen Delphin.

Das Duo-Konzert findet am 24. November statt.

JA, GLÄNZENDE AKUSTIK HIER!…

DAS STADION – EIN EINZIGES GROSSES OHR. (Jossif Brodskij)

Das Alter der zwei Musiker wird auf fünfundzwanzig geschätzt.

Ein stolzer Grieche verkündet: „Hoffentlich bleiben uns diese Kinder noch lange erhalten!“.

Tagsüber, auf dem Markt.

23 betrachtet denselben Papagei wie 1+9+8+5.

Aber er sagt kein Wort.

Keiner sagt ein Wort.

Auf der Suche nach Schrödingers Katze: Nach der Avogadro’schen Zahl sind in 12 Gramm Kohlenstoff 6 x 10 hoch 23 Atome enthalten.Das Alter der Welt seit dem Urknall beträgt 5 x 10 hoch 17 Sekunden.“

Es sind meine Tiere!

Ein Gedanke.

Es gibt immer Plus Eins.

Verrücktheit offenbart den Kitsch der Seele.

Ich liebe ihn.

 

23 korrespondiert mit der Managerin von Sun Ra:

exPANzion“ hat Aussicht auf drei Festivals. Im Herbst ’88.

Leverkusen, Zürich, Warschau.

Reif werden, rauskommen und denken.

Dann wird die Aubergine glücklich.

Gipfeltreffen. Abrüstungsvertrag.

Dezember ’87 ist jetzt.

Gestalt et Jive“ in Frankreich.

Ein Gedanke.

SKIZZOE WOYZECK ZICKWOLFIN TOT

STILL, ALLES STILL, ALS WÄR DIE WELT TOT.

MARIE, ES WAR WIEDER WAS.

WENN DIE NATUR AUS IST.

UNMÖGLICH! MENSCH! MENSCH! UNMÖGLICH!

DU HAST EIN`ROTEN MUND, MARIE.

IMMER ZU – IMMER ZU!

ZICKWOLFIN TOT?

WIE EIN BLUTIG EISEN.

NOCH NICHT, NOCH NICHT? IMMER NOCH.

TEUFEL, WAS WOLLT IHR?

KALT, NASS, STILL!

(Alban Berg, der Gründer der Musikzeitschrift 23)

 

Cut.

Ein TV-Film. „Die Toteninsel“ – Filmmusik aus den 23er LPs „Melchior“ und „Plan Eden“.

Comic der Furcht.

NUR WER GRÜNDLICH GESTORBEN IST, LEBT WIRKLICH.

Der Regisseur, ein Pfarrer.

Nemo est omeN.

Die Formel. Was will die Formel sagen?

Jedermannlieder. Nomen. Gedankenhotel…

 

Zwischen den Jahren ’87 & ’88 ERKUNDUNGEN FÜR DIE PRÄZISIERUNG DES GEFÜHLS (Rolf-Dieter Brinkmann).

Film in Worten.

WAS SUCHEN SIE DA? LICHT 6 UHR NACHMITTAGS 1 PAAR STEINE 1 WARNSCHILD: PRIVAT.

Geplanter Hörfilm mit Brinkmanntexten fürs Ensemble Modern und spätere Mitglieder von Vladimir Estragon unter der Leitung von 23. Das EM meldet sich allerdings nicht auf dies Angebot.

 

23 stellt aus:

“Zeichnungen 78/88” in der Galerie endart, Berlin Kreuzberg.

 

MATER NEGRA IN LUMEN EST.

Es hat der Archeus seiner Officien im Leib viele/

Three Quarks For Muster Mark/

Gold & Salz/

Licht des Magens/

Merkur & Fünf/

nap, dog eno/

Bewusstseinsexpander/

teleskopisch gefilmt von Illusionen/

täglich Brot jenseits von/

Splitteratem aus/

Fokusatem ein –

 

23 can be a gestalt in time.

  

© Alfred 23 Harth, 1988.

_____________________________________________________________________

 

Zur Phase dieses Diarytextes ist der Katalog „Die Zersplitterung – Konzertstationen 1987/8“ herausgekommen mit Dreiklängen aus Visuellem/Texten/Musikstationen von A23H, dem Text „Die immer rinnende Endzeit im Ohr“ von Juergen Abi Schmitt-Rosenthal, dem Text „Die Schrift der Zeichnung“ von Dr. Hubertus Gassner sowie einer Flexidisk, erschienen beim Wolkeverlag Hofheim, 1989.

____ 

Über die Phase 1983/4 veröffentlichte A23H den Diarytext „Pharao auf vier Beinen“, mit Abbildungen, in „Klangbilder 1“, Herausgeber Juergen Abi Schmitt, JAS Publikationen, 1987

_____

Photo oben: video still from Balance Action, 1992

(Alle Rechte vorbehalten von red :))) art)

Balance Action ist der Name eines berühmten Saxofons. Im Februar 1992 war Alfred 23 Harth auf Einladung von Moscow TV für ein Portrait in Moskau und St.Petersburg. Etwa nur sieben Wochen zuvor wurde die Sowjetunion aufgelöst und die gesamte Lage war chaotisch. Die Betacam-Cassetten des eigentlichen Portraitfilms wurden nach zwei Wochen Dreharbeiten gestohlen und Regisseur Sergey Karsaev sprang kurz vor der Rückkehr Harths nach Frankfurt ein, um wenigstens noch ein paar gemeinsame Ideen mit ihm in Moskau zu skizzieren. Diese sind auf der Folie historischer Einblendungen zusammen mit A23H-Musik der 80er Jahre von Karsaev unter Verwendung seiner frühen Animationstechnik in “Balance Action” collagiert worden. Ein Relikt aus einer chaotischen Umbruchsphase, die nach neuem Gleichgewicht tastete, während der Kapitalismus hinter den alten Eisernen Vorhang einbricht und auch vage Prophezeihungen von Terror in den Städten sich abzeichnen.

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.