Werner Röhr: Re-Valuation

Der Titel eines Buches von Werner Röhr macht schlechte Laune: „Abwicklung“. Man ist auf eine erneute Darstellung des schäbigen Verfahrens gefasst, in dem westdeutsche Kommissionen über die wissenschaftlichen Einrichtungen der DDR herfielen und diese nach den Vorgaben politischer Instanzen und gemäß den Eigeninteressen sowie ideologischen Vorlieben von BRD-Professoren zugrunde richteten. Wer im Trockenen sitzt, mag den Stoiker mimen und folgendes vortragen: Die Bundesrepublik und die Deutsche Demokratische Republik führten einen Systemkampf, Kapitalismus contra Sozialismus. Dass der Gewinner die Gegenseite abräumt, sollte Marxisten nicht erstaunen. Theorie und Praxis des Sozialismus wurden von der Kapitalistenklasse und deren Kopflangern so bekämpft, wie es das Kräfteverhältnis jeweils zuließ. Es sind schließlich dieselben Instanzen und Figuren, die in der Bundesrepublik Berufsverbote verhängten. Einige ehemalige DDR-Professoren wundern sich, dass sie von denselben West-Akademikern, die sie in der Honecker-Zeit auf Kongressen hofierten, danach wie ein Nichts behandelt wurden. Erklärung: siehe eben. Wer als teilnehmender Beobachter die westdeutschen geistes- und sozialwissenschaftlichen Universitätseinrichtungen von innen besichtigt hat, weiß: niemals darf man es so weit kommen lassen, dass man dieser Bagage wehrlos ausgeliefert ist. Die marxistischen Wissenschaftler der DDR hatten allerdings keine Wahl.

So viel zum Allgemeinen. Wer denkt, das wisse er schon, und deshalb das Buch nicht liest, macht einen Fehler. Es steht nämlich viel mehr drin als draufsteht.

Das erste Kapitel – immerhin 218 Seiten – gibt einen Überblick über die historischen Institute in der DDR und ihre Arbeitsfelder. Stärken und Schwächen werden benannt. Die Deutsche Demokratische Republik erbrachte Spitzenleistungen in der Erforschung des Faschismus und der beiden Weltkriege, sie hatte das einzige deutsche Institut für Wirtschaftsgeschichte, und den Untersuchungen zum Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus, regional- und sozialgeschichtlich ausdifferenziert, lässt sich in der BRD nichts Vergleichbares an die Seite stellen. Dasselbe gilt für die Revolutions- und die Lateinamerikageschichte in Leipzig. Den Darstellungen der Geschichte der Arbeiterbewegung werden oft Lücken und unhaltbare Werturteile nachgesagt und -gewiesen. Das sind aber Mängel innerhalb der riesigen Leistung, dieses Gebiet überhaupt erst in großer Breite erschlossen und hier Quellenmassen zugänglich zu machen. So weit in der BRD mit großer Verzögerung dann auch etwas vorgelegt wurde, entstand es nur als Reaktion auf diese Pioniertaten, und als diese entfielen, war das Thema im Westen so out wie vorher lange Zeit. Was nun einige traditionelle Standardbereiche angeht – Alte Geschichte, Klassische Archäologie, noch aus der wilhelminischen Zeit übernommene Editionen –, hat dieses kleine Land sich gemüht, Angefangenes fortzusetzen und Standards zu halten, musste aber oft Prioritäten setzen, die es nicht erlaubten, überall vorn mitzuspielen. In anderen Staaten, auch in der Bundesrepublik, ist das auch so.

Etwas gruselig liest sich ein Abschnitt über „Leitungsorgane und Kommunikation“. Der „Rat für Geschichtswissenschaft der DDR“ muss ein arg bürokratisches Organ gewesen sein.

Im zweiten Kapitel behandelt Werner Röhr den politischen Anspruch der SED an die Historiker und kommt implizit zum gleichen Ergebnis wie einst Max Weber: Was Theologen und Medizinern recht ist, muss man Marxisten als ebenso billig einräumen. Werturteil – dass Gott sich in der Bibel offenbarte, dass Schmerz und verfrühter Tod bekämpft werden müssen und die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abzuschaffen sei – darf Axiom einer Wissenschaft sein, die im Übrigen aseptisch wertfrei zu verfahren hat. Wo allerdings ersteres – das Werturteil – letztere – Forschung und Lehre – instrumentalisiert, wird gegen dieses Prinzip verstoßen. Das gab es auch in der DDR, wenngleich nicht durchgehend.

Mit dem dritten Kapitel nähern wir uns dem Abgrund von 1989 ff. Wie verhielten sich Historiker in ihrer Krise? Es gab den Versuch „selbstbewusster Erneuerung“ und deren Blockade durch Besatzungsmacht und Umsattler. Der westdeutsche „Verband der Historiker Deutschlands“ mit seinem Innungsobermeister Wolfgang J. Mommsen veranstaltete 1990 in Bochum ein Tribunal gegen die jetzt wohl nur noch ehemaligen Kollegen aus der DDR. (Kapitel 4).

Und dann – wir befinden uns mittlerweile schon deutlich in der zweiten Hälfte des Buchs – die Abwicklung. Der Bericht ist detailliert, und diejenigen Westdeutschen, deren Masken dabei fielen, brauchen danach nicht mehr vergessen zu werden. Oft fanden sie, die wissenschaftlichen Institutionen der DDR seien überbesetzt. So kann man es dann sehen, wenn man den vorangegangenen Abbau von Kapazitäten in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Bundesrepublik akzeptiert. Die arme DDR hat an der Wissenschaft weniger gegeizt als der Westen. Keiner der Abwickler kam auf die Idee, dass die reiche BRD sich das zum Vorbild hätte nehmen können. Stattdessen waren sie darauf erpicht, den Überschuss an Privatdozenten, den sie in fetteren Jahren hervorgebracht hatten, in den von ihnen heruntergebrachten Hochschulen Ostdeutschlands unterzubringen.

Überzeugend ist die Bilanz des Nachworts: mit dem Kahlschlag in der DDR hat sich die westdeutsche Geschichtswissenschaft totgesiegt. Der Aufklärungsanspruch, von dem ihre sozialgeschichtliche Richtung seit den sechziger Jahren lebte, wurde von deren eigenen Vertretern (einige von ihnen waren die schlimmsten Inquisitoren) aufgegeben zugunsten einer Herrschafts-“Wissenschaft“. Das hatten sie der DDR vorgeworfen.

Freuen wir uns schon jetzt auf den zweiten Band, in dem Werner Röhr ausgewählte Forschungsergebnisse der ostdeutschen Geschichtswissenschaft vorstellen und kritisch erörtern – also re-evaluieren – wird.

Georg Fülberth

erschienen in Junge Welt, 21.11.211

Bild:  Statue von Karl Marx und Friedrich Engels vor dem Palast der Republik in Berlin (fotografiert 2005 von Johann H. Addicks) GFDL © Johann H. Addicks / addicks@gmx.net

 

Werner Röhr: Abwicklung. Das Ende der Geschichtswissenschaft der DDR.
Band 1. Analyse einer Zerstörung.
Edition Organon, Berlin 2011, 519 Seiten, 30,90 Euro

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