Uli Schöler: Wolfgang Abendroth und der „reale Sozialismus“. Ein Balanceakt.

Die Wandlungen Wolfgang Abendroths

In seiner 2008 erschienenen Schrift „Die DDR und Wolfgang Abendroth. Wolfgang Abendroth und die DDR“ trat Uli Schöler der von Anne Nagel verbreiteten Lüge, Wolfgang Abendroth habe mit dem Ministerium für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik kooperiert, entgegen. Er untersuchte dessen Verhältnis zu diesem Staat und seine eigene Wahrnehmung und Behandlung durch diesen. Nunmehr unternimmt er den Versuch, darüber hinaus die grundsätzliche Haltung Abendroths zum Staatssozialismus zu analysieren. Im Mai 2013 stellte er in der Buchhandlung Vorwärts im Berliner Willy-Brandt-Haus sein Buch im Gespräch mit Helga Grebing und Wolfgang Thierse vor.

Uli Schöler arbeitet in der neuen Publikation die Gesamtheit der Schriften Wolfgang Abendroths, soweit sie mit dem Staatssozialismus befasst sind, durch und kommt zum Ergebnis einer ihn irritierenden Inkonsistenz.

Der junge Abendroth sei ein linkskommunistischer Kritiker der sowjetischen Politik gewesen (auch wenn sich dies organisatorisch ab 1928 in seiner Mitgliedschaft in einer von der KPD-Führung als „rechts“ bezeichneten Gruppierung – der Kommunistischen Partei Deutschlands Opposition, KPO – niederschlug). Unter dem Eindruck des Stalinschen Terrors trennte er sich organisatorisch von der kommunistischen Bewegung und wurde Mitglied der SPD. Zutreffend stellt Uli Schöler fest, Abendroth habe sich in den fünfziger Jahren in seiner Auseinandersetzung mit der UdSSR und der DDR eines Vokabulars bedient, das „er selbst in späteren Jahren als durch den Kalten Krieg geprägt scharf kritisiert hätte, etwa wenn er von der ‚sowjetzonalen sogenannten DDR’ spricht“. (27) Nach 1956 konstatiert der Autor eine „Tendenz, stattgefundenen Prozessen und Ereignissen das Etikett des ‚Unvermeidlichen’ aufzudrücken.“ (31) Allerdings sei zunächst der Argumentation „noch eine gewisse Offenheit inhärent, etwa in der Formulierung des Begreiflichen, das nicht zugleich entschuldigt. Ihr fehlt noch weitgehend der – wie wir noch sehen werden – spätere Duktus des Unvermeidlichen.“ (41; kursiv: Schöler) 1962 sei eine Neubewertung des Hitler-Stalin-Pakts, den Abendroth vorher abgelehnt habe, erfolgt. Einen Schnittpunkt der beiden Entwicklungen: Kritik und Hinnahme, sieht der Autor in dem 1965 erschienenen Buch „Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewegung“, ab 1968 behauptet er einen Absturz in eine Position, in der Abendroth die DDR und UdSSR vor allem verteidigt, ihre Deformationen zwar nicht geleugnet, aber als Resultat ihnen von außen aufgezwungener Verhältnisse bezeichnet habe. Schöler ist der Auffassung, „dass sich in dieser kurzen Zeit keinesfalls realpolitische Entwicklungen vollzogen haben, die ein solches verändertes Urteil gerechtfertigt hätten. Dass in diesen Texten also der Wissenschaftler Abendroth spricht, lässt sich wohl ohne Weiteres verneinen.“ Jetzt spreche „ohne Zweifel der politische Akteur“. (128) Ab Mitte der siebziger Jahre dagegen ließen sich in der Haltung zum „realen Sozialismus“ „neuerliche Veränderungen daran feststellen, deren Akzentuierungen nochmals in eine andere, kritischere Richtung weisen.“ (156) Abendroth habe sich von einer „halbapologetischen Haltung“ wieder gelöst. (158)

Schölers Tatbestands-Erhebungen sind – jenseits seiner Wertungen – zutreffend, mit einer Ausnahme, auf die später noch eingegangen werden soll. Er lässt keinen Kern von Abendroths Haltung erkennen, zu dem die von ihm nachgezeichneten Positionsveränderungen in ein Verhältnis gesetzt werden könnten. Anders urteilte Abendroths Schüler und zeitweiliger Weggefährte in der SPD, Hanno Drechsler (1931 – 2003), der sich ab 1970 von ihm politisch (wenngleich wohl nicht menschlich) entfernt hatte. Bei einer Gedenkveranstaltung des Instituts für Politikwissenschaft in Marburg  aus Anlass des 90. Geburtstages seines Lehrers im Mai 1996 war er gefragt worden, wie dieser zu charakterisieren sei. Seine Antwort lautete: „Das lässt sich in einem Satz sagen: Wolfgang Abendroth war ein revolutionärer Kommunist.“ Sein gesamtes Leben sei in jeweils veränderten Situationen dadurch bestimmt gewesen.

Bis in die zweite Hälfte der sechziger Jahre hinein bewegten sich Abendroths politische Vorstellungen im Aktionsraum einer gesamtdeutschen, wenngleich in Parteien, Fraktionen und ab 1949 auch durch eine Staatsgrenze gespaltenen Arbeiterbewegung. Eine der Handlungsformen in ihr war für ihn seit der Weimarer Republik der Fraktionskampf. In der KPD und KPO kämpfte Abendroth gegen die Fraktion Stalin/Thälmann, nach 1945 von der SPD aus gegen die Fraktion Ulbricht. (Noch in seinem Abschiedsschreiben an die thüringische Ministerin für Volksbildung anlässlich seines Wechsels nach Wilhelmshaven 1948 bekennt er sich zur Oktoberrevolution.)

Die Einheit Deutschlands gehörte in dieser Zeit – dies mag Jüngere überraschen – zu Abendroths sozialistischem Konzept. Deren Wiederherstellung durch die deutsche Arbeiterklasse sei ein Weg zur Niederlage Adenauers und der Fraktion Ulbricht. Hier befand er sich in Übereinstimmung mit Kurt Schumacher und Herbert Wehner. Aufschlüsse gibt u. a. das Protokollbuch des Kreisverbandes Marburg der SPD 1946 – 1960. In diesem wirkte Abendroth seit 1951, zeitweilig auch im Vorstand. Seine Diskussionsbeiträge sind u. a. wiedervereinigungspolitisch bestimmt. Ein spätes Dokument seiner Position in dieser Frage ist eine Rede, die er am 17. Juni 1966 auf Einladung der Marburger Studierendenschaft gehalten hat. Hier stellt er den Arbeiteraufstand in die Perspektive des Zwanzigsten Parteitags der KPdSU von 1956 und der Aussichten auf eine sozialistische Wiedervereinigung Deutschlands. Das Titelbild der Broschüre Uli Schölers ist insofern gut gewählt. Es zeigt Abendroth bei einer Kundgebung in Solingen 1954 vor einem Transparent mit dem Text: „Aufrüstung verhindert friedliche Wiedervereinigung“. Letztere war für ihn kein nationales, sondern ein sozialistisches Projekt.

Ab 1968 veränderten sich Abendroths Perspektiven über das von Uli Schöler Hervorgehobene hinaus.

Er war solidarisch mit der Studierendenbewegung, aber der Sieg des antiautoritären Flügels, den er für anarchistisch hielt, war wieder einmal eine Niederlage im Fraktionskampf, den er gegen von ihm als abenteuerlich abgelehnte Positionen im SDS lokal schon einmal, um 1960, als er die Gründung eines „USDS“ verurteilte, geführt hatte. Die von dieser Richtung propagierte Relativierung oder gar Ablehnung von Verfassungspositionen stand in Gegensatz zu seiner eigenen Grundgesetzinterpretation. Die Ostpolitik Brandts unterstützte er aus friedenspolitischen und sozialistisch-strategischen Gründen. Seit 1956/1957 hatte er darauf gesetzt, dass die Abnahme des äußeren Drucks des Kapitalismus auf den Sozialismus (auch durch ein etwaiges sich anbahnendes Waffengleichgewicht) und die interne Stärkung der sozialistischen Länder dazu beitragen könnten, ihre Deformationen abzulegen. Eine stabile außenpolitische Ordnung in Europa war eine günstige Voraussetzung hierfür. Mit der befestigten deutschen Zweistaatlichkeit entfiel allerdings der territoriale Rahmen, innerhalb dessen Abendroth seit seinem Eintritt in die Arbeiterbewegung seine Fraktionskämpfe geführt hatte. Die Fraktion Ulbricht hatte gesiegt und sich zugleich – in seinen Augen – in der Fernwirkung des Zwanzigsten Parteitags und unter dem Einfluss der Entspannung gewandelt. In seinem Kondolenzschreiben an Albert Norden anlässlich Ulbrichts Tod 1973 werden die alten Auseinandersetzungen noch einmal angedeutet und wird die damalige Kritik angesichts veränderter Umstände für obsolet erklärt.

Es ist aber insgesamt kein optimistisches Bild, das Abendroth ab 1968/1969 von der politischen Gesamtlage entwirft. Negativ beurteilte er – trotz der sozialliberalen Koalition – die innenpolitische Situation der Bundesrepublik. Seinen Kampf gegen die Notstandsverfassung hatte er mehr als die meisten anderen Kritiker mit Parallelen zum Weg der Weimarer Demokratie in den Faschismus begründet. Die Grundgesetzänderung war für ihn eine Katastrophe. Mit großer Verbitterung nahm er die Berufsverbote zur Kenntnis. Die von ihm tatkräftig unterstützte Hochschulreform war für ihn keine Offensive, sondern ein Abwehrerfolg in der Auseinandersetzung mit der Entdemokratisierung.

Mit dem Neueinsetzen des Kalten Krieges seit Carters Ankündigung der Neutronenbombe und dem Beschluss der NATO zur Stationierung neuer Mittelstreckenraketen 1979 entfiel für Wolfgang Abendroth eine zentrale Voraussetzung für eine innere Lockerung in den sozialistischen Ländern. Deren demokratiepolitische Defizite hat er auch in der Periode der von Schöler behaupteten Halb-Apologetik nach 1968 nie geleugnet, aber er hatte die Beseitigung der von ihm benannten Schäden für möglich gehalten. Diese Hoffnung gab er jetzt auf, nicht, wie Ulrich Schöler annimmt, durch eine Rückwendung zu früheren Positionen – niemals seit 1945 stand er der SPD ferner als in der Zeit der Berufsverbote –, sondern aufgrund der von ihm jetzt mehr als je pessimistisch eingeschätzten Kräfteverhältnisse im neu ausgebrochenen Kalten Krieg. Insofern behielt er das kritisierte „Unvermeidlichkeits“-Paradigma, das in Wirklichkeit ja nichts anderes war als nüchternes Kausalitätsdenken, bei.

Indem Uli Schöler Wolfgang Abendroth nicht als revolutionären Kommunisten wahrnimmt, sondern ihn auf seine Kompatibilität mit Hermann Heller eingrenzen will, trifft auf ihn ein Spott zu, den 1986 Willy Brandt für seinen Büroleiter Klaus-Henning Rosen und für Hans-Ulrich Klose nach einer Nicaragua-Reise, von der diese enttäuscht zurückgekommen waren, übrig hatte: da seien wohl zwei Staatsanwälte unterwegs gewesen. Weniger feuilletonistisch ausgedrückt: der Autor unterlag offenbar bis zur Veröffentlichung von Wolfgang Abendroths Kondolenzkarte zu Walter Ulbrichts Tod von 1973, die 2007 erfolgte, und der wohl dadurch veranlassten Re-Lektüre einem Missverständnis, das er jetzt beklagt.

Auf drei Flüchtigskeitsfehler in der im Ganzen soliden Arbeit sei hingewiesen.

Der Verfassungsrichter Martin Drath wird ständig falsch geschrieben: Draht (34 f.; 213). Abendroths Aufenthalt in der SBZ (1947/48) wird unrichtig – 1948/49 – datiert. (62) Der Putsch in Chile fand nicht 1972 statt, sondern 1973. (160)

Georg Fülberth

In: Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung. Nr. 95. September 2013. S. 191-194

Schoeler

Uli Schöler
Wolfgang Abendroth und der „reale Sozialismus“. Ein Balanceakt.
Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2012
216 S, 19,95 Euro.
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