Bundespräsidentschaftskandidat Gauck

Der Tiefflieger

Vor dreißig Jahren schrieb Hermann L. Gremliza: „Zieht ein Gewitter auf, fliegen die Pfaffen tief.“ Wer Christenmenschen unter seinen Freunden hat, zitiert das nicht gern. Aber die Wahrheit darf nicht vertuscht werden.

Just dies jedoch gehört zu den Aufgaben der Bundespräsidenten. Die beiden vorigen haben in dieser Sparte versagt. Köhler, aus der mittlerweile diskreditierten Finanzbranche kommend, plauderte zu allem Überfluß auch noch aus, daß die Bundeswehr für die Wahrung nationaler ökonomischer Interessen am Hindukusch stehe. Und Wulff konnte nicht verstecken, daß das Kapital die Politik regiert.

Die Funktion von Ideologie ist, daß sie die Wirklichkeit in umgekehrter Form exakt wiedergibt. Zur Zeit haben Ethik-Kommissionen Konjunktur, und in den Unternehmen gibt es sogenannte Com­pliance-Vorschriften, die lauten: Auch im Bordell müssen Sitte und Anstand gewahrt sein.

Gaucks Nominierung zum Bundespräsidenten paßt da gut. Und auch zu anderem: Seit einiger Zeit fällt auf, daß die BRD sich fast nur noch dadurch über sich selbst zu verständigen weiß, daß sie sich demonstrativ über ihre vergangene sozialistische Gegenwelt hermacht: z.B. mit dem Film »Das Leben der anderen«, mit Tellkamps »Turm« und mit Eugen Ruges geschäftstüchtiger Resteverwertung seiner eigenen kommunistischen Familie. Ein Zeichen von Freude an Gegenwart und Zukunft ist das nicht. Jetzt also Gauck, der von 1991 bis 2001 eine Abdeckerei leitete.

Aktuell dient er auch als Vorhang vor anderen Konstellationen, die noch nicht sichtbar werden können, vor allem deshalb, weil man tatsächlich nicht recht weiß, was kommt. Grüne und SPD freuen sich halbtot, weil ihr Exkandidat jetzt doch noch zum Zug kommt: Sie bilden sich ein, das sei ein Zeichen für die Neuauflage ihrer alten Schröder-Fischer-Connection mit anderem Personal. Also hier ebenfalls: Wiedergängerei. Die kann man auch anders haben, als Große Koalition. Was das angeht, ist Gauck ein mehrdeutiges Symbol, alles geht.

Kritiker werfen ihm vor, er vernachlässige das Soziale. Vielleicht irren sie. Es möchte nämlich sein, daß er bald etwas über Nächstenliebe und Ehrenamt zu sagen weiß, die besser seien als jede Sozialversicherung und diese deshalb letztlich überflüssig mache. Das wird er doch wohl noch hinkriegen, und deshalb mußte man nicht auf Margot Käßmann verfallen. Es gab sogar noch eine Variante rechts von Gauck: Katrin Göring-Eckardt. Deutschland am Rande der Theokratie.

Gaucks Befürworter sagen, Freiheit sei ihm das Höchste. Über die Märkte wird er dann aus Tarnungsgründen wohl nicht sehr viel predigen wollen, mehr aber – als autoritärer Charakter – von Verantwortung, die erst wirklich frei mache.

Die Führer der Linkspartei haben den Wulff einst ebenfalls zum Rücktritt aufgefordert und sich damit von vornherein mit der Lage, die nun entstanden ist, einverstanden erklärt. Jetzt sind sie beleidigt, weil sie nicht mitreden durften. Sie lernen nichts. Wahrscheinlich lassen sie auch die nächste Gelegenheit ungenutzt: als Gegenkandidatin eine alleinerziehende Hartz-IV-Gepeinigte aufzustellen.

Georg Fülberth, Junge Welt 21.02.2012

Bild: 2011 Joachim Gauck CC by J. Patrick Fischer

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere