Erich Honecker: Letzte Aufzeichnungen

„Der Rechtsstaat ist ein Staat der Rechten“

Während seiner Haft im Untersuchungsgefängnis Moabit (29. Juli 1992 – 13. Januar 1993) machte Erich Honecker tagebuchartige Aufzeichnungen für seine Ehefrau. Diese hat sie jetzt zur Veröffentlichung freigegeben. Der Text, so wird mitgeteilt, umfasse ca. 400 handschriftliche Seiten. Im nunmehr vorliegenden Taschenbuch sind es 190 gedruckte, einschließlich eines durchlaufenden Kommentars, der etwa ebenso lang ist wie Honeckers Aufzeichnungen. Die Verfasser dieser kenntnisreichen Annotationen werden ebenso wenig genannt wie der oder die Herausgeber. Kenntnisnahme des gedruckten Textes kann sich vorerst noch nicht auf Quellenkritik anhand der Handschrift stützen. Zweieinhalb Seiten sind faksimiliert wiedergegeben.

Bei der Ankunft in Berlin suchte Honecker offenbar zunächst Orientierung. „Berlin in Sicht. Die Stadt liegt in der Abendsonne. Ich sehe den Fernsehturm, um den Walter so gekämpft hat. Ich freue mich noch immer, dass ich ihn dabei unterstützte. Aber schließlich doch die Mehrheit.“ Laut Anmerkung kann sich dies auf Auseinandersetzungen um Standort, Finanzierung und Baugenehmigung beziehen.

Anfangs war Honecker mit einem Sinto in einer Zelle. „Wir verstehen uns gut. […] mein Sinto versorgt mich wie einen guten Freund“. Als sie sich trennen müssen, gefällt das beiden nicht. „Mein Sinto muss umziehen. Wir sind sprachlos. Ich bedauere die Trennung. Er war ein Mann mit vielen Erfahrungen und Kenntnissen.“

Am 30. Juli eine Begegnung: „Gestern hatte ich das Glück, nach so langer Zeit Erich Mielke zu sehen. Eine Krankenschwester begleitete ihn beim Rundgang auf dem Hof. Ich rief ihn von oben an. Keine Reaktion. Ich nochmals: ‚Erich!’ Diesmal mit ‚Rot Front’, dass es über den ganzen Hof schallte. Wieder nichts. Keine Kopfbewegung, kein suchender Blick. Offensichtlich wollte er nicht reagieren. Ich kann und will nicht glauben, dass er so fertig ist.“

5. August: „Am meisten aber freue ich mich über den Brief aus Israel, den mir Dr. Wolff übergab. Geschrieben hat ihn Sarah Fodorová, die ich 1935 laut Stern an die Gestapo verraten haben soll.“ Eine Anmerkung informiert: Honecker war 1990 beschuldigt worden, 1935 eine Genossin ans Messer geliefert zu haben. Die meldete sich nun: Das Gegenteil sei der Fall, aufgrund seiner Aussagen sei sie freigesprochen worden. Durch einen Redaktionsfehler ist der Brief gleich zweimal abgedruckt.

Eine Entdeckung: „Die Leute von der taz sind gut. Bringen jeden Tag eine Zeitung heraus, obwohl auch sie nicht in Ordnung ist.“ Offenbar bewundert er eine von ihm vermutete organisatorische Leistung, die dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands vor 1933 wohl schwer gefallen wäre.

Inhaltlich erfreut ihn ein Beitrag in einer anderen Zeitung mehr: „Ich habe noch einmal den Leitartikel im Neuen Deutschland vom 1./2. August gelesen ‚Der Hochverräter’. Herzerfrischend. Es wäre schön, wenn Du ihn auch einmal lesen könntest. Er wurde von Hermann L. Gremliza (51), Herausgeber der in Hamburg erscheinenden Monatszeitschrift konkret, geschrieben.“

Das war eine angenehme Überraschung. Dann die unangenehme: „Habe die Thesen gelesen zum Parteitag der DKP. Ja, ich begreife nun, was die DDR für die DKP war, ich denke schon gar nicht weiter. Aber warum jetzt diese Angriffe auf uns? Dass es in der Führung der SED Verräter, Schufte gegeben habe – das behaupten inzwischen alle. Nun also auch sie. Und Fehler hat nur die SED gemacht. Warum haben Mies und Weber die DDR nicht gegen Gorbatschow verteidigt? Sie hatten doch die beste[n] Beziehungen zu ihm und zu Jakowlew, dem Vorkämpfer der Perestroika…“

Honecker tritt in eine winzige ostdeutsche KPD ein. „Ich kann Dir, liebe Margot, gar nicht sagen, wie stolz ich bin auf die Mitgliedschaft in der Partei, aus der ich gekommen bin.“

Gorbatschow wird ihm zur Obsession. „Ich kann mich an den Perestroika-Kleinbürger noch gut erinnern, als er mir seine Strategie und Taktik erklärte und die Rolle, die seine Frau Raissa dabei spielen sollte.“ Wenn er an Jelzin denkt, kann Honecker in einem einzigen Punkt seiner Deportation nach Moabit etwas abgewinnen: „Ich muss den Säufer nicht mehr fürchten – im Unterschied zu den Russen.“

Er erinnert sich daran, dass er 1955/1956 einen Kurs in der Sowjetunion absolvierte. Damals fand der XX. Parteitag der KPdSU statt. „Die Auseinandersetzungen an der Parteihochschule in Moskau spitzten sich zu.“ Seine Position 1992: „Was für die Bourgeoisie Napoleon, das ist für die Arbeiterklasse Stalin.“

Von der kapitalistischen Realität nimmt er vor allem wahr, was sich durch seine Erfahrungen vom Ende der Weimarer Republik schnell erschließt: die Pogrome in Rostock-Lichtenhagen, Entlassungen im Osten und auch im Westen zu Beginn des Abschwungs nach dem Wiedervereinigungs-Boom, Turbulenz an den Finanzmärkten. „Alles ist durcheinander.“

Dass seine Anwälte Nicolas Becker, Friedrich Wolff und Wolfgang Ziegler Beendigung des Verfahrens aus Gesundheitsgründen (Honecker ist unheilbar krebskrank) beantragen und nicht wegen Rechtswidrigkeit von Anfang an, missfällt ihm. „Außerdem lesen sie wenig von dem, was ich für sie schon geschrieben habe. Ich habe gesagt, dass man die Verbindung zwischen meiner Person und der DDR sehen müsse. Man zielt auf mich, meint aber die DDR. Ich nehme das politisch, die Anwälte verteidigen mich als Person.“ Bei Becker und Ziegler, denen er juristisch vertraut, spürt er Reserve gegen seine Plädoyers für die DDR.

Nachdem er eine Schreibmaschine erhalten hat, verfasst er seine Prozess-Erklärung. Am 3. Dezember trägt er sie vor. Im Buch ist sie in voller Länge abgedruckt, also bringt es an dieser Stelle keinen Tagebuch-Beitrag. Der Text ist gut aufgebaut, klar in der Argumentation und hat, denkt man an die Neuigkeiten vom Verfassungsschutz 2011/2012, sogar eine prognostische Qualität: „Der Rechtsstaat BRD ist kein Staat des Rechts, sondern ein Staat der Rechten.“

Mit seiner persönlichen Erklärung ist für Erich Honecker die Sache erledigt. Es ist nichts mehr zu tun. Der Rest bis zu seiner Haftentlassung nervt ihn lediglich noch. „Nur eins ist sicher, wir müssen versuchen, dass der Prozess nicht weiter zu einem medizinischen Seminar verkommt.“

Georg Fülberth, KONKRET 4/2012

 

 

Erich Honecker, Letzte Aufzeichnungen. Mit einem Vorwort von Margot Honecker

2. Aufl. edition ost im Verlag Das Neue Berlin.

Berlin 2012. 190 Seiten. 14,95 EUR

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