Barbara Kirchner und Dietmar Dath: Der Implex

Ein großer Text

Die Form

Der Untertitel des Buches „Der Implex“ von Barbara Kirchner und Dietmar Dath heißt „Sozialer Fortschritt. Begriff und Geschichte“, handelt also von Gesellschaftlichem. Bevor Soziologen, Politologen, Philosophen, Ökonomen und Historiker sich damit befassen, sollten sie eine Warnung zur Kenntnis nehmen, die gleich im ersten Satz steht. Sie lautet: „Dieses Buch ist keine wissenschaftliche Monographie, kein Manifest, keine philosophische Abhandlung.“

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Das überrascht. Tatsächlich wird 835 Seiten lang über Gesellschaft, Politik, Kunst, Philosophie räsoniert. Das Buch hat Anmerkungen, Literaturverzeichnis und Register wie ein wissenschaftliches Werk. Dennoch werden Spezialistinnen und Spezialisten verschiedener Disziplinen sich aufregen. Sie müssen den durchaus zutreffenden Eindruck gewinnen, als seien die Erträge ihrer Fächer nur Material zu einem Zweck, der außerhalb liegt. Ergebnisse werden abgegriffen, oft nur im Namedropping erwähnt, Lob und Tadel werden verteilt, aber zuweilen im Detail nicht begründet. Hinterher erscheinen die Fächer geplündert, und die Lieferanten fragen sich, was schließlich daraus neu erstellt werden soll.

Kirchner und Dath antworten: „Man könnte sagen, dass das Buch eine Art Roman in Begriffen ist: Es begleitet die Schicksale von Versuchen, die Welt besser einzurichten, als die neuzeitlichen Menschen sie vorfanden, als sie anfingen, neuzeitliche Menschen zu sein.“

Der wissenschaftliche Aufwand scheint ein literarisches Ziel zu haben: er trägt Material zu einem Roman über ein gesellschaftlich relevantes Thema herbei. Kirchner und Dath versuchen sich – einzeln und zu zweit – seit über einem Jahrzehnt im erzählenden Genre. Barbara Kirchner schrieb den Roman „Die verbesserte Frau“ (2001), gemeinsam mit Dietmar Dath verfasste sie „Schwester Mitternacht“ (2002). Es handelt sich um Thriller mit Science Fiction, auch mit gezielt eingesetzter Pornographie.

Es sind zugleich politische Texte. Thema ist die Einfunktionierung von Wissenschaft in Macht und Herrschaft. Ein programmatisches Gerüst wurde 2008 in der Programmschrift „Maschinenwinter“ von Dietmar Dath sichtbar. Orientiert an Marx und Saint-Simon hält er sich nicht damit auf, Wissenschaft und Technik als instrumentelle Vernunft zu verbellen, sondern sieht sie als durch eine verkehrte Gesellschaft gefesselte Emanzipations-Potentiale. Der letzte Satz lautet: „Die Menschen müssen ihre Maschinen befreien, damit die sich revanchieren können.“

Das Manifest „Maschinenwinter“ hätte politisch diskutiert werden müssen. Dies geschah nicht. Zu den Gründen mag gehören, dass ein gleichzeitiger literarischer Erfolg der Debatte über die Broschüre im Weg lag: Dietmar Daths Roman „Die Abschaffung der Arten“, ebenfalls 2008, kam auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises, landete nur ganz knapp hinter Tellkamps „Der Turm“, wurde in den Feuilletons, wie bei ihm üblich, kontrovers, aber breit besprochen, ist inzwischen auch ins Englische übersetzt und festigte seinen Ruf als Dichter. Die linken Milieus, von denen man eine Debatte über „Maschinenwinter“ hätte erhoffen können, blieben stumm. Dabei ist „Die Abschaffung der Arten“ die fiktionale Fortsetzung dieser Streitschrift: der Roman zeigt, was passiert, wenn die Maschinen nicht befreit werden. Er ist die Dystopie einer transhumanen Gesellschaft.

Indem Kirchner/Dath ihr Buch als eine Art Roman vorstellen, haben sie sich für das formloseste literarische Genre entschieden und sich so eine sehr weitgehende Lizenz verschafft. Reicht sie aus? Zu einem Roman gehören entweder – konventionell – mindestens ein Plot und ausgearbeitete Charaktere oder die vielfältigen neuen Formen, die das zwanzigste Jahrhundert hervorgebracht hat. Die opulente Großerzählung des 19. Jahrhunderts ist nicht tot, sie wird immer wieder neu geschrieben. Zugleich wurde sie aufgesprengt: irgendwo finden sich in dieser Geschichte ihrer Hybridformen James Joyce, Arno Schmidt und der Nouveau Roman. Dietmar Daths 1000-Seiten-Roman „Für immer in Honig“ (2005, 2. Auflage 2008), der eine andere Veränderung der alten Gattung veranstaltete, ist inzwischen Kult in der Szene um den Berliner Verbrecher Verlag und den von Barbara Kirchner gegründeten Freiburger Implex-Verlag. Aber jetzt findet ein weiterer Wechsel innerhalb des Genres statt: statt Personen werden Begriffe bewegt, anstelle einer Handlung haben wir Argumentationsabläufe, deren Verzweigungen, Widerreden und Überwindung. Wer sich darauf einlässt, erlebt einen Abenteuerroman im Kopf. Man hört eine Art Rap-Rhythmus und versucht sich das, was da passiert, etwas hilflos zu dolmetschen: es sei wohl ein Poproman in Begriffen.

Aber das ist dann wohl schon Rabulistik, die darüber hinwegtäuscht, dass es eben doch kein Roman ist. Also sollte eine andere, zutreffendere Bezeichnung gefunden werden. Kirchner/Dath sind sich offenbar ebenfalls nicht ganz sicher. Nicht schlankwegs ein Roman in Begriffen liege hier vor, sondern „eine Art Roman in Begriffen“.

Ist es ein Essay? Ja und nein. Dafür spricht, dass es sich unverkennbar um Reflexionsprosa handelt. Dietmar Dath hat sich in seinen journalistischen Arbeiten als ein Meister dieses Fachs erwiesen. Wer genau hinsieht, entdeckt auch im „Implex“ die kleine Form. Einerseits ist das Buch eine Abbreviatur von Überlegungen, die über seinen Rahmen weit hinausgehen und noch zur Auflösung entweder durch das Autoren-Duo oder durch andere anstehen. Andererseits setzt es sich selbst wieder aus Abbreviaturen, die wie Aphorismen wirken, zusammen. Diese können ihrerseits recht lang sein. Sie konzentrieren, was andernorts schon gedacht wurde, von Kirchner/Dath neu erwogen wurde und nun einem vorläufig abschließenden Urteil zugeführt werden soll. Nehmen wir als Beispiel die Seiten 641/642. Hier wird eingangs die Ansicht kritisiert, das Internet öffne eo ipso das Reich der Freiheit; sie wird dann mit Illusionen über den Aufstieg Chinas in Analogie gesetzt, wobei auf eineinhalb Seiten Argumente gereiht werden, die diese Phantasien widerlegen sollen, um in die Bemerkung zu münden: „ – das Internet, wollen wir sagen, ist eine Art China“. Alles das geschieht in einem einzigen Satz von 37 Zeilen, der dann aber noch gar nicht endet, sondern nach einem Doppelpunkt noch weitere zwölf Zeilen aufbringt. In „Z.“ Nr. 89, S. 138, haben wir eine Sequenz aus „Der Implex“, S. 630/631, zitiert, in der – dort wiederum auf 37 Zeilen – ein Abriss neurotischer Aspekte Marxschen und marxistischen Herangehens an den Kapitalismus gegeben wird. Das sind Groß-Aphorismen und Klein-Essays, in denen da und dort mehr gesagt werden mag, als die Autorin und der Autor (als jeweils im Speziellen Fachfremde) wissen, in denen sie aber Teile ihres Publikums animieren, eigene, vielleicht sogar genauere Vorkenntnisse zu mobilisieren, so dass die entsprechende Passage zur Projektionsfläche wird. Wer den Band einmal als Ganzen gelesen und sich das Interesse an seinem Thema erhalten hat, wird die zweite Lektüre kleinteilig vornehmen: die Portionen sollten sich dann auf jeweils einen der 132 Unterabschnitte beschränken, vorzunehmen nicht notwendig in der Reihenfolge des Buchbinders.

Aber ein Band von – mit Register und Literaturverzeichnis – 880 Seiten ist dann doch mehr als ein Essay. Es gehört zu einer neuen Gattung, die im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts entstand: eher formlose Erörterungstexte in Buchformat an der Grenze von Politik und Literatur. Im deutschsprachigen Bereich mag das mit „Öffentlichkeit und Erfahrung“ sowie „Geschichte und Eigensinn“ von Alexander Kluge und Oskar Negt angefangen haben. Sie haben ein breites, damals vor allem jüngeres Publikum auf sich gezogen, während Historiker der Arbeiterbewegung vor Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammenschlugen. Globale Aufmerksamkeit erregte „Empire“ von Michael Hardt und Antonio Negri. Es fällt auf, dass solche gesellschaftstheoretischen Welterklärungen von Autoren-Paaren geschrieben werden: vielleicht ein Eingeständnis, dass ein(e) Einzelne(r) sich damit übernehmen müsste und eine Verdoppelung letztlich ebenfalls nicht ausreicht.

Bei „Der Implex“ kommt ein autobiografischer Gesichtspunkt hinzu. Barbara Kirchner, mittlerweile Professorin für Theoretische Chemie in Leipzig, und Dietmar Dath, im Brotberuf Redakteur bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, arbeiten und denken bereits seit Schulzeiten zusammen und legen hier das Ergebnis jahre-, wenn nicht jahrzehntelanger Bemühungen vor. Insofern hat das Buch auch Spuren eines sehr alten, aber kaum noch gebrauchten literarischen Genres, der „confessiones“ (lat.) oder „confessions“ (frz.). Autobiografische Entwicklungsromane haben einen Helden: den Autor, und eine Handlung: sein Leben. Kirchner/Dath verstecken sich nicht hinter ihrem Gegenstand, aber die Heldenrolle besetzen sie anders, es besteht ein Unterschied zwischen der erzählenden und der erzählten Person. Sie bringen sich eher wie ein Recherche-Team ins Bild. Beobachtungsgegenstand – gleichsam der Held – ist der soziale Fortschritt. Die Landschaft, in der er sich bewegt, ist die moderne Welt und das, was seit der Aufklärung (deren Anfänge mit ihren eigenen zusammenfallen) in ihr steckt: der Implex.

Die Argumentation

Dieser Begriff nun ist ein genialischer, wenn nicht sogar schon genialer Griff. Wer das Buch durchgearbeitet hat, dann zu seiner Überschrift zurückkehrt und schließlich aus dem Fenster blickt, sucht das überall: „jene wahrnehmbaren Spuren des Nichtmehrseienden und Voraussetzungen des Nochnichtseienden, die wir Implex nennen.“ (S. 754 f.) In „Der Implex“ ist nicht „Das Prinzip Hoffnung“ linear fortgeschrieben, sondern dessen Impuls ist gebrochen durch die „Dialektik der Aufklärung“ und dann wieder aufgeladen durch die Perspektiven weiteren technischen Fortschritts und popkulturelle Erfahrungen, die Adorno und Horkheimer perhorresziert hätten und denen auch Bloch – Kirchner/Dath kritisieren seine Ablehnung des Jazz – nicht immer gerecht wurde.

Ein häufig gebrauchtes Gegensatzpaar ist – von Aristoteles entlehnt – Hexis und Praxis. Erstere meint den zur Gewohnheit gewordenen und als Habitus verinnerlichten Zwang der Verhältnisse, letzterer folgt bei Kirchner/Dath der Norm des sozialen Fortschritts. Dass dieser möglich und anzustreben sei, lesen sie einerseits aus Kämpfen und Ansätzen der Vergangenheit, andererseits ist es eine Forderung, nicht ontologisch oder als Zwangsläufigkeit in der Realität angelegt, sondern deontisch aus ihr herauszubringen.

Zentral steht die Figur der Maschinen. Diese sind nicht nur Gegenstände z.B. aus Glas, Kunststoff und Stahl, sondern alle von Menschen zur Bewältigung ihres Lebens und prinzipiell nie allein, sondern gesellschaftlich hergestellte Arrangements, also auch Theorien. Natur bleibt außerhalb und ist anders als in rhetorischen Figuren der frühen Aufklärung– „deus sive natura“ – keine Referenzgröße. Alles, was gesellschaftlich relevant ist, ist künstlich: Maschine – Ergebnis von Praxis, zu der es jeweils Alternativen gab und die erst dann, wenn eine Entscheidung gefallen ist, zu – vorläufiger – Hexis wird. Natur ist kein Sein, aus dem ein Sollen gefolgert werden kann, es gibt nur von Menschen Gemachtes – unbewusst, hinter ihrem Rücken: Hexis, aus der – bewusst – in Praxis etwas Anderes hergestellt werden kann.

Das Gedankenexperiment des Buches besteht in der Evaluation von Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Aufklärung in der praktischen Absicht des sozialen Fortschritts. Dessen Ziel wird so benannt: „Auskommen, Freiheit, Mitsprache.“ (430, 431, 435) Das klingt bescheiden – ein gutes Programm, dem niemand widersprechen wird, aber irgendwie weniger als „eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“ oder auch nur als „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“.

Der Unterschied der Tonlage hat offenbar zwei Gründe:

Erstens: Barbara Kirchner und Dietmar Dath haben eine Gemeinsamkeit zwischen ihren Unterschieden gesucht. Sie beschreiben sich selbst so: „Einer der beiden Köpfe, die sich das Buch zusammen ausgedacht haben, wäre nicht beleidigt, wenn man ihn einen sozialdemokratischen Kopf nennen würde. Der andere bevorzugt jüngere und verrufenere Namen. Da diese beiden nun aber herausfinden durften, dass sie einander näher sind, als sie dachten, und sich beispielsweise herausstellte, dass das, was der sozialdemokratische der beiden Köpfe unter Sozialdemokratie versteht, jedenfalls wenig mit dem zu tun hat, was die SPD tut und will, ist das Bündnis während der Arbeit nicht zerbrochen, sondern gefestigt worden.“ (15 f.)

Zweitens: Barbara Kirchner und Dietmar Dath, beide Jahrgang 1970, verstehen sich als ideologische Trümmerfrauen. Sie fangen noch einmal da an, wo andere – die 1789er, die 1917er und die Achtundsechziger – gescheitert sind.
Ohne Wimperzucken quittieren sie den Einbruch der beiden großen Erzählungen des 19. und 20. Jahrhunderts – Liberalismus und Sozialismus in ihrer damaligen Gestalt – und widmen sich stattdessen dem Kern, der bleiben müsse: Möglichkeiten, die entgegen landläufiger Resignation nicht geringer werden, sondern vielfältiger. Diese offenen Enden nennen sie mit einem Begriff u. a. aus der Mathematik: Freiheitsgrade. Diese sind nicht zu verwechseln mit Freiheit, sondern bezeichnen lediglich durch Vernunft und bewusstes Handeln beeinflussbare Wahrscheinlichkeiten. Hardt/Negris scheinbare Gegenwartsbeschreibung behandeln sie wegen dieser Verwechselung als Kitsch. Ob dieser zusammen mit dem Manifest „Der lautlose Aufstand“ des Unsichtbaren Komitees so umstandslos mit Baldur Springmann kurzgeschlossen werden darf, wie dies auf den Seiten 258/259 geschieht, wäre zu überlegen – vielleicht polemischer Überschuss, vielleicht Hellsicht. Laut Barbara Kirchner und Dietmar Dath sind die Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft nicht eine Art Gefangenen-Dilemma mit Zusammenbruchs-Perspektive, sondern der Gegensatz zwischen dem, wie diese bürgerliche Gesellschaft ist, und dem, was nach ihr – im Guten und im Bösen – kommen kann und in ihr schon angelegt, also ihr implizit ist.

Dies wird nun auf entweder disparat erscheinenden oder auch wirklich disparaten Feldern durchprobiert: Aufklärungsphilosophie, Arbeit, Geschlechter-, rassistische und imperialistische Verhältnisse und Emanzipation von diesen, Technik, Kunst, Revolution. Für Barbara Kirchner und Dietmar Dath ist der Kapitalismus seinerseits ein Produkt der Aufklärung und ein Implex: „Wenn ein Produktionsverhältnis so ungeheure Beschleunigungen im Wachstum der Produktivkräfte bewirkt wie das der freien Konkurrenz von Kapitalen auf dem Markt, dann vervielfachen sich auch die Ausfahrten, von denen unser Bild im letzten Kapitel redet.“ (403) Dieses letzte Kapitel heißt: „Der explizite Implex“.

Indem Kirchner/Dath die Position von Konservativen als gegnerische charakterisieren, liefern sie sogar eine faire Apologie selbst von Renegaten, die es sich irgendwann anders überlegt haben: „Die Exklusivität der Kunst wird verteidigt; die des Besitzes lässt sich gern mitmeinen, in der richtigen Ahnung, dass jenseits dieser beiden Exklusivitäten nur die Barbarei oder etwas sehr nebelhaft Besseres kommen können, und der noch richtigeren, dass die Barbarei einstweilen die besseren Karten hat.“ (S. 382) Der Implex hat Hintertüren: „dass also die Konterrevolution in der Revolution steckt wie diese im nichtrevolutionären Alltag aller Klassengesellschaften, ist der ubiquitären Zwiegesichtigkeit von Implexkonstellationen gemäß und macht sie, mehr noch als die kontraintuitive Nichtzuständigkeit von Maßgaben der Mengenlehre für diese großen Sachen, die in scheinbar kleineren stecken, so schwer zu denken.“ (404) Warum dann aber überhaupt noch sozialer Fortschritt? Dass, wer mit dem Rücken an der Wand steht, nicht mehr weiter zurück kann, reicht nicht aus. Hinzukommen müsse, dass man sich eine Richtung nach vorn vorzustellen vermag und dass man sie einschlagen will. Das ist kein Privileg derer, denen es schlecht geht, vielleicht können die es gar nicht besonders gut. Ein Schuss Voluntarismus scheint unverzichtbar, ist für Kirchner/Dath aber begründbar.

Einwände

Versprochen wurde eine Ideengeschichte, und dabei bleibt es. Das Herangehen ist in hohem Maße kulturalistisch. Es fehlen die Induktionen aus der Realgeschichte und die Ökonomie. Dabei war letztere von Marx ebenfalls als Implex gesehen worden, zugleich kam es hier zu einigen seiner vorschnellen Fortschreibungen. Kirchner/Dath sind Ökonomie und Sozialgeschichte vielleicht Hexis-verdächtig. Oder sie überlassen sie Leuten vom Fach, die nun allerdings gefordert sind, wenn sie sich nicht mit beleidigter Spezialistenkritik begnügen wollen. Sind diese keine Betriebswirtschaftler, sondern Politische Ökonomen, dann bedienen sie sich ja schon jenes Zusammenhangs, den Kirchner und Dath „Interpenetration“ nennen – der wechselseitigen Durchdringung von „Maschinen“.

Rezeption

Achtzigjährige Marxisten mögen versucht sein, dem Buch „Der Implex“ vorzuhalten, hier werde der Nordpol zum zweiten Mal entdeckt. Im „Konkret“-Interview hat Dietmar Dath diese Kritik vorweggenommen: „Man könnte jetzt böse sagen, wir erfinden das Rad neu.“ Anders als in der Geografie wurde in der Gesellschaft der Nordpol, falls er da ebenfalls schon entdeckt worden sein sollte, nie betreten. Wenn das Kriterium der Wahrheit die Praxis ist, folgt aus dem Ausbleiben der Verifikation, dass die Theorie selber in Frage gestellt ist. Also muss neu angefangen werden.

Wie mit solchen Versuchen adäquat umzugehen ist, lässt sich an einer Parallele zeigen. In den „Marxistischen Blättern“ hat Robert Steigerwald und in „Z.“ hat Günter Benser Ralf Hoffrogges Buch „Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland. Von den Anfängen bis 1914“ aufmerksam besprochen. Früher hätten sie es wohl, gemessen an einem von ihnen gebilligten Kräfteverhältnis, das durch erfolgreiche kommunistische Parteien und den realen Sozialismus mitbestimmt wurde, eher wie eine Regression und einiges davon auch als Irrweg oder überflüssig behandelt. Dass sie dies jetzt nicht tun, wird gewiss und hoffentlich nicht in erster Linie auf Altersmilde zurückzuführen sein, sondern auf die Erkenntnis, dass nach der Niederlage des einst für richtig Gehaltenen nun neue Versuche, die sich in einer zwar kritischen, aber doch auch positiven Weise mit den vorigen verbinden (und deren Verfechter nicht mies antikommunistisch auf ihnen herumtrampeln), zu unternehmen sind.

Anders sieht es offenbar bei Altersgenossen von Kirchner und Dath aus. Für sie ist das Buch retro, es handelt von Dingen, mit denen sie nie zu tun haben wollten. In einigen Feuilletons wurde „Der Implex“ einem Shitstorm ausgesetzt. „Kalaschnikowhafte Selbstermächtigungsprosa“ (DIE ZEIT), „bohemienhafte Apologie von Terror“ (taz), „krude Anmaßung“ verdecke, „dass die Autoren den alt-bösen Feind Kapitalismus irgendwie nicht am Schlafittchen zu packen kriegen, so wild sie auch herumfuchteln“ (Deutschlandradio Kultur).

Einiges mag zu hastiger Lektüre geschuldet zu sein. Der Kapitalismus ist, wie gezeigt, für Kirchner und Dath kein alt-böser Feind. Dass sie das Recht auf freie Meinungsäußerung als eine Maschine zur Wahrheitsfindung und zur argumentativen Eliminierung von Unwahrheit sehen und der Aufklärung das Recht auf Tricks und Kampf im Handgemenge zubilligen, erscheint denen, die das ständige Gerede als Selbstzweck schätzen, offenbar schon als Sympathisantentum des Terrors. In ihrer Generation Golf sind Kirchner und Dath wohl ebenso solitär (um nicht zu sagen: einsam) wie die Form des Buchs zwischen verschiedenen literarischen Gattungen und seine Argumentation zwischen den Wissensgebieten.

Eine unbestreitbare Begriffs- und Bezüge-Opulenz des Textes ist keine Kraftmeierei, sondern markiert Leerstellen, die von zwei Leuten allein nicht zu füllen sind. Immerhin könnte, wer sich dadurch gestört fühlt, sich wenigstens einmal kundig zu machen versuchen, wen und was Kirchner/Dath da aufrufen und von wem und was man selbst nie zuvor etwas gehört hat. Das bildet.

Perspektive

Als Dietrich Kuhlbrodt den „Implex“ zu lesen begann, fühlte er sich (so erzählt er in einem Bericht über eine Vorstellung des Buchs im Literaturforum des Brecht-Hauses in Berlin) in die Zeit seiner Lektüre der „Ästhetik des Widerstands“ zurückversetzt. Vor einer Generation gab es dafür Lesezirkel. Vielleicht wäre das heute zu betulich. In den Amazon-Kundenrezensionen tut sich inzwischen etwas. Vielleicht wäre das Netz das richtige Forum. Einige Leute erhoffen sich eine „Implex“-Plattform. Hier könnte das Buch auseinander genommen, korrigiert, in Einzelheiten widerlegt und weitergeschrieben werden. Sollte es, von da ausgehend, eines Tages sogar zu einer Implex-Partei kommen, hätte sich die Idee von ihrer Urheberin und ihrem Urheber emanzipiert. Etwas Besseres kann Leuten, die Vernünftiges in die Welt setzen, nicht passieren.

Georg Fülberth, Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 90, Juni 2012

Dietmar Dath/Barbara Kirchner:
Der Implex. Sozialer Fortschritt: Geschichte und Idee
Berlin: Suhrkamp Verlag 2012
880 Seiten. 29,90 Euro

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