Good Shephard, Bernhard Plockhorst

Georg Seeßlen: Neoliberalismus, das ist nicht nur eine fundamentalistische Steigerung der freien Marktwirtschaft, sondern auch eine Form des Regierens. Genauer gesagt: Im Neoliberalismus fragen sich die Regierten, die Verlierer wie die Gewinner, wozu man eigentlich noch eine Regierung braucht. Gehört das Land nicht sowieso schon Lidl, Deutsche Bank, RWE und Remax? Und gibt diese Regierung im Neoliberalismus nicht noch jedem Arbeitslosen einen Tritt, während eine Landtagsabgeordnete sich zweimaliges Erscheinen bei einem aus Steuermitteln finanzierten „Regionalrat der Ruhrkohle“ mit 30 000 Euro vergüten lässt? Je überflüssiger die Regierung wird, so scheint es, desto gewalttätiger und gieriger wird sie. Aber wie könnte, anders gefragt, gute Regierung im Neoliberalismus oder trotz Neoliberalismus denn aussehen?

Es steckt dieses Bild tief in uns, dass die Herrschaft, wie sonst sie vernünftig oder göttlich auch legitimiert sein mag, ob Monarchie, Oligarchie oder Demokratie, dem Wesen eines Hirten gleicht, der seine Herde führt, schützt, nährt und zusammen hält. Und im Gegenzug erhält er Fleisch, Milch, Kleidung. Wärme auch, und große Augen. Der Gott der Wüste ist ein Hirte, und König David ist ein Hirte, und alle anderen Könige seither waren entweder große Schauspieler oder gute Hirten, und auf die pastoralen Beziehungen beziehen sich in unserer Geschichte weltliche wie geistliche Herrscher. Jeder Pfarrer soll ein „guter Hirte“ sein, jeder Bürgermeister, Parteivorsitzende, Fabrikherr etc. ist so „gut“ wie es seine pastoralen Talente sind. Indes ist der gute Hirte auch ein seltsamer Heiliger, wenn er für ein einziges verlorenes Schaf in die Wüste geht, Schlangen und Coyoten trotzt, um es zurück zur Herde zu bringen. Und haben wir nicht ein zärtliches Gefühl für den Cowboy, der sich um Indianerpfeile und Banditenkugeln nicht schert, um ein verirrtes Kalb aus der endlosen Prärie an den Euter der Mutter zurück zu bringen? (Okay, sie drehen solche Cowboy- und Kälber-Filme nicht mehr.)

Das andere ist der „Landesherr“, der Patron, der „Verwalter“ und „Besitzer“. Während der Hirte sich um eine Herde kümmert, die nicht an einen festen Ort gebunden ist, die immer unterwegs ist, die auch einmal „ausbrechen“ kann, denkt der Landesherr an den Erhalt des Territoriums, an Gleichgewichte zwischen Ernte und Düngung, Land und Wasser, zugleich an Grenzen und ihre kontrollierte Durchlässigkeit. Auch hier gibt es Herden, aber sie sind zweitrangig gegenüber dem Land; eher schlachtet ein Landesherr eine Herde ab, als dass er zulässt, dass sie sein Land ruinieren. Und während der Hirte seine Herde „sammelt“, und also daran denkt, in ihr keine Feindseligkeiten zu erzeugen, vertreibt der Landesherr lieber alles, was aufsässig, lästig oder überflüssig ist und den Ertrag des Landes mindert. Der Hirte ist der gute Herr des Raumes, der Patron der nicht ganz so gute Herr der Zeit. Der eine kann wandern, der andere kann warten. Und gemeinsam schreiben sie, nun ja, Geschichte.

Hirte und Landesherr bilden das metaphorische Doppelgesicht der Herrschaft, der guten wie der schlechten, es verschwimmt und klärt sich wieder diese getrennte Einheit, je nachdem wie sich gerade der Liberalismus entwickelt, die Kultur der Unschärfe von Herrschaft. (Die Anstrengung der Demokratie im Liberalismus besteht darin, die verschwommene Herrschaft dennoch sichtbar zu machen, und ein aufrechter Demokrat ist nicht einer, der von der Abwesenheit der Herrschaft schwärmt, sondern jemand, der die Maskeraden der Herrschenden durchschaut.) Wie aber ist die Herrschaft des demokratischen Fürsten im Neoliberalismus beschaffen? Ist noch etwas übrig vom Guten Hirten, vom schützenden Landesherrn? Und vor allem: wollen wir das überhaupt?

Die „demokratische“ Negation der Hirten-Herrschaft in radikalster Form: „Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber“. Dies freilich ist auch genau die modernste Art der pastoralen Herrschaft; sie sieht ungefähr aus wie Roland Koch. Der Hirte stellt sich von vorneherein als Metzger dar, der den starken Tieren in der Herde verspricht, nur die schwachen abzuschlachten, die ihnen das knapper werdende Gras weg fressen. (Der Metzger-Hirte, wir ahnen es, will ganz bewusst seine Herde verrückt machen.) Gemeinsam mit BILD und FAZ erzeugen Politiker der Art des Metzger-Kochs in der Herde eine Mischung aus Angst und Blutrausch. Da sich uns niemand anderes mehr zur Wahl stellen kann als Metzger, haben wir mehr oder weniger dummen Wahl-Kälber wenig Optionen: Den Metzger, der uns verspricht, das Tier neben, nein „unter“ uns zu schlachten, oder den Metzger, der uns „humanes“ Schlachten verspricht.

Die kapitalistische Negation der Landesherren-Herrschaft in radikalster Form: „Privatisierung“. Der Landesherr verkauft, was ihm vom Volk geliehen war. Dies freilich ist auch die modernste Form der territorialen Herrschaft; sie sieht ein wenig so aus wie Angela Merkel. Sie inszeniert sich von vorneherein als Realabstraktion der Macht, effektiv und ahnungslos begleitet sie den Verkauf des Gemeinwohl-Eigentums an die Kleptokratie. Wenn also Koch ein sozialer Hassprediger ist, dann ist Angela Merkel die Mutter des nationalen Nullsprech. Neben den Hirten, der die Herde verrückt macht, tritt die Landesherrin, die sich und ihre Untertanen dem Land gegenüber blinder macht als es Potemkin gegenüber dem Zaren mit seinen berühmten Dörfern gelang.

Der demokratische Fürst im Neoliberalismus ist gespalten in sadistische Metzgergehilfen und tückische Steuereintreiber. Welche herrliche Zeiten mögen das gewesen sein, da sich Landesherrn mit einem „Zehnten“ begnügten! Da wir aber unter liberalen Verhältnissen leben, bekommen wir für den Verlust der guten Herrschaft auch etwas, nämlich Freiheit. Naja, ein bisschen jedenfalls. Die Koch-Freiheit, an allem selber schuld zu sein, und die Merkel-Freiheit, vor allem die Augen zu verschließen. Weder das Land noch die Herde bietet Sicherheit und Trost – und genau hier beginnt das wüste reaktionäre, blutrünstige, dumme Muhen und Blöken. Wir wollen wieder WIR werden, raunt es in der Herde. Wir wollen wieder Grenzen haben, weht es über das Land. Und statt sie davon zu jagen schließt sich die Herde noch mehr den Metzger-Hirten an, unterwirft sich das Land noch freudiger den Profit-Immobilisten. Und beteiligt sich pflichtschuldig an der Jagd auf „schwarze Schafe“ und „Fremde“.

Nun mag es ein Projekt des bürgerlichen Liberalismus sein, den Menschen nicht mehr als nützliches Herdentier zu sehen, das sowohl seinesgleichen als auch eines „guten Hirten“ bedarf, der wiederum seine Deals mit einem „Landesherrn“ abschließen muss. Die utopische Hoffnung der Demokratie besteht in so weisen Gesetzen, dass die Herde auch ohne Hirten vorzüglich zurechtkommt (und freiwillig Milch, Fleisch und Haut gibt, dem virtuellen Hirten namens „Allgemeinwohl“ liefert). Eine freie Herde in einem freien Land, das wäre der demokratische Traum, und das wäre zweifellos etwas anderes als eine verlassene Herde in einem verwüsteten Land.

Unser Liberalismus, den es zweifellos auch ohne Demokratie gibt, hat nicht nur den Metzger-Hirten und Profit-Immobilisten als liberal-kapitalische Nachfolger der (mehr oder weniger) guten Hirten und besorgten Landesherrn unverhältnismäßig viel Macht gegeben, sondern auch die phänotypischen Differenzen zwischen Hirten und Herden, Landesherrn und Bewohnern unscharf gemacht. Da wir in der gemeinsamen Illusion leben, dass es absolute, terroristische und willkürliche Herrschaft „bei uns“ nicht gibt, müssen sich Hirten- und Landesherrn-Nachfolger bei uns um Verantwortung nicht viel scheren. Nicht umsonst nannte einer der Urväter der Metzger-Hirten und Profit-Territorien, Gerhard Schröder, seinen Transformationsplan „Agenda 2010“, wohl wissend, dass er zu diesem Zeitpunkt weder mit der Herde wandernd noch im Lande planend tätig sein würde. Und das raffinierte an der postdemokratischen Herrschaft der Metzger-Hirten und Profit-Immobilisten besteht im einleuchtenden ihrer Idee: Die Herde muss für das Land geopfert werden, und das Land muss für die Herde geopfert werden. Und noch raffinierter: Die Herde verlassen und das Land verwüsten bedeutet nicht, Macht zu verlieren, sondern im Gegenteil, sie zu transformieren und zu akkumulieren. Metzger verdienen mehr als Hirten, Immobilienhändler mehr als Landesherren. Daher bedeutet das „Gute Hirten“- und „Gute Landesherren“-Prinzip einzufordern, keineswegs die Rückkehr zu alten, autoritären, vor-demokratischen Herrschaftsformen. Im Gegenteil:  So lange wir auch im Liberalismus Regierung akzeptieren (mögen wir aus den unterschiedlichsten Gründen auch meinen, es gebe stets zu viel davon, worin sich Junkies, Finanzmarktmanager, Ladenbesitzer, Anarchisten, Handwerker und Verkehrssünder einig sind), so kontrolliert, befristet und aufgeteilt wie möglich, und mehr und mehr unsichtbar und unvernünftig für wachsende Teile der Bevölkerung, so lange dürfen und müssen wir, das „Wahlvolk“, das sich an entsprechenden Tagen durchaus als Herde begreift, nach der Qualität der „Guten Hirten“ fragen. Eine Regierung der Metzger und Immobilienhändler brauchen wir nicht.


Autor: Georg Seeßlen

geschrieben: Februar 2010

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