Kissen mit Ohren

Was waren das für Zeiten. Ein erwachsener Mann verabschiedet sich von seinem erwachsenem Publikum mit einem Satz, der klingt wie ein geheimer Code, wie das Sesam zu einem Ort, der nur geweihten Gliedern der Gemeinde zugänglich ist. Denn der Satz heißt „Tschüs und winke, winke Ihr Heinz der Quermann.“ Der Satz gehört zum kulturellen Gedächtnis der DDR wie das Kraftfahrzeug Trabant und das Waschmittel Linda Neutral. Es ist ein Satz, den ungebrochen wohl nur vernehmen kann, wer seine Sozialisation vor Beatles und Stones absolvierte, wer also das hallige „Radio DDR bringt für Sie: Die Schlagerrevue“ einmal für den Auftakt einer spannenden Sendung zu erachten in dem Stande war. Es ist ein Satz, der zu Kirsch-Whisky passt und Weinbrandbohnen ohne Kruste, zu einem Sofa, auf dem Platzdeckchen liegen und dessen Kissen zwischen den Ohren eine Delle geschlagen wird. Das besagt nichts über die Besitzer dieser Kissen, es ist nur so, wie mit Karl May: Man muss ihn einmal ernst genommen haben, um ihn später wieder lesen zu können.

Heinz Quermann gehört zur Ausstattung der DDR wie der Trabant. Das meint auch, er wäre unter den Bedingungen eines offenen Marktes nicht ganz so erfolgreich gewesen, und selbst die sogenannte Kultsendung „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“ hätte wohl einen anderen Moderator bekommen als diesen Biedermann. Quermann ist als Moderator so etwas wie die Vier Brummers als Musiker, er war bereits Ende der sechziger einer von Gestern. Aber weil er einfach weitermachte wurde er einfach Kult  und das Ende der DDR zum Glücksfall für ihn, so besetzt er die Abteilung „Es war nicht alles schlecht“.

Der Mann ist im Reinen mit sich und der Welt. Er hat ungefähr 5 000 Schlager angesagt.


Autor: Henryk Goldberg

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine, Februar 2001 (anlässlich seines 80. Geburtstages. Heinz Quermann starb am 14.10.2003)

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