Irgendwie war es lustig. Ich hatte eine merkwürdige Mütze auf dem Kopf und einen Schal um die Schulter.

Ich musste, im Wechsel mit meinem Vater, aus einem Buch vorlesen, das ich weder mochte noch verstand und Wein dazu trinken. Außerdem gab es diese merkwürdigen Fladen, die nach nichts schmeckten und furchtbar krümelten. Und ich gab mir große Mühe, meine Schwester nicht anzuschauen, weil die fröhlich grinste über ihren großen Bruder. Ich war 17, 18 Jahre alt und es war Pessach, was für niemanden in dieser Familie irgendeine Bedeutung hatte, ausgenommen den Vater.

Geblieben sind die Mazzen, das ungesäuerte Brot. Sie krümeln immer noch und schmecken deutlich nach gar nichts, doch als Klößchen in der Suppe sind sie eine feine Sache. Und kaum je, wenn ich sie esse, bewegt mich der Gedanke, dass sie eigentlich der Erinnerung an eine sehr alte Geschichte gewidmet sind. Und dass es ohne sie zwar Weihnachten gäbe, aber kein Ostern. Denn das Pessach-Fest war der Anlass, der Jesus nach Jerusalem führte. Und es waren die Mazzen zum Pessach, über die Jesus sprach „Das ist mein Leib, für euch gegeben.“ So wurde aus dem jüdischen Brot die christliche Hostie, aus dem Pessach das Abendmahl. Und ohne dieses gäbe es kein Christentum und die Weltgeschichte hätte einen anderen Verlauf genommen.

So wie ich damals die Mazzen aß, so feiert die Mehrheit Ostern. Dabei, es ist das ursprünglich, und für gläubige Christen noch immer bedeutendere Fest. Hier, Ostern, am dritten Tag, entscheidet sich, ob einer ein Christ ist; hier ist das im letzten Grunde unerklärliche Geheimnis des Glaubens zu finden.

Weihnachten zu glauben ist nicht schwer, wenn man die besonderen Umstände der Mutter außer Betracht lässt: Ein Mensch wird geboren, das kommt vor. Der Rest ist Interpretation, die niemand annehmen muss, um den zentralen Vorgang, die Geburt, mit den eigenen Erfahrungswerten als etwas Geschehenes zu akzeptieren.

Ostern ist anders. Ostern für alle geht bis Karfreitag. Ein Mann, der die soziale und ethische Ordnung der Welt radikal in Frage stellt erhält die Höchststrafe und spricht letzte Worte, das ist vorstellbar. Und nach drei Tagen ist die Grabeshöhle leer. Der Mann ist nicht einfach verschwunden, er ist auferstanden, denn er ist Gottes Sohn.

Das ist nicht mehr der Mensch Jesus, das ist der nachösterliche Christus. Den kann man nicht mehr historisch begreifen, den kann man nur noch religiös glauben. Wer es tut, der ist ein Christ und er vergegenwärtigt sich des Erlösers in der Feier des Abendmahls, wenn Brot und Wein stehen für Leib und Blut Christi.

Merkwürdig ist, wie radikal Ostern für eine Mehrheit der Menschen von seinem religiösen Ursprung isoliert wurde. Weihnachten ist die Zeit, da auch Atheisten mitunter in eine Kirche gehen, der Atmosphäre wegen. Weihnachten ist, wenn die Medien besinnlich werden und die Menschen sentimental. Draußen ist es kalt, so schart sich die Familie um den Ofen und schätzt die Geborgenheit und die Wärme des Rudels. Und die Geschenke bringt der Weihnachtsmann, wahlweise auch das Christkind, die haben ein bisschen was Himmlisches.

Ostern kommt der süße Hase gehoppelt, den wir, sozusagen, lieben in beiderlei Gestalt, als Schokolade und als Fleisch. Draußen ist es warm, wir sind weniger sentimental als frühlingshaft; das ist nicht Einkehr, das ist Aufbruch. Vermutlich ist Ostern für eine Mehrheit das substanziell kleinere Fest, weil sein Ursprung schwieriger ist, weil man nicht berührt wird, wenn man nicht glaubt.

So wie die Mazzen damals wie heute nur nach nichts schmecken. Immerhin, mir blieb davon die Suppe.

Frohe Ostern.


Text: Henryk Goldberg

Text erschienen in Thüringer Allgemeine, 22.04.2011

Bild: Mazze, Quelle: Wikipedia

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