Widerruf

War das ein Menetekel? Die Schrift an der Wand? Es war das Display der digitalen Wundertüte. Und da stand es, klar und deutlich: “Nichts zu widerrufen.” Hatte mir da jemand eine Botschaft gesandt? Und warum? Hatte ich letzthin etwas widerrufen, oder angekündigt, es zu tun? Was?

Meinungen zum Theater, zum Radsport, zum Rennsteiglied oder zu anderen Vorkommnissen der Kultur in Thüringen? Hatte ich erwogen, das zur Jugendweihe abgelegte Treuegelöbnis zu unserer Republik zurückzunehmen? Wollte ich meine Aktivistennadel dem Regime nach reiflicher Überlegung vor die Füße werfen? Wollte mich die Gesellschaft der Freunde der Deutschen Demokratischen Republik warnen, etwas Unüberlegtes zu tun? Oder war das eine verspätete und fehlgeleitete Nachricht aus dem All an Galileo Galilei?

Jedenfalls, ich suchte, wer mir diese Nachricht gesandt hatte, doch ich fand sie nicht wieder. Es musste eine geheime Botschaft sein, eine von der konspirativen Art, die sich nach dem Lesen selbstständig vernichtet.

Am Donnerstag war diese Mahnung wieder da, wie aus dem Nichts: “Nichts zu widerrufen.” Und da fiel es mir ein. Es ist ein technisches Ding. Man kann Eingaben löschen, wenn man das IPhon schüttelt. Und wenn man nichts eingegeben hat, dann kommt diese Meldung.
Schade eigentlich. Aber ich bleibe auf Empfang. Ich wüsste so gern, dass ich nichts zu widerrufen habe.

Henryk Goldberg

Thüringer Allgemeine, 22.07.2011
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