Meldung Rund 100 Bürger durften am Mittwochabend in Erfurt mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, die ungezwungen auftrat, über die Zukunft diskutieren. „Dann bin ich gleich eine von Ihnen“, sagt sie, als sie sich beim Fototermin zu Beginn für wenige Augenblicke zwischen die Teilnehmer setzt.  (Hamburger Abendblatt)

Das Schöne und das Nützliche

(von Henryk Goldberg)

Nein, sie ist keine von uns. Das sagt nichts über sie aus und nichts über uns. Aber dass sie es gesagt hat, das sagt etwas über die Psychologie des Menschen.

Sie wolle, hatte Angela Merkel zwei Besucherinnen in Erfurt gesagt, sich jetzt zwischen sie setzen, „dann bin ich eine von Ihnen“. Das ist eine Sehnsucht von zwei Seiten her. Dieser Sehnsucht verdankt sich die Attraktiviät, die Anziehungskraft dieser Bürgerbereisung.

Die Kanzlerin gibt sich gern dem Empfinden hin, nun mit ihrem Volk auf Augenhöhe zu kommunizieren, von Mensch zu Mensch, sozusagen. Natürlich weiß sie, dass das nicht so ist. Wenn sie tatsächlich nichts als die Begegnung suchte, nichts als die sog. Weisheit des Volkes, dann hätte sie die Medien nicht ein-, sondern ausgeladen. Aber dieses Hier-bin-ich-Mensch-hier-darf-ichs-sein- Gefühl ist eines, das Menschen sehr lieben, die über die anderen gestellt sind. Und in einer Demokratie ist das nicht nur schön, es ist auch nützlich.

Die Menschen, die dort hingingen, werden kaum naiv genug sein, das nicht zu wissen. Aber die Nähe der Macht zu spüren, ihre Aura, das ist, ohne jede Ironie, ein Erlebnis. Die Erfahrung, dass hinter so einem institutionalisierten Namen eben doch ein wirklicher Mensch lebt: Das ist das Schöne einer solchen Begegnung für die Menschen.

Das Nützliche ist für die Kanzlerin.

 

Henryk Goldberg, Thüringer Allgemeine 02.03.2012

Bild: Dr. Angela Merkel, Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, Vorsitzende der CDU Deutschlands; CC BY-SA Armin Linnartz

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