Garry Disher

<img class="size-full wp-image-11763 " title="GarryDisher" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/07/GarryDisher1.jpg“ alt=““ width=“600″ height=“400″ />
Der Australier Garry Disher, Bild via garrydisher.com

Charaktere aus Fleisch und Blut

Melbourne hat nicht nur ein Filmmuseum, in dem das Frankfurter Institut gleich mehrfach Platz hätte. Australien hat auch eine Kriminalliteratur, deren Horizont freie Sicht zum literarischen Olymp erlaubt. Seit den Tagen Arthur W. Upfields (1890–1964) und seines Inspektors Napoleon „Bony“ Bonaparte hat sich viel getan. Da gibt es Michael Robotham mit dem gerade erschienenen Thriller „Bleed for Me“, Paul Temple mit dem fulminanten „Truth“, Peter Corris, Adrian Hyland, Leigh Redhead, Gabrielle Lord, Alex Palmer und die ultraharte Leah Giarratano. Viele von ihnen sind (noch) unübersetzt oder auf dem deutschen Markt schnell wieder untergegangen.

Erstaunliche und erfreuliche Präsenz hierzulande beweist Garry Disher. Das liegt am kleinen und feinen Berliner Pulp Master Verlag von Frank Nowatzki und am Zürcher Unionsverlag sowie an vielen begeisterten Lesern. Beim Berliner „hard boiled“-Label erscheinen die Gangstergeschichten mit dem Einzelgänger Wyatt, die in Stil und Härte dem Berufsverbrecher Parker des US-Autors Richard Stark (Donald Westlake) Referenz erweisen. Reiselektüre ist das der besonderen Art, Australien aus der Ganovenperspektive.

Doch der erstaunliche Mister Disher kann auch anders. Der großen humanistischen Tradition verpflichtet sind seine Romane um Inspector Hal Challis, die übersetzt vom sorgsamen Peter Torberg als schöne Hardcover-Ausgaben vom Unionsverlag herausgebracht werden. Zweimal schon wurde Garry Disher mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet, mit dem neuen Buch „Rostmond“ (Blood Moon) könnte der Australier jetzt den Hattrick schaffen.

„Rostmond“ ist der fünfte Challis-Roman. Der lebt mittlerweile heimlich mit seiner Kollegin Ellen Destry zusammen, die einen konservativen Ex-Mann und ein dunkles Geheimnis hat. Nein, was das ist, werde

ich hier nicht verraten, denn das Heiß- und Kaltgefühl, damit klar zu kommen, gönne ich jeder Leserin und jedem Leser. Hal Challis ist vom Leben gebeutelt. Seine Frau hatte einst eine Affäre mit einem anderen Polizisten, die beiden versuchten, ihn umzubringen, jetzt sitzt sie im Gefängnis. Er hat schon viel gesehen und erlebt, dieser aufgerauhte, leicht melancholische Inspector. Sein scharfer Blick, eine gewisse Illusionslosigkeit und manch innere Wunde geben ihm das Zeug zum Stoiker. Nur selten fährt er aus der Haut.

Nach einem Challis-Buch, so erlebte ich es bisher jedes Mal, leide ich Tage unter einem Trennungsschmerz, ertappe mich bei Entzugserscheinungen. Garry Dishers Charaktere erscheinen mir real, wie wirkliche Menschen, die eine Existenz auch außerhalb seiner Romane haben. Man würde sie gerne treffen. Sie sind aus Fleisch und Blut, sind nuancierte Charaktere, sie leiden und lieben, hoffen und bangen, machen Fehler. Hart und zärtlich, atmosphärisch und genau, fesselnd und komplex sind die Geschichten, deren Anlass und Beginn für Disher oft eine Zeitungsnotiz ist. Der 1949 geborene Garry Disher schaut genau hin, zeichnet ein realistisches Bild von Polizeiarbeit, Polizeikultur und gesellschaftlichen Verhältnissen. Sein

e Challis-Bücher handeln überwiegend da, wo er selber wohnt, auf der Mornington Peninsula südöstlich von Melbourne. Die Genauigkeit für Details schärft auch die Optik für das Universale. Wie in jedem wirklich guten Roman finden wir bei ihm scharfe Einsichten in den Zustand unserer Welt, werden Kopf und Herz aufs Vorzüglichste angeregt. „Real books, not junk fiction“, brachte es das US-Magazin „Booklist“ auf den Punkt.

Rund 45 Bücher hat Disher bisher veröffentlicht. Kinder- und Sachbücher sind dabei, Romane und Kriminalromane, auch Selbstreflektives. Die Weltsicht seines Polizisten Hal Challis fasst er so zusammen: „Ich erkenne, dass ich anders bin, ich bin getrennt von allen anderen. Niemand sagt zu uns Polizisten: Komm rein zu uns. Sie sagen: Bleib da draußen und behüte uns.“

Für das Nachwort von „Flugrausch“ hat Übersetzer Peter Torberg die zehn schriftstellerischen Gebote Garry Dishers zusammengetragen:

1. Du sollst nicht predigen und belehren.

2. Du sollst nicht herablassend sein.

3. Du

sollst nicht schlecht schreiben.

4. Du sollst beim Schreiben die Welt nicht durch eine rosa Brille sehen und trotzdem Raum genug lassen für Liebe und Humor.

5. Du sollst nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen und nicht die Kavallerie zur Rettung rufen.

6. Du sollst nicht auf reißerische Themen wie Inzest, Selbstmord, Cyberspace und Obdachlosigkeit setzen, nur um einen schnellen Dollar zu machen Solche Themen sind nur dann erlaubt, wenn die Geschichte sie erfordert.

7. Du sollst die inneren und äußeren Herausforderungen des Lebens mit Ehrlichkeit, Integrität und ernsthafter Überlegung behandeln und einfache oder keine Antworten sowie Gefühlsduselei vermeiden.

8. Du sollst die Wahrhaftigkeit deiner Arbeit wertschätzen. Einer Geschichte einen pompösen Schluss aufzupropfen, wo eigentlich ein anderer verlangt ist, ist ein Betrug an deinem Werk, deinen Lesern und dir selbst.

9. Du sollst unterhalten.

10. Du sollst die Grenzen, die du dir selber setzt, immer wieder verschieben.


Die Hal Challis-Romane:

Drachenmann (The Dragonman, 1999), Deutscher Krimi Preis 2003

Flugrausch (Kittyhawk Down, 2003)

Schnappschuss (Snapshot, 2005)

Beweiskette (Chain of Evidence, 2007)

Rostmond (Blood Moon, 2010)


Die Wyatt-Romane:

Gier (Kickback, 1991), Deutscher Krimi Preis 2000

Dreck (Paydirt, 1992)

Hinterhalt (Deathdeal, 1993)

Willkür (Crosskill, 1994)

Port Vila Blues, 1995

Niederschlag (Fallout, 1997)

Wyatt, 2010 (noch nicht auf Deutsch)


Rostmond

von Garry Disher
(Blood Moon, Australien 2010)
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Unionsverlag
448 Seiten
19,90 Euro


bei amazon kaufen





Bild via garrydisher.com

Autor: Alf Mayer

Krimi-Kolumne: Blutige Ernte

Text geschrieben 06/2010

zp8497586rq
Share