Barbie, und wie sie die Welt sah

Zum 50. Geburtstag einer künstlichen Person, die immer schon mehr als eine Modepuppe war

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Meine Güte, Barbie wird nun auch schon fünfzige Jahre alt! Na schön, das ist heutzutage kein Drama mehr. Nichts, was man nicht mit ein paar neuen Kleidern, einem gut gefüllten Kosmetikschrank, einem Urlaub am Pool, einem Gang zum Friseur und etwas, Verzeihung, Plastik-Chirurgie hinkriegen würde. Aber ein bisschen nachdenklich darf man schon werden, bei einem solchen Anlass, zurück denken an all die Erfolge und Krisen, die Neu-Erfindungen und Skandale… Doch, doch, Barbie hatte ein bewegtes Leben, das sieht man ihr vielleicht auf den ersten Blick nicht an. Wussten Sie übrigens, dass Barbie ursprünglich aus Deutschland stammt? Da hieß sie freilich „Lilli“, und trat als Modepuppe im Maßstab 1: 6 ganz im Stil der Comic-Figur auf, die der Zeichner Reinhard Beuthin seit 1952 für die BILD-Zeitung anfertigte. „Lilli“ war das schicke, modebewusste, schlanke und sportliche Mädchen, von dem man im Wirtschaftswunder träumte. Komplett mit einem blonden Pferdeschwanz und einem selbstbewusst-koketten Blick, den die jungen Frauen im puritanischen Amerika nicht riskierten. In Luzern wurde Lilli von dem amerikanischen Ehepaar Ruth und Elliott Handler entdeckt, die sie vom Fleck weg adoptierten, übrigens ohne sich allzu viel um Formalien zu bekümmern. Lilli also packte ihre Koffer, immerhin achtzig verschiedene Kostüme, vom Pelzmantel bis zum feschen Bayern-Dirndl, und startete ihre Karriere in den Staaten in der kleinen Spielwarenfabrik der Handlers, die sich „Mattel“ nannte.

Schnell hatte sich die junge Frau amerikanischen Gepflogenheiten angepasst; „Barbie“, wie sie sich nun nannte, in Anlehnung an die Tochter ihrer Adoptivmutter, fand sich mit Barbecue und Bowling, Picket Fence und Dating Game zurecht und wurde rasch zum Role Model für den weißen Mittelstand der sechziger Jahre. Zehn Jahre nach der erfolgreichen Migration erledigten die Handlers übrigens mehr oder weniger diskret auch die rechtlichen, also die finanziellen Angelegenheiten.

Trotz aller anfänglichen Skepsis der Spielwarenhändler wurde Barbie, nachdem sie sich auf der New Yorker Spielwarenmesse zum ersten Mal im neuen Outfit präsentiert hatte, zu einem sensationellen Erfolg in amerikanischen Familien. Innerhalb kurzer Zeit war die erste Serie – eine halbe Million Puppen und eine Million Kostüme – abverkauft. Diese waren ja auch mit großer Detailliebe von der Designerin Charlotte Johnson nach den Kreationen der großen Modehäuser von Dior, Balenciaga und Givenchy gestaltet: Barbie hatte zu Beginn ihrer amerikanischen Erfolgsgeschichte einen durchaus erlesenen Geschmack. (Wie wir wissen, veränderte sich das im Verlauf der nächsten Jahrzehnte zugunsten etwas schrillerer Dress-Codes.) Gefertigt wurde das alles übrigens von Anfang an in Japan.

Am Anfang war Barbie zu haben ab 3 Dollar, ohne Kleidung, was im Jahr 1959 noch ein kleines Vermögen war. Ein Luxusspielzeug für Besserverdienende. Erst nach und nach eroberte sie den Mittelstand und dann sogar das Ghetto. Und jedes Mal änderte sich entschieden ihre modische Ausrichtung; schnell lernte Barbie, sich nicht mehr auf Cocktail Parties zu langweilen, sondern auf Roller Skatern durch die Straßen zu flitzen. Sie scheute nicht einmal vor Second Hand-Klamotten zurück. Dem Fall der Profitrate bei der Puppe selbst setzte man bei Mattel ein ausuferndes Sortiment an Kleidung, Möbel, Assesoires entgegen, später konnte man ein Barbie zum Haarefärben, Kleider zum Selbergestalten, Karaoke- und Sprech-Barbies hinzufügen. Gute Mädchen kommen aufs College, mit Barbie kommt man überall hin. Und von Barbie, so viel ist sicher, kann man, wenn man einmal angefangen hat, nie genug haben.

Barbie war die erste dreidimensionale Modepuppe, mit der die Mädchen nicht nur „Familie“ spielen konnten, sondern „Gesellschaft“. Barbie erhielt Freunde und natürlich ganz besonders den einen: Ken, einen gutaussehenden aber definitiv langweiligen Kerl, der irgendwie immer um sie herum war, irgendwas zwischen Ehemann, Bruder, Freund und love interest. Es ging nicht nur um Kinder, Küche, Kaufhaus, bei Barbie ging es um das tolle Leben einer selbstbestimmten jungen Frau, die allerdings hauptsächlich mit der Pflege ihrer äußeren Erscheinung beschäftigt war. Mehr Doris Day als Jane Fonda.

Das Alter der Mädchen, die mit Barbie-Puppen spielten, bewegte sich in den sechziger Jahre nach unten.1967 bekam Barbie deshalb ein neues, etwas mädchenhafteres (und, seien wir ehrlich: etwas weniger erotisch-offensives) Gesicht. Die Lippen sind leicht geöffnet und die Wimpern sind aufgemalt oder aus richtigen Haaren. 1977 erschien die „Superstar Barbie”, so wie man sie dann mehr als zwanzig Jahre in der Öffentlichkeit sah: Mit einem breiten, optimistischen Grinsen, großen, wachen Augen und energischeren Zügen. Und in dieser Zeit wurde Barbie, die zuvor in wechselnden Haarfarben glänzte, wieder definitiv zur Blondine. Erst seit 1991 gibt es sie wieder in anderen Tönungen.

Im Jahr 2000 verlor Barbie das mittlerweile doch etwas aufgesetzt wirkende Grinsen und auch den Rest von kindlicher Bausbäckigkeit. Man könnte fast sagen, Barbie wurde von einem Hauch der Melancholie gestreift, was angesichts der Lage der Welt im Allgemeinen und der in amerikanischen Vorstädten im Besonderen kein Wunder ist. Auch wechselten ihre Vorlieben im Freizeitbereich. Verbrachte Barbie früher ihr Leben vorzugsweise auf dem Rücken eines Pferdes („Tawny“ liebt sie ebenso wie ihre wechselnden Hunde), auf Hawaii oder im Workout, so zieht sie sich mittlerweile gerne in fantastische Parallelwelten zurück, träumt sich als Prinzessin und Kriegerin, brezelt sich nicht mehr nach Modemagazinen sondern nach Manga-Bildern auf. Vielleicht glaubt Barbie gar nicht mehr wirklich an den Sinn dieses Lebens von Dating Games, Nachbarschaftsfesten, Beliebtheitskonkurrenz und Konsum. Auch nachdem sie in den siebziger Jahren zum Filmstar avancierte, bot Barbie ihren Fans weniger soziale Verhaltensmuster als bonbonsüße Märchenträume.

Zur Mutter war Barbie übrigens schon aus anatomischen Gründen ungeeignet, wie die Ärzte schon in den achtziger Jahren kritisch anmerkten: Barbie, so schimpften sie, vermittelte den Mädchen ein völlig falsches Körpergefühl (von der Abwesenheit jeglicher Feuchtgebiete ganz abgesehen). War Barbie etwa mit schuldig an Essstörungen weiblicher Teenager? Erst im Jahr 2003 reagierte man im Hause Mattel und gab Barbie eine neue Körperform mit kürzeren Beinen und breiteren Hüften. Und Barbie wurde nicht nur was diese, ihre Erscheinung anbelangt, wieder etwas irdischer. Man sah sie jetzt gar auf Bauernmärkten, bei der heimischen Gartenarbeit oder am Computer. Die Zeit der ewigen Pool-Parties, der Ghetto-Blaster-Tänze und der endlosen Friseur-Sessions schien vorbei.

Barbie war, mit anderen Worten, nicht bloß in der Mode und bei den Freizeitvergnügungen mehr oder weniger auf der Höhe des Zeitgeistes. Sie war immer zugleich die Modepuppe und die Zeitgenossin. Und so sehr ein paar Kritiker auf ihren narzisstischen Materialismus schimpften, sie gar „die weiße Vorstadthure des Kapitalismus“ nannten, so sehr waren die meisten ganz gewöhnlichen Menschen in Barbie verliebt. Viele kamen von dieser Liebe-Zeit ihres Lebens nicht mehr los und wurden zu manisch fetischistischen Barbie-Sammlern. Jahraus jahrein treffen sie sich auf „Barbie Convents“, wo sie nicht nur besonders rare Sammelstücke zu ergattern hoffen, sondern auch gelehrten Vorträgen aus dem Barbieversum lauschen, zum Beispiel die Rolle afroamerikanischer Familien in der Barbie-Welt betreffend (seit 1980 gibt es sowohl eine afroamerikanische als auch eine hispanische Barbie), oder das Echo der Immobilienkrise in Barbies Lebensraum.

Heftigere Menschen drücken ihre Liebe anders aus. Zum Beispiel die Mitglieder der „Barbie-Liberation-Front“, die, wie der Name schon sagt, Barbie aus ihrem goldenen Mittelstandskäfig befreien wollen. Einer der spektakulärsten Aktionen der „BLF“ war der Austausch der Sprachmodule von Barbie-Puppen und solchen der militärischen „GI JOE“-Serie. Nun bekundete ein bis an die Zähne bewaffneter Mini-Rambo, dass er dringend Begleitung beim Shoppen brauchte, während Barbie knurrte, sie werde jeden niedermähen, der sich ihr in den Weg stellen wollte.

Barbie überlebte eine Reihe von Skandalen, darunter, natürlich, das Auftauchen pornographischer Fotos und Filme (sie war jung und brauchte das Geld), die Verwicklung in politische Korruption und Spekulationen über ihr merkwürdiges Familienleben: Barbie hat jede Menge Geschwister und Cousinen, aber so wenig wie einen Ehemann hat sie Eltern. Das Alter kommt überhaupt nicht vor im Barbieversum. Was eine Barbie braucht ist eher eine „beste Freundin“. Das ist seit 1964 Midge, die in allem das Gegenteil der chicen, extrovertierten Barbie ist. Midge ist das nette girl next door, bescheiden, freundlich, unauffällig. Zur Belohnung für diese Zurückhaltung durfte Midge auch heiraten, und zwar Kens Freund Allen. Die beiden begründeten einen Nebenzweig in Barbies Welt, der unter dem alles erklärenden Motto „Happy Family“ fungiert. In der Barbie-Welt kann man sich ein passendes Lebensmodell aussuchen, es gibt alles, von der spießigen Happy Family bis zu flippigen P. J., die am liebsten hippe Klamotten à la Carnaby Street trägt, Rock-Musik hört und, vermuten wir, einem freundlichen Joint nicht abgeneigt ist. Barbie ist eine Modepuppe, an der man seinen Geschmack bilden (oder auch verlieren) kann, „Barbie“ ist aber auch der Name einer spielbaren Soap Opera. Und wie es bei Soap Operas so zugeht: Manche Figuren verschwinden wieder, neue tauchen auf, andere erleben lebensbestimmende Veränderungen. Und auch Barbie, das modische Weltkind in der Mitten, bleibt ewig nur, weil sie sich verändert.

Im übrigen ist Barbies ursprüngliche Heimat Deutschland derzeit eines der wenigen Länder, in denen sie unangefochtene Marktführerin und Kultfigur ist. Nach einer neueren Untersuchung hat „Barbie“ in Deutschland einen Bekanntheitsgrad von 100% (ein Wert von dem die deutsche Kanzlerin nur träumen kann); im Durchschnitt besitzt jedes deutsche Mädchen sieben Barbie-Puppen. Die Barbie-Manie hat hier wundersame Auswirkungen: Das Fotomodel Angela Vollrath erklärte sich selber zur „Miss Barbie“ und lässt eine um die andere Operation an ihrem Körper vornehmen, um sich dem Ideal anzunähern. Das „Barbie-Syndrom“, die Sehnsucht danach, dem (unmöglichen) Körper der Puppe zu gleichen, füllt neben Kosmetiksalons und Fitness-Studios auch die psychotherapeutischen Praxen.

Barbie selber kann sich daran nicht wirklich schuldig fühlen. Sie weiss selber, dass sie nur ein Traum, eine Projektionsfläche, ein Experimentier-Gegenstand ist. Barbie lächelt, aber wirklich glücklich haben wir sie nie gesehen. Und nun hat sie noch ganz andere Sorgen. Barbie hat in den USA rapide an Popularität verloren. „Wir haben ein komplettes Marktsegment verloren, – die älteren Mädchen“, räumte Mattels neuer „Barbie“-Chef Richard Dickson dem Wall Street Journal gegenüber ein. Die Barbie-Welt ist zu unübersichtlich geworden, neue Konkurrenz ist entstanden, großäugiger, irrealer, frecher, athletischer, monströser: Die „Bratz“-Puppen (entworfen von einem ehemaligen Barbie-Designer) scheinen besser darauf vorbereitet, einer umfassenden Krise zu begegnen. Vielleicht war Barbie doch zu gut für diese Welt.

Text: Georg Seeßlen

Text geschrieben 09.03.2009

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