Christopher Plummer

Christopher Plummer in „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ © Concorde

Nicht jeder angelsächsische Filmschauspieler benötigt eine Grundierung als Shakespeare-Darsteller. Aber schaden tut es auch nur selten, und im Fall des Kanadiers Christopher Plummer hat es definitiv nicht geschadet. Um genau zu sein: Bei Christopher Plummers größeren Filmrollen kann man sich immer fragen, welches Shakespeare-Stück für seine Rolle eine Referenz bildet. Er shakespearifiziert noch einen „Star Trek“-Film als rachsüchtiger Klingonen-General Chang:

„Dann schwillt auch uns die Galle;
wir sind fromm,
Doch nicht von Rachsucht frei.
Sie sollen’s wissen,
Wir haben Sinne auch“  (Othello)

oder eine Kriminalkomödie wie Blake Edwards „Die Rückkehr des rosaroten Panthers“ als „Phantom“ Sir Charles Litton, den die eigene Gattin durch einen Diamantendiebstahl aus der Qual der Langeweile befreien muss:

„Fürwahr, ich weiß nicht, was mich traurig macht“  (Der Kaufmann von Venedig),

den Herodes in Franco Zeffirellis „Jesus von Nazareth“:

„Ich möchte solch einen Kerl für sein Bramarbasieren prügeln lassen;
er herodisiert noch über den Herodes“  (Hamlet),

oder den Zauberkünstler „Shitty“ in John Boormans „Zeit der bunten Vögel“:

„Wir sind vom Stoff, aus dem die Träume sind“  (Der Sturm).

Wer sich auf die Genauigkeit versteht, der muss nicht auf den Effekt hinaus, und wer sein Handwerk so beherrscht, der muss nicht unentwegt an einem Image arbeiten. „Mich langweilen die Fragen über das Schauspielen, es gibt sehr viel mehr im Leben. Über unseren Beruf reden zu müssen, ist der Tod für einen Schauspieler “, so bescheidet Plummer einen Interviewer. Über sein Privatleben, drei Ehen, eine überwundene Alkoholkrankheit, eine schauspielernde Tochter, Amanda Plummer, ist noch weniger zu sprechen. Bleiben die Filme eines Schauspielers, der immer gut ist, aber beinahe nie zum eigentlichen Thema eines Filmes geworden ist.

„Alles, was so übertrieben wird, ist dem Vorhaben des Schauspiels entgegen, dessen Zweck sowohl anfangs als jetzt war und ist, der Natur gleichsam den Spiegel vorzuhalten: Der Tugend ihre eignen Züge, der Schmach ihr eignes Bild und dem Jahrhundert und Körper der Zeit den Abdruck seiner Gestalt zu zeigen. Wird dies nun übertrieben oder zu schwach vorgestellt, so kann es zwar den Unwissenden zum Lachen bringen, aber den Einsichtsvollen muss es verdrießen“ (Hamlet).

Ein paar Eckdaten noch: Geboren 1929 in einem Städtchen in Quebec, Sohn einer Schauspielerin, war Plummers erstes Ziel eigentlich, Konzertpianist zu werden, und wenn schon Shakespeare für einen Filmschauspieler nicht schadet, Musikalität tut es schon gar nicht. Der erste große Broadway -Auftritt  war denn auch im Musical „The Starcross Story“, dann folgte eine einigermaßen stetige Karriere in dramatischen Bühnenstücken, die ihn zwischen New York und London hin und her führte. Die ersten großen Filme Plummers machten vor allem seine Vielseitigkeit deutlich: Das Kostümdrama (Der Untergang des Römischen Imperiums), das Musical (Meine Lieder, meine Träume), das moderne Psychodrama (Verdammte süße Welt) und der Kriegsfilm (Luftschlacht um England). Plummer passt immer, er adelt eine Rolle, ohne sie an sich zu reißen, er ist immer vollständig bei der Sache und erhebt sich nie über einen Stoff. Plummer kann dienen, auch wenn er als „dritter Mann“ hinter den Stars zurücktreten muss, wie als Journalist Kipling in „Der Mann der König sein wollte“ hinter Michael Caine und Sean Connery. Das ist ein Vorzug und ein Problem in einer Schauspieler-Karriere.

Christopher Plummer, das muss man wohl zugeben, war bei seinen Rollen für Film und Fernsehen nicht immer übermäßig wählerisch, und so trat er immer einmal wieder zurück in die Riege der Gebrauchsdarsteller. Aber wunderbar bleibt er als Schurkendarsteller wie als betrügerischer Sektenführer in „Schlappe Bullen beißen nicht“

„Falschheit heilet Falschheit, wie das Feuer in den versengten Adern Feuer kühlt“ (König Johann III“)

oder als besessener Wissenschaftler, vom antivampirischen Van Helsing bis zum Psychiater Dr. Rosen in Ron Howards „A Beautiful Mind“. Was wir da sehen ist stets noch der Kampf zwischen dem Willen und dem Körper, eine dunkle Seite der Rationalität, ein Stück Zivilisationsgeschichte, vielleicht auch den Untergang einer Klasse, die auf Würde und Vernunft setzte und daran zugrunde ging.

Terry Gilliam gibt Christopher Plummer in seinem „Imaginarium“ noch einmal eine große Rolle, die nach Herzenslust zu shakespearifizieren ist:

„Alte tun, als lebten sie nicht mehr, träg, unbehülflich und wie Blei so schwer“ (Romeo und Julia“).

Aber Christopher Plummer kann auch noch sehr jung sein. Für einmal (und daran sieht man paradoxerweise, wie gut Heath Ledger war) gehört ein Film Christopher Plummer, und er geht mit diesem Geschenk um, wie er es immer gehalten hat: würdevoll.


Autor: Georg  Seeßlen

Text erschienen in epd-Film, 01-2010

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