Hilde Domin (*27.07.1909)

Ihrer Brüder Hüterin

Die wohl bedeutendste lebende Dichterin deutscher Sprache, die Jüdin Hilde Domin verließ Deutschland 1932 und kehrte erst Mitte der fünfziger Jahre  zurück in ihre Sprache. Ihr erstes Gedicht schrieb sie, runde fünfzig Jahre alt, in Santo Domingo. Die Stadt gab ihr nicht nur Sicherheit vor Deutschland, sie gab ihr auch den Namen mit dem sie Ehre einlegt für Deutschland.

Lyrik wird wohl bedeutend, wenn wenig Worte eine Welt beschreiben, ein Verhältnis zu ihr in einer konzentrierten Kraft, wie es kein Roman vermag; wenn wenig Zeilen zu einem Quell geistiger Energie werden. …dein goldenes Haar Margarete/dein aschenes Haar Sulamith… sind zwei solche Zeilen, die die Welt Paul Celan verdankt. Drei solcher Zeilen, die ins Grundhafte gehen, hat Hilde Domin geschrieben: Abel steh auf/damit es anders anfängt/zwischen uns allen.

Die Jüdin sucht die Versöhnung und die Humanität als deren Bedingung. Wenn Abel wieder aufstehen kann, dann ist Kain nicht seines Mörders Bruder. Steh auf/damit Kain sagt/damit er es sagen kann/Ich bin dein Hüter/ Bruder/wie sollte ich nicht dein Hüter sein. Das ist gleichsam die zweite Chance für den Mörder, und also für die Menschen, zu leben nach den Maßgaben der Humanität. Ein Gedicht hat noch nie eine Wirklichkeit verändert, aber vielleicht das Gefühl, mit dem Menschen dieser Wirklichkeit begegnen.

Hilde Domin ist schlichter als Paul Celan, aber auch sie hat Zeilen geschrieben die aufbewahrt werden im Gedächtnis der deutschen Sprache.

Autor: Henryk Goldberg

geschrieben Juli 2004, in TA

Hilde Domin starb am 22.02.2006

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