Eigentlich interessiert sich die Dame gar nicht für so was. Aber eine erwachsene Frau mit einem gewissen Erfahrungshorizont hat so was schon mehrfach erlebt. Fußball, Pferde, was eben so anfällt im Laufe eines erfüllten Frauenlebens.

Also, die Dame kam mit ins Erfurter Andreasried, Deutsche Meisterschaft der Steher. Und lernte bei der Gelegenheit, mit einem Anflug von Überraschung, dass der Radsportler nicht mit der Rolle des Schrittmachers fest verbunden ist, er muss selber treten. Woran man sieht, dass ich ihr den geeigneteren Sport biete, denn was ein Abseits ist, dass hat sie damals nicht gelernt.

Vorher waren wir noch was einkaufen. Und stellten an der Kasse der Rennbahn fest, dass sie nicht, wie von mir vermutet, drei Euro für den Eintritt verlangen, sondern das Dreifache. Das ist auch in der Ordnung, nur, dass sich durch diesen Einkauf unsere baren Zahlungsmittel auf 19 Euro reduziert hatten. Was bedeutete, dass wir nach dem Passieren der massiven Hier-werden-nur-hier-gekaufte-Getränke-getrunken-Kontrolle über einen (1) Euro verfügten.

Und das war ein Problem. Denn ein Steherrennen hat viel mit Tradition zu tun, und zu dieser Tradition gehört es auch, dass ich dort 1 Bier & 1 Bratwurst verzehre. Die Bratwurst- und Bierverkäufer hingegen haben eine andere Tradition: Sie wollen Geld.

Ich auch, denn durch die Unerfüllbarkeit wird der Wunsch nach Wurst und Bier zum Trauma. Nichts will man so sehr haben, wie das, was man nicht bekommen kann. Es geht nicht nur um die Wurst, wenn es jetzt hier um die Wurst geht, es geht sozusagen um die Seele. Und die schreit nach Wurst und Bier. Also nach anpumpbaren Menschen mit Geld. Am Besten wären Kollegen, Menschen, denen man das Geld schnell zurückgeben kann, weil man sie täglich sieht. Wir haben Berichterstatter hier, und wir haben Kollegen, die sich für derlei interessieren. Irgendeiner muss doch zu finden sein.

Da! Unten im Innenraum steht Michael Voß. Meine freudige Erregung hält fünf Sekunden. Er würde mich hören, wenn ich hinunter rufe. Aber er kann nicht während des Rennens über die Bahn laufen. Und ich traue mich nicht, ihn lautstark zu bitten, über die Katakomben nach oben zu kommen, nur damit ich Bier & Wurst habe.

Unten auf der Bahn fragt sich der führende Florian Fernow womöglich, ob er Deutscher Meister wird und ich frage das Schicksal, ob es mir noch etwas bereit hält heute. Das ist eine merkwürdige Erfahrung, die hatte ich das letzte Mal als Kind: Sich einfach ein bisschen Kleingeld wünschen, bisschen was zu essen und zu trinken. Verzweifelt in den Taschen wühlen, vielleicht das da doch noch irgendwo eine Münze ist. So ein kleines doofes Metall oder ein bisschen bedrucktes Papier, das doch sonst immer verfügbar ist. Und verbiete mir derlei, es gibt Menschen, für die das eine alltägliche und richtig ernsthafte Situation ist.

Da! Da ist Sascha!! Er trägt schwer an seiner Fotoausrüstung und mir wird leicht ums Herz. Gleich, gleich gibt’s Geld und Wurst und Bier. Nein. Sascha Fromm, einer der besten deutschen Sportfotografen hat 2 Euro siebzig in der Tasche. Wir wissen das, nachdem wir alle seine Münzen sorgfältig gezählt haben.

Ich entscheide mich für das Bier, gegen die Wurst.

Später, als das Rennen zu Ende ist, treffe ich Jan Hollitzer, sein Kind auf dem Arm, sein Geld in der Tasche. Zu spät.

Am Montag erzähle ich die Geschichte Manfred Maahs, meinem persönlichen Coach. Er war auch da, er stand da, wo ich am Anfang stand, wo ich immer stehe, eigentlich. Dann mussten wir da weg, es zog, die Dame hatte das so bestimmt.

Man soll eben keine Frauen mit zum Sport nehmen.


Autor: Henryk Goldberg

Text erschienen in TA, 24.07.2010

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