Günter Grass (*16.10.1927)

Das Rufen der Unke

Der Mann der literarischen Welt, der heute Geburtstag hat, ist einer der streitversessensten und Streit stiftendsten Literaten der Gegenwart. Die Jahrzehnte währende Polemik gegen Günter Grass hat literarische, politische und moralische Gründe, und nicht alle sind falsch. Aber vor allem anderen sind vor diesem Solitär die Fahnen zu senken mit Respekt.

Warum verdammt, fragt der Erzähler der Unkenrufe (1992) bin ich mitgegangen? Was zwingt mich, ihm nachzurennen? Und was habe ich auf Friedhöfen oder in der Hundegasse zu suchen?

Dass ist, kein Zweifel, die Liebe zu seiner Stadt Danzig, die ihn nicht entlässt ins unbefangen Deutsche, die ihm Stachel im Herzen ist und dessen Sehnsuchtsort zugleich. Dieser Stadt verdankt der Sohn einer katholischen Mutter und eines protestantischen Vaters  von diesem mag er Spuren des Lutherischen Trotzes ererbt haben, von jener solche der barocken Sinnenlust, dieser Stadt also verdankt er seinen Grundimpuls. Und die Welt verdankt dieser Beziehung  unter anderem, aber dies hauptsächlich, Die Blechtrommel (1959). Die ist, was bleiben wird von Grass, was ihn 40 Jahre später doch noch, endlich, den von ihm und Deutschland ersehnten Nobelpreis erwarb. Nicht, weil dieses Buch glänzend geschrieben wäre, natürlich ist es das; vielmehr, weil hier ein persönliches Empfinden, der Verlust von Heimat und, vor allem, der Verlust des unschuldigen Blickes auf Deutschland, auf den Strom der Zeit trifft. Und sich ihn beharrlich in den Weg stellt auch: 1959, das ist Adenauer-Zeit, das ist Restaurations-Zeit, Verdrängungs-Zeit. Und was dieser Oskar zu erzählen weiß, das verstört, indem es erinnert. Oskar Matzerath hat zwei Väter. Der richtige ist ein Deutscher, der eigentliche ein Pole und die Mutter ist beiden gut. Der polnische Vater wird fallen bei der Verteidigung der Danziger Hauptpost gegen die Deutschen, der Deutsche wird erschossen von einem sowjetischen Soldaten, als dieser sich am Abzeichen der NSDAP sticht. Und Oskar, der nicht wachsen will, weil sich diese Welt von unten besser beobachten und ignorieren lässt, weil er sich die Unschuld bewahren will, Oskar zertrommelt den Leuten das schützende Glas und zwingt sie, zu hören.

Das Rufen der Unken, erzählt Günter Grass  auch aus Danzig, doch viel später, da darf man schon, in einer schönen Liebesgeschichte, von Versöhnung wenigstens träumen, ehe sie scheitert an der Dynamik des Kapitals, das Rufen der Unken also klänge wie eine angeschlagene Glocke aus Glas. Ursprünglich, erzählt er weiter von der Unke, stünde sie für Weisheit, erst später, bedrängt vom immer schlimmeren Gang der Zeitläufe wird sie als Künderin des Unheils gedeutet. Und es ist, als beschriebe der Schriftsteller, der Unkenrufer, sich und seine Selbstwahrnehmung: Es ist der immer schlimmere Gang der Zeitläufe, der Weisheit, Hellsichtigkeit nur noch Unheil künden lässt: Kassandra sein oder dumm sein. Und die gläserne Glocke hallt weit über Land, hell und empfindlich. Wie der, der sie läutet. Kein deutscher Autor hat sich, nach Heinrich Böll, so eingebracht als Mahner, als Hüter einer Moral, keiner hat diesen Lutherischen Zorn und Trotz so als einen Wert an sich erscheinen lassen; keiner hat das Bild des Citoyen so befördert. Und keiner, keiner ist durch eine Winzigkeit so tief beschädigt wurden wie Günter Grass. Und niemand war so hilflos wie er. Es ist nicht die Tatsache, dass er einige Wochen in der SS war, zu der er gezogen wurde, 17 Jahre alt, das konnte es nie sein für vernünftig denkende Menschen. Es ist das Verschweigen und die Art, in der er es dann doch offenbarte. Er hat sein Geständnis in der FAZ inszeniert, oder es doch inszenieren lassen, wie große Oper. Der Schmerzensmann, der sich mit großer Geste auf den Markt begibt  um unterm Kreuz zu plaudern. Hinzu kam der unappetitliche Eindruck einer gigantischen Werbekampagne für die Autobiografie Beim Häuten der Zwiebel (2006). Nicht des Geldes wegen, das hat er nicht mehr nötig: Nötig hat er den Platz in der Mitte.

Diese Fußnote SS, mehr wird nicht bleiben davon, verschlägt dem Werk nicht das Geringste und nichts der Ernsthaftigkeit jeder Rede, jedes Wahlkampfes, jedes Appells. Doch man bleibt als moralische Instanz, als mahnendes Gewissen nicht unbeschädigt, wenn man, als Moral einfordernder öffentlicher Mensch, der Öffentlichkeit etwas verschweigt in der Befürchtung, der Ruf könne Schaden nehmen. Das ist ein taktisches, ein Wahrheit dosierendes, also: ein menschliches Verhalten. Ein großes, ein über alle Zweifel erhabenes Verhalten ist es nicht. Und weil Günter Grass das wohl weiß, wirkte er so hilflos, so verletzlich. Es war traurig, ihm dabei zuzusehen.
Auch, weil die Figur des moralischen Mahners ohnehin schon als belächelnswert gilt, was nicht verwundern darf, da Moral als öffentliche Haltung im gleichen Rufe steht. Die teilweise Demontage des hauptsächlichen
Trägers dieser Haltung war objektiv angemessen und keine Hetzjagd der Medien, wie der Betroffene gerne unterstellte,  dennoch war sie ein trauriger Vorgang.

Die trutzigen Polemiken von Günter Grass sind nicht immer von Sachlichkeit getragen, sie sind verbissen und verknurrt, wie im Fall der deutschen Einheit. Und wenn sie im Schreiben Dominanz gewinnen, Ein weites Feld, dann ist das nicht gut für das Geschriebene, dann kommt ihm die Souveränität des Erzählens abhanden, diese, in ihren besten Momenten Erdensinnlichkeit der Sprache, der sich gern eine fein ziselierte Ironie beimischt  wenn sie nicht am Poltern ist.

Dir hat es schon immer Spaß gemacht, schreibt einer dem fiktiven Erzähler der Unkenrufe, tatsächlicher als alle Tatsachen zu sein. Genau das istLiteratur, und genau deshalb wird man den Autor der Blechtrommel noch kennen, wenn die Frage, wann er wo auf welche Pauke haute, nicht mehr Teil der medialen Konzerte ist. Der selbstbewusste Günter Grass weiß, warum er solche Sätze an sich schreibt: und er hat ja alles Recht der Welt dazu.

Text: Henryk Goldberg

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