Klaus Kinski (*18.10.1926)

Klaus Kinski, Cannes Film Festival 1988, (Georges Biard)

Die Filter vor der Seele

Als Mensch war er, wie er gesagt hätte, wohl ein Arsch. Als Schauspieler war er, wie er gesagt hat, ein Genie. Und die Frage, wie das zusammengeht, ist die Frage nach dem, was einen großen Schauspieler macht. Woody Allen hat die Neurosen gespielt, Klaus Kinski hat sie gelebt. Es mag eine Art von mildem Schicksal darin gewaltet haben, dass Kinski kurze Zeit nach seinem 65. Geburtstag, am 23. November 1991, starb, in einem Alter, da das ungezügelte Toben jenen schmalen Grat nicht mehr hätte behaupten können, auf dem es taumelte: Jenen zwischen Selbstbehauptung und Selbstparodie, zwischen Genie und Wahnsinn.

Es ist das auch die Grenze, auf der Klaus Kinski seine Rollen balancierte. Da spielt häufig ein Manierismus mit, der nicht frei ist von Albernheit doch er wird stets verdrängt von einer Atem verschlagenden Kraft, einer unabweisbaren Magie, die eine aggressive Präsenz erzwingt. Man muss dieses Gesicht nicht lieben, über dem das hilflose Wimmern eines Kindes so flimmert wie die pathologische Brutalität eines Massenmörders, vielleicht kann man es auch gar nicht lieben. Aber man kann es auch nicht übersehen. Dieses Gesicht stiftet keine Liebe, wohl aber Erinnerung.

Er hat Theater gespielt, große Tourneen mit Villon, den muss er gesehen haben als seine eigene Spiegelung, mit Lesungen des Neuen Testamentes. Es waren, den Berichten nach, Provokationen und große Ereignisse, er empfand sich wohl früh als eine Art von Messias, für den die abgestumpfte Gemeinde nicht bereit ist. Vielleicht, dass da seine Verachtung entstand für Kunst und Publikum: In der Gewissheit, es sei dem Pack doch alles unbegreiflich, was seine schöne Seele schindet.  Kaum einer hat mit mehr bekennendem Zynismus lauter nach Scheckbüchern  gefragt als nach Drehbüchern, kaum einer hat mehr gespottet über die geschenkte Gottesgabe, kaum einer hat sich so hohnlachend verschwendet. So hat er seine bleichen, kranken Verbrecher gespielt in den deutschen Wallace-Filmen. Damit wurde er, in der Biederkeit jener späten Nachkriegsjahre, unangestrengt auffällig. Was damals in der Typologie dieser Reihe gewirkt haben mag wie ein gleichrangiger Supporting Act neben Eddy Arendt, das ist 40 Jahre später das einzige Gesicht dieser Filme, in das sich schauen lässt ohne Ironie. Es ist das einzige Gesicht, über dem ein Geheimnis flackert und die Zeit und ihr Geist vermochten diesem Gesicht nichts zu nehmen von seiner Faszination.

So, mit dieser Verschwendung seiner selbst, spielt er ab 1964 die Italo-Western, die dunklen Killer, so hat er Angebote von Fellini und Rosselini ausgeschlagen, denn denen wäre er ihr Stoff gewesen und er konnte nur sein eigener sein. Kein Ehrgeiz, nirgends?

Fünfmal ist er mit Werner Herzog gegangen. Er hat ihn beschimpft und beleidigt, aber er hat mit ihm gearbeitet, immer wieder. Und der Grund muss eine Sehnsucht gewesen sein, eine Sehnsucht unter all dem Zynismus: Die nach Vollendung, die, einmal doch bei sich und seinen Möglichkeiten anzukommen. Aguirre, der Zorn Gottes, Nosferatu, Woyzeck, Fitzcarraldo, Cobra Vedre. Hier, in diesen explodierenden Seelen, in diesen Urschreien, in diesen zerissenen Existenzen, die sich selbst auffressen und ausspeien, da war er bei seiner Vorstellung von sich selbst.

Einer wie Kinski benötigte den Ruhm am Ende doch: um seinen Welt-Ekel hörbar auszukotzen, auch ein therapeuthischer Vorgang. Sein Traum vom Leben hieß wohl Baal und es ist kaum etwas überliefert von diesem Exzentriker, das ihn zum liebenswerten Menschen machte. Doch er war mit einem Gesicht begnadet, das leuchtete so seltsam nackt. Und, das macht den großen Schauspieler, wie etwas Ähnliches auch den großen Dichter macht: dieses Gesicht kannte ein Geheimnis, von dem der, dem es gehörte, nicht viel mehr wußte als jeder andere. Vielleicht, dass dieses Gesicht ein wenig langweiliger gewesen wäre, wäre sein Besitzer ein wenig normaler gewesen. Das zeigte, dass Schauspielerei, wo sie ans Existenzielle reicht, von sehr tief innen kommt. Nur, dass Klaus Kinski wohl die Filter vor der Seele fehlten, die andere vor sich selber schützen.

Text: Henryk Goldberg

Klaus Kinski starb am 23. November 1991

Teaser: © Hans Georg Pfannmüller, 1975


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