Der Gaukler auf dem Seil

Der schwere Mann setzt Fuß um Fuß. Tastend, als prüfe er, ob der Hanf ihn trage. Leichtfüßig, als könne er dem Seil sein Gewicht verschweigen. Und das nackte, schutzlose Gesicht des Mannes schreit schweigend seine Angst über der gleichgültigen Tiefe. Der Gaukler auf dem Seil ist allein.

Rolf Hoppe in dem, zu Recht, vergessenen DEFA-Film „Jörg Ratgeb, Maler“. Manchmal überdauert ein Kunstwerk im Bewusstsein des Betrachters nur um eines Striches willen, eines Wortes, das sich einlagert in der Erinnerung. Oder ein Gesicht.

Es muss dieses Gesicht sein. Das Gesicht des Schauspielers Rolf Hoppe ist von dieser einprägsamen Erinnerlichkeit. Dieses Gesicht, auf dem sanftes Glück sich so ausprägen kann wie diabolische Brutalität. Dieses Lächeln, immer wieder irritierend durch die irrlichternde Frage, ob es einen Schmerz anzeige oder eine Lust. Einen lustvollen Schmerz, eine schmerzvolle Lust. Und vermutlich begründet die Unmöglichkeit, diese Frage schlussendlich zu beantworten, die Faszination, die dieser Schauspieler verströmt.

Der Mann, der die Schauspielerei einst am Konservatorium in Erfurt erlernen wollte und nach einem Stimmschaden die Reiterei und die Seilläuferei einübte hat in der Tat etwas von einem Gaukler, und Seillaufen kann er wirklich. Wenn man mit ihm spricht, dann lacht er manchmal dieses merkwürdige Lachen, tief aus dem Bauch heraus und du weißt nie, ob es noch ein Kunststückchen ist oder schon ein Stück von ihm.

Das weiß man nie, die Trennlinie, die da läuft zwischen dem Gaukler und seiner Rolle ist unscharf, immer, das ist der Beruf, wenn er ernsthaft betrieben wird. Das Balancieren auf dieser Linie ist der eigentliche Drahtseilakt der Gaukler, aller, aller wirklichen.

Der Film zu diesem Thema hat ihn aus der Provinz DDR in den Weltruhm gehoben. Istvan Szabo ließ fragen, ob Herr Hoppe, den Marschall spielen wolle. Aber Herr Hoppe wollte eigentlich nicht, Herr Hoppe wollte eigentlich Urlaub machen. Er fuhr dann doch zum Dreh und bestand mit diesem aasigen Lächeln, mit dieser Leutseligkeit, die frieren macht neben dem „Mephisto“ Brandauer. Als er wieder aufwachte, war er ein weltbekannter Mann. Mit Wohnsitz in Dresden, DDR. Und der Absicht, diesen beizubehalten. „Ich bin eine Pfahlwurzel, die verpflanzt man nicht“ hat er einmal gesagt und dazu leise gelächelt, mit einem Anflug von freundlich-resignierter Melancholie.

Denn der Satz begründet den Verzicht auf die Weltkarriere. Sicher, er hatte Angebote und er konnte sie wahrnehmen, Film in China, Theater in Salzburg. Aber man macht keine Weltkarriere, keine wirkliche, mit festem Wohnsitz in der Deutschen Demokratischen Republik, wenn man kein Musiker ist und kein Sänger, kein Tenor oder Trompeter. „Ich war eigentlich immer ein Bauer“ sagte der Bäckersohn, „und der Bauer kriegt die Füße nicht von seiner Scholle“. Seine Scholle hieß Dresden und so heißt sie noch. Ich habe dort vor 30 Jahren, einen „Nathan“ gesehen, von dem weiß ich nur noch das Gesicht des Klosterbruders, es war Rolf Hoppe.

„Am Ende“ sagte er, „ist es an meinem Leben gescheitert.“, und meint die Weltkarriere. Das unterscheidet ihn von Nationalpreisträgern, die ihre Orden der DDR vor die Füße warfen als sie tot war. Das Publikum hat ein Gespür für diese Ehrlichkeit des Gauklers, der oben auf dem Seil steht. Und freut sich, dass der Mann nicht stürzt.


Text: Henryk Goldberg