Zum Tod von Jürgen Gosch

Der Überforderer

Als der Tumor im Rückenmark sich zu einem Buckel von quasimodohafter Monstrosität aufgebläht hatte, er zu ersticken drohte, fragte ich ihn, ob er sich vorm Tod fürchtet. Er überlegte lange und lächelte: „Nicht mehr, als vor jeder Premiere“. Ansonsten vermieden wir es, über seine tödliche Krankheit zu reden, taten so, als plage ihn eine vorübergehende Schwäche und arbeiteten an der Fertigstellung seines einzigen Spielfilms, der 1982 von der DDR-Zensur vorzeitig beendet und vernichtet wurde. Ein Rohschnitt überlebte durch Zufall das Autodafé dieses mit 50.000 DDR-Mark an der HFF gedrehten Films mit dem bezeichnenden Titel ‚Das Experiment’. „Ich wusste, dass die Sache auch scheitern kann. Es war das Kalkül all meiner Arbeit“ (J.G.). Schon während des Drehs arbeitete Gosch im Westen, weil er als Regisseur an der Berliner Volksbühne nach seiner kongenialen, aber nicht (wie das bürgerliche Feuilleton gern behauptet), nach der Premiere verbotenen, sondern eine Spielzeit ausverkauften Inszenierung von Büchners ‚Leonce und Lena’ bezahlt, aber nicht beschäftigt wurde. Alles Weitere ist bekannt, wurde in den letzten Tagen wortreich nachgerufen, am lautesten von jenen, die den auch im Westen lange ungeliebten Theatermann als ‚Zuchtmeister’ und ‚plebejischen Puritaner’ beschimpften. Die maßlose Lobhudelei des im Augenblick seines Triumphes über die Kritiker von der Bühne des Lebens abgetretenen, sagt viel über den Zustand des Theaters aus und wenig über das Besondere des Menschen hinter seiner so bewunderten Kunst. Ich kannte ihn nur die letzten zehn Monate und es gab nichts Privates zwischen uns, nur offene Türen der Verbindlichkeit. Als ich ihn für eine Dokumentation der DEFA-Stiftung über seinen Film ‚Das Experiment’ befragte, war der als Medienhasser Verrufene ziemlich redselig. Ich vermute, als Folge von Chemotherapie und Trevilor, gab Gosch über sich Auskunft, obwohl er betonte, dass Vergangenes ihn sowenig interessiert wie Tagespolitik und Zeitgeist. Er lebe nur im Augenblick für den unwiderbringlichen Moment, wenn der Vorhang hochgeht und mag es, dass nichts davon bleibt. Bei einer Pressekonferenz zu seinem blutigen ‚Macbeth’ (2006) verwahrte sich der stille Mann energisch gegen jeden Bezug zum Irak-Krieg. Ihn interessiere nur der Shakespeare-Text und was entfesselte Macht mit den von Macht Gefesselten treibt. Nicht weniger gleichgültig oder gereizt, reagierte der in Cottbus geborene ursprüngliche Schauspieler auf die Frage, ob er sich im Westen als Ostler fühle. Der Psychologe Paul Watzlawick schrieb, dass, wenn man die Wahl zwischen zwei gegensätzlichen Möglichkeiten hat und beide für unakzeptabel erachtet, immer noch die dritte bleibt – eine Position außerhalb des Paradoxen. Watzlawick vergleicht das Dilemma der Rückbezüglichkeit unseres dualistischen Denkens mit Münchhausens Zopf. Gosch war einer jener selten Menschen, die noch versuchen, sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf der vorherrschenden Meinungen zu ziehen. Für ihn war schon als DDR-Schauspieler die Katastrophe der Kunst gegenüber dem Leben längst passiert, alles nur mehr oder weniger bewusste Überlebende. Er hielt Berufsmimen für Kindsköpfe, fühlte sich ihnen aber verbunden und hat Kinder mit drei Schauspielerinnen. Wie hätte er auch anderswo fremdgehen können, wo er doch nur im Theater lebte, die Kantine aber mied und alles Öffentliche. Wie ein Gutsherr lebte er nur für seinen Hof (die Bühne), und engagierte als Gutsverwalter (Ausstatter) und Bauern (Darsteller). Leute, die ihm bedingungslos in den Sumpf der gefühligen Seelenzustände folgten, um ihn trockenzulegen. Es interessierte ihn die Syntax des Dramentextes und der Moment der Wahrhaftigkeit auf dem Theater, wenn die Darsteller nicht mehr Rollen spielen, sondern in ihnen agieren. Privat war Gosch weder witzig noch tiefschürfend, sondern höflich-nachsichtig wenn man Blödsinn redete oder jammerte. Bei ihm Zuhause musste man mitessen, wenn pünktlich aufgetischt wurde, aber den Mund halten. Wer berlinerte oder sonstwie quasselte, wie ihm der Schnabel gewachsen war, erntete betretenes Schweigen. Gosch hasste in seiner Umgebung Vulgarität, Lautstärke und Hektik. Im Geiste war er wohl weder Kommunist noch Demokrat, sondern Monarchist. Ein English Nobleman in einem Land, wo man das Theater mit einer Anstalt zur politisch-moralischen Erbauung verwechselt. Ein Fremder unter Fremden wie Hyperion unter Deutschen. Sein Herz schlug im 24-Stunden-Takt eines Landarztes bei Flaubert oder Tschechow. Deshalb erlaubte er sich nie, krank zu sein und duldete auf der Bühne keine Schonung wegen Unpässlichkeit. Mit dem Krebs konnte er nur noch eingeschränkt arbeiten und das war die größte Katastrophe. Er wusste, dass sein Tod eine Inszenierung ist, bei der er nicht Regie führen kann, wieder Darsteller sein muss – ein Idiot, der spielen muss, bis das Schweigen des Körpers die Sprache auslöscht. Die Lücke, die er hinterlässt, kann nicht gefüllt werden, weil das Aristokratische im subventionierten Staatstheater ein Anachronismus ist wie Baron Münchhausen bei der UFA.

Text: Thomas Knauf

Theaterregisseur Jürgen Gosch starb am 11. Juni 2009 in Berlin

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