KINDERSTUNDE IN DER FAZ, ODER: WARUM WIR DIE N-WÖRTER LIEBER ERSAUFEN LASSEN.

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In der FAZ gibt es eine Kolumne names “Wie erkläre ich’s meinem Kind?” Dort erhalten die klugen  Köpfe, die hinter diesem Blatt stecken sollen, Hilfestellung darin, dem Kinde zu erklären, warum so viele Menschen im Mittelmeer auf dem Weg nach Europa sterben? Weil es “sehr teuer” ist, sie zu retten. Ganz einfach. Und das liebe Kind bekommt auch die Zahlen genannt: drei Millionen Euro soll es die EU sich pro Monat kosten lassen, Menschen vor dem Ertrinken zu retten.

Hier könnte man einen kindischen Vergleich anstellen. Die Kriege, die wir zusammen mit unseren amerikanischen Freunde im mittleren Osten seit über einem Jahrzehnt führen, haben, je nach Einschätzung, etwas mehr oder weniger als 5 Billionen Euro gekostet. Damit könnte man mehr als 100.000 Jahre lang Menschen im Mittelmeer – nach EU-Rechnung – vor dem Ertrinken retten. Dieser Vergleich führt natürlich zu der kindlichen Frage, warum man Kriege führt, wenn man mit dem Geld doch auch Menschen helfen könnte – wo doch darüber hinaus ohne diese Kriege noch viel weniger Menschen aus ihrer Heimat flüchten müssten. Tja, so Fragen würden Kinder stellen. Die FAZ aber lässt solche Kindereien in ihrer schwachsinnigen Kolumne lieber aus.

Dass es überhaupt eine solche Kolumne gibt, ist allerdings ein Zeichen der Zeit. Anscheinend sind selbstoptimierende Helikoptereltern heute derart unfähig einem Kind die Welt zu erklären, dass die Tageszeitung ihnen als Ersatz dämliche Texte liefern muss, die die Kleinen dann wohl beim Frühstück vorgelesen bekommen sollen (am besten noch per Sprachausgabe auf dem Tablett unter dem Kopfhörer). Aber vermutlich wird niemand jemals einem Kind diese Texte zu lesen geben. Erwachsene haben für sowas keine Zeit, Kinder lesen oder hören sowas nicht freiwillig. Die einzige Schlussfolgerung ist daher, dass diese Kolumne in der FAZ zeigt, dass Erwachsene heute in einen Zustand derartiger Verblödung übergehen, dass sie sich jegliche Problematik nur noch in einer infantilen Sprache erzählen, die sie selbst für kindgerecht halten, die aber tatsächlich die totale Realitätsverweigerung anzeigt.

Damit das nicht in die nächsten Generationen vererbt wird, muss man den lieben Kleinen reinen Wein einschenken. Man muss ihnen was über Geschichte erzählen. Über Menschenrechte, Bildung, was das alles kostet und dass man vor lauter Krieg und Massenmord und Totschlag eben keine Bildung bekommt, bei den armen N-Wörtern in Afrika, und dass sie deshalb auch keine Menschenrechte haben, weil die nämlich nur bekommt, wer Bildung hat, die man nur kriegt, wenn man das Geld dafür hat, das man aber lieber für den Krieg ausgibt.

Aber der Reihe nach. Menschenrechte, liebe Kinder, wurden sozusagen in Europa erfunden, vor ein paar hundert Jahren, in der Aufklärung, und unsere amerikanischen Freunde die haben das dann mit den Menschenrechten tatsächlich als Erste in Echtzeit ausprobiert. Die haben eine Verfassung geschrieben in der steht, dass alle Menschen gleich geschaffen sind und dass die alle das Recht auf Leben, Freiheit und Glück haben. Das Problem dabei, nicht alle Menschen damals waren Menschen. Komisch, nicht? Stimmt aber.

Die Menschen damals, das waren reiche, weisse, christliche Männer, weil die gescheit genug waren, diese schönen Rechte zu wahren. Wenn man nämlich zu doof ist und vielleicht nicht mal richtig schreiben und lesen kann, dann kann man ja diese Rechte gar nicht verstehen und macht vielleicht aus Versehen was Falsches mit ihnen oder man macht sie gleich ganz kaputt. Deswegen musste man sie vor den Armen, Frauen, N-Wörtern und den Indianern schützen. Die waren deswegen keine Menschen, sondern Arme, Frauen, N-Wörter und Indianer.

Jetzt wirst du aber fragen, was das damit zu tun hat, das heute im schönen Mittelmeer, nicht weit vom Ballermann, so viele N-Wörter ertrinken? Nun das ist ganz einfach. Unsere amerikanischen Freunde haben damals ganz viele N-Wörter aus Afrika importiert, weil die Indianer zu faul zum arbeiten waren und überhaupt dauernd Probleme machten, weshalb man alle einfach umgebracht hat. Das war die Zeit in der die netten, weißen, menschenrechtlichen Christenmänner begannen Afrika auszuplündern und die N-Wörter waren nichts als pure Arbeitskraft die man da billig bekam weil die waren ja alle so doof, dass sie sowieso keine Menschen waren, und da konnte man sie einfach kaufen, in so kleine Segelschiffe stecken, ganz eng zusammen, wie bei den armen Chlorhühnchen in der Legebatterie, ohne Klo und Essen und W-Lan, und dann hat man sie zu unseren amerikanischen Freunden geschippert. Natürlich sind da viele bei kaputt gegangen unterwegs, wie in den Legebatterien, das nennt man Transportverluste, kann man in den Preis aber gleich einkalkulieren und dann neue kaufen.

Also da waren die N-Wörter schon mal echt angeschissen. Und dann haben die die ganze Zeit für nix bei unseren Freunden drüben in den United States knechten müssen. Jedenfalls als unsere amerikanischen Freunde so ein tolles Geschäft gemacht haben mit der Arbeitskraft aus Afrika, da haben die Europäer gedacht, dass sie da auch mal ein bisschen dran verdienen wollen. Dazu wurde die Kongokonferenz einberufen. Vor so etwa hundertfünfzig Jahren. Bei der haben sie Afrika unter sich aufgeteilt wie einen schönen fetten Kuchen. In der Folge hat man erst recht angefangen die Heimat der N-Wörter zu plündern und natürlich wurde auch ordentlich gemordet, von den Christen. Die Belgier haben’s ganz arg getrieben. Die haben den N-Wörtern einfach Hände und Füsse abgehackt, wenn die Abends nicht genug Kautschuk angeschleppt hatten. Echt gruselig, nicht wahr? Stimmt aber. Weil das ein paar Blödmänner an die grosse Glocke gehängt haben, mit fiesen Fotos von verstümmelten N-Wörtern, haben die anderen gesagt, das geht so nicht. Die haben dem Leopold II gesagt, dem König von Belgien, lass das mal mit dem Abhacken. Geld machen kannst du auch so. Das hat er dann auch verstanden. Und man hat dann sehr darauf geachtet, dass man beim Morden nicht mehr so viel fotografiert wird. Ist heute noch so.

Später dann, viel später, war das mit dem Morden und Ausbeuten allmählich vorbei. Man hat die N-Wörter in die Unabhängigkeit entlassen, so nannte man das – “entlassen” – und hat gesagt, nun seid ihr frei, nun macht mal schön was draus. Nur war halt Afrika jetzt echt am Arsch. Die war’n immer noch so doof wie vorher, weil die sind ja alle nicht auf’s Gymnasium gegangen und die hatten keine Ahnung wie Politik geht und wie das früher ging hatte man vergessen, weil die weißen Christenmänner das unwichtig fanden. Für die zählte die Kohle, genauso wie heute, wie man in der FAZ lesen kann, und deswegen ist Afrika nun vielerorts eine Wüste in der jeder jeden umbringt und wo man natürlich weg will, wenn man ein bisschen Verstand übrig hat.

Wobei man wissen muss, unsere Vorfahren, das sind unsere Väter und Großväter. Noch vor gut fünfzig Jahren hat man in Frankreich, im Land der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, eine Menge aufmuckender N-Wörter mitten in Paris umgebracht und die Leichen einfach in die Seine geschmissen. Das war Teil der “Französischen Doktrin”. Die bedeutete geheim ausgeführte Verhaftung, systematische Folter und illegale Tötung von verdächtigen Personen. Falls euch das bekannt vorkommt, richtig, unsere amerikanischen Freunde machen das heute noch so. Also eigentlich hat sich nichts geändert, oder? Das Problem ist immer noch, nicht alle Menschen sind Menschen. Komisch, nicht? Stimmt aber.

Und weil sich nichts geändert hat, will man auch heute die N-Wörter nicht als Menschen haben. Nachdem man sie jahrhundertelang ausgeplündert hat, will man mit den Resten nichts zu tun haben. Und das ist ein derartig beschissenes Riesenproblem, dass die dämliche alte Tante FAZ lieber gar nicht erst anfängt damit in ihrer infantilen Kolumne.

Wenn ihr aber wissen tatsächlich wollt, liebe Kinder, warum so viele N-Wörter im Mittelmeer ertrinken, dann ist die Antwort ganz einfach: Menschenrechte sind zwar universell aber immer nur für uns – nicht für die – deshalb können wir Afrika plündern, die Menschen dort wie Scheisse behandeln, ihnen die Meere leer fischen, unseren Müll rüber schippern, ihnen die Rohstoffe raus saugen und ihnen besten Falls ein paar Dosen Gammelfleisch als milde Gabe senden. Natürlich haben die Leute keine Lust in solchen Zuständen zu leben. Keine Wunder also, dass sie weg wollen. Weil man sie bei uns aber nicht brauchen kann, weil sie ja nichts können, weil sie ja nichts lernen konnten, weil wir sie plündern, lässt man sie mit ihren Problemen allein und da das Mittelmeer kein Badesee ist, kommt man leicht darin um, wenn man in überfüllten, morschen Kuttern versucht trotzdem rüber zu kommen.

Matthias Steingass

Bild: Satellite caption of the Mediterranean Sea. Screenshot from NASA World Wind (retouched), Author Eric Gaba (Sting)

Text zuerst erschienen auf non

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