Tansania (Teil 1 lesen)

Der Minibus Dalla-Dalla nach Iringa wartet.

Der Minibus Dalla-Dalla nach Iringa wartet.

Donnerstag, 21. August 2008

Iringa

Es regnet. Das Hochland im südlichen Tansania macht seinem Ruf alle Ehre. 25.000 Millimeter Niederschlag fallen hier jedes Jahr pro Quadratmeter. Die graue feuchte Luft, die alle Klamotten an meinen Körper presst, macht den Abschied von Tukuyu umso leichter.

Ich setze ab heute nur noch auf die größten und wichtigsten Städte Tansanias: Iringa, die Hauptstadt Dodomo und den Regierungssitz Dar es Salaam. Dort werde ich, anders als in einem Kaff wie Tukuyu hoffentlich nicht mehr so stark als weißer Fremdkörper auffallen, den es zu bequasseln und anzubetteln gilt.
Busfahrten von insgesamt mehr als 1000 Kilometern liegen in den kommenden Tagen vor mir. Zunächst für 3000 Schilling mit dem Minibus ins 50 Kilometer entfernte Mbeya, auf dessen Busbahnhof der größere Bus Richtung Iringa steht. Der Fahrpreis: 14.000 Schilling. Abfahrt: Sofort. Doch leider hält der Bus bereits nach 15 Minuten, um eine geschlagene Stunde lang auf weitere Passagiere zu warten. Meine Hoffnung, am frühen Vormittag in Iringa einzutreffen, schwindet. Zu Recht. Weil wir unterwegs auch noch in Makumbako und Mafinga lange Wartezeiten einlegen, endet die Fahrt erst gegen 17 Uhr in Iringa. Das Zentrum der Handelsstadt thront auf einem Berg, viele Häuser der 113.000 Einwohner sind an die steilen Hänge gebaut.

Die Handelsstadt Iringa schmiegt sich an Berghänge und hat 133.000 Einwohner.

Die Handelsstadt Iringa schmiegt sich an Berghänge und hat 133.000 Einwohner.

Der Name der Stadt ist abgeleitet von dem Wort „lilinga“ aus der Sprache der Hehe. Übersetzt heißt das so viel wie Festung. In den 1890er Jahren standen das Hauptquartier und die Festung von Chief Mkwawa, der gegen die deutsche Kolonialmacht kämpfte, in der Nähe dieser Stadt im Dorf Kalenga.

Um die Stadt zu besichtigen, bleibt heute keine Zeit mehr. Erst einmal brauche ich eine Unterkunft. Ein Hotel neben dem Busbahnhof sieht einladend und nicht zu teuer aus. Der Preis von 35.000 Schilling, rund 21 Euro, ist selbst für tansanische Verhältnisse recht hoch. Mit Kreditkarte kann ich nicht zahlen, aber das Bargeld für eine Nacht kriege ich gerade noch zusammen. Ich fülle den Anmeldebogen aus, der Mann an der Rezeption trägt weitere Daten in das Formular ein. Darunter den Preis von 45.000 Schilling. Hat er nicht gerade 35.000 gesagt? „Ja, aber die Räume für 35.000 Schilling sind alle belegt.“ Ich schnappe meinen Koffer und gehe aus Protest.

Das schmucke Gerichtsgebäude zeugt von der deutschen Kolonialvergangenheit Iringas.

Das schmucke Gerichtsgebäude zeugt von der deutschen Kolonialvergangenheit Iringas.

Mehrere Hundert Meter die Straße hinauf wirbt die Staff Inn Annex Lodge mit Gästezimmern, die allesamt nach Städten und Ländern benannt sind: Senegal, Moscow oder Roma. Ich nehme das schlichte Roma für 20.000 Schilling. Meine Geldreserven schwinden dahin, auch an Fremdwährungen habe ich nur noch 60 Euro und 85 US-Dollar in der Tasche. Das heißt: Ich brauche dringend einen Geldautomaten. Fünf Stück probiere ich aus, doch alle akzeptieren weder meine EC-Karte noch meine Mastercard. Nur Visa. Dann finde ich doch einen Geldautomaten, der alle internationalen Kreditkarten akzeptiert. So steht es auf einem handgeschriebenen Zettel über dem Monitor. Doch auf dem Bildschirm herrscht gähnende, blaue Leere, unterbrochen durch eine digitale Eieruhr, die auf schwere Computerprobleme schließen lässt. Da stecke ich meine Karte ganz bestimmt nicht rein.

Auch die Computer im Internetcafé laufen nur sehr schleppend. Nach einer Stunde und sehr wenig geschaffter Arbeit gehe ich zurück zur Lodge. Im angeschlossenen Restaurant bestelle ich Reis mit Hähnchenfleisch. Es ist meine erste warme Mahlzeit seit fünf Tagen.

Freitag, 22. August 2008

Iringa

Beim Einchecken in der Annex Staff Inn hat mir gestern niemand gesagt, dass das Frühstück inklusive ist. Jetzt fehlt mir die Zeit, um auf das Essen zu warten. Es sei aber schon alles vorbereitet, sagt der alte Herr am Empfang. Er bittet mich, Platz zu nehmen. Ich bekomme Tee und zwei trockene Scheiben Brot serviert. Ohne alles. Weil aus der Küche Bratdüfte in das kleine Restaurant wehen, frage ich nach, ob noch irgendwas außer Brot zu erwarten sei. Ja. Ich warte. Und warte. Nach einer geschlagenen halben Stunde kommt der Kellner und serviert, einsam auf einem großen Teller rollend, ein hartgekochtes Ei. Realsatire pur.

Autor Michael Scholten sucht in Isimila nach Artefakten aus der Steinzeit.

Autor Michael Scholten sucht in Isimila nach Artefakten aus der Steinzeit.

Bei der Barclays Bank bekomme ich im zweiten Anlauf Geld. Mit meiner EC-Karte kann ich 200.000 Schilling ziehen, was mir endlich die Sorge nimmt, die letzte Reisewoche bargeldlos bewältigen zu müssen. Jetzt kann ich auch wieder in Erwägung ziehen, von Iringa aus eine Safari zu unternehmen. Die Agentur Sifa Tours lockt an ihrer Fassade mit einer zweitägigen Exkursion zum Ruaha Nationalpark. Transport, Lodge, drei Mahlzeiten, Eintrittsgeld, zwei Safaris und Tourguide kosten 105 US-Dollar. Theoretisch. Der günstige Preis gilt nur, wenn sich sechs Leute anmelden. Bislang hat aber erst ein Paar Interesse gezeigt. Mit mir wäre die halbe Gruppenstärke erreicht. Kostenpunkt pro Person: 210 Dollar. Das ist mir zu teuer. Doch wir können verhandeln. Das andere Paar, so erfahre ich von der Agenturangestellten Justina, will diese Tour auf jeden Fall machen. Notfalls auch zu einem deutlich erhöhten Preis. Mein Limit beträgt 130 Dollar, bestehend aus den letzten 65 Dollar, die ich besitze, und 780.000 Schilling, die ich obendrauf zahlen würde. Justina tippt alles in ihre Taschenrechner und sagt zu. Für die Agentur bleibt immer noch genug Gewinn. Denn statt der versprochenen Zimmer werden wir eh auf günstige Zelte ausweichen müssen. Angeblich ist die Lodge ausgebucht.
Ich gehe zurück zu meiner Unterkunft, um das Geld zu holen. Auf dem Flur spricht mich ein junges Paar aus Holland an, das ich vor Tagen schon am Geldautomaten in Tukuyu getroffen habe. Es stellt sich heraus, dass Caroline und Sven eben jenes Paar sind, das dieselbe Safari gebucht hat wie ich. Auf Justinas Bitte hin darf ich den beiden nicht verraten, dass ich 80 Dollar weniger zahle als sie.

In Isimila wurden vor 260.000 Jahren Steinwerkzeuge als Massenware hergestellt.

In Isimila wurden vor 260.000 Jahren Steinwerkzeuge als Massenware hergestellt.

Jetzt ist es Zeit für Sightseeing. Ich will außerhalb von Iringa die Isimila Stone Age Site besuchen. Sie ist für ihre Vielzahl an steinzeitlichen Werkzeugen bekannt. Die Taxifahrt würde 35.000 Schilling kosten, weshalb ich auf den Minibus ausweiche. Ein Dalla-Dalla kostet nur 1500 Schilling. Nach 20 Kilometern gibt mir der Fahrer das Signal zum Aussteigen. Ein blaues Schild inmitten einer kargen Lehmlandschaft, in der außer den Hütten armer Bauern und etwas Mais nichts zu sehen ist, weist den Weg zum Ziel.

Die Erosion schuf im Laufe der Jahrtausende markante Steinsäulen in Isimila.

Die Erosion schuf im Laufe der Jahrtausende markante Steinsäulen in Isimila.

1951 entdeckte ein südafrikanischer Archäologe in Isimila die ersten Steinwerkzeuge, sieben Jahre später begannen Ausgrabungsarbeiten, die bis zu 260.000 Jahre alte Artefakte ans Tageslicht brachten. Die Periode der Altsteinzeit, aus der die schlichten Faustkeile und Hackmesser stammen, nennen Archäologen Acheuléen. Der Name ist abgeleitet vom kleinen französischen Ort St. Acheul, in dem die ersten Funde dieser Art gemacht wurden.

Ich kaufe ein Ticket für 3000 Schilling. Der sehr gut informierte Tourguide Mohammed führt mich durch das Korongo Tal, in dem die starke Erosion der letzten Jahrtausende etliche alte Werkzeuge freigelegt hat. Sie liegen in Massen auf dem Boden. Die hier arbeitenden Archäologen aus Kanada und den USA vermuten, dass die Faustkeile, Messer und Hämmer an diesem Ort fast schon industriell gefertigt wurden. Hersteller waren vermutlich die Hominidenarten Homo habilis, Homo rudolfensis und Homo ergaster.

Foto vom Schädel des Häuptlings Mkwawa, um den Tansania und Deutschland über Jahrzehnte stritten.

Foto vom Schädel des Häuptlings Mkwawa, um den Tansania und Deutschland über Jahrzehnte stritten.

Unsere Tour führt weiter zu bemerkenswerten Steinsäulen, die durch die starke Erosion entstanden sind. Sie erinnern mich an die schroffe Landschaft im bolivianischen Moon Valley bei La Paz. Mohammed führt mich zum neuen Museum, das erst im letzten Jahr eröffnet wurde. Es zeigt weitere Werkzeuge aus der Altsteinzeit, berichtet aber auch über die jüngere Geschichte der Region. Ein Bild zeigt die Fassade eines anderen Museums: Das Kalenga Museum stellt den Schädel des Häuptlings Mkwawa aus. Den gab Deutschland erst 1954 nach langen Verhandlungen an Tansania zurück.

Leutnant Tom von Prince brachte den Häuptlingsschädel unerlaubterweise nach Deutschland.

Leutnant Tom von Prince brachte den Häuptlingsschädel unerlaubterweise nach Deutschland.

Mohammed klärt mich auf: Mkwawa, Häuptling des Stamms der Hehe im damaligen Deutsch-Ostafrika, führte den Aufstand gegen die deutsche Kolonialmacht an. Im Juli 1891 erhielt der deutsche Militärbeauftragte Emil von Zelewski den Befehl, mit einem Bataillon der Schutztruppe die aufständischen Hehe zu attackieren. Doch eine 3000 Mann starke Hehe-Armee überwältigte die Deutschen am 17. August 1891 bei Lugalo und tötete von Zelewski. Am 28. Oktober 1894 griffen deutsche Truppen unter dem neuen Befehlshaber Oberst Freiherr Friedrich von Schele Mkwawas Festung in Kalenga nahe Iringa an. Obwohl es gelang, das Fort zu übernehmen, konnte Mkwawa fliehen. Daraufhin begann er, einen Guerillakrieg zu führen. Er entkam immer wieder den deutschen Besatzern, bis er am 19. Juli 1898 Selbstmord beging, um seinen nahenden Verfolgern nicht in die Hände zu fallen.

Die Deutschen entdeckten die Leiche. Vermutlich war es Leutnant Tom von Prince, der den Schädel nach Deutschland brachte. Im Jahr 1919 wurde durch den Artikel 246 des Vertrags von Versailles beschlossen, den Schädel nach Afrika zurückzusenden. Das geschah aber erst am 9. Juli 1954.

Neugierige Beobachter in Isimila.

Neugierige Beobachter in Isimila.

Ich gehe zurück zur Hauptstraße Richtung Iringa und hoffe, schon bald in einen Minibus einsteigen zu können. Zunächst vergeblich. Ich trotte schon etliche Kilometer durch die Mittagshitze, als mich endlich ein Dalla-Dalla überholt. Zum Glück hält er an. Selten zuvor habe ich mich so sehr über den Anblick eines überladenen Busses gefreut.

Die Markthalle von Iringa stammt noch aus deutscher Kolonialzeit.

Die Markthalle von Iringa stammt noch aus deutscher Kolonialzeit.

Bananentransport in Iringa.

Bananentransport in Iringa.

Die Sehenswürdigkeiten von Iringa sind schnell besichtigt: Es gibt eine alte Markthalle aus der deutschen Kolonialzeit und ein schmuckes Gerichtsgebäude aus derselben Epoche. Zudem empfiehlt mein Reisebuch einen Besuch der Gangilonga („Sprechender Stein“). Das ist ein großer Felsen etwas außerhalb des Stadtzentrums, von dem aus man einen guten Blick auf Iringa haben soll. Auf dem Weg dorthin verwickelt mich eine Gruppe von Schülerinnen in ein Gespräch. Die uniformierten Teenager besuchen die English Medium Primary School und sprechen hervorragend Englisch. Sie fragen, ob es in Deutschland Nationalparks, Krokodile und Nilpferde gibt. Und sie möchten Barbie-Puppen. Wenn ich jemals wieder nach Iringa komme, solle ich ihnen Barbie-Puppen mitbringen. Warum? Weil die toll sind. Man habe sie im Fernsehen gesehen.

Die Teenager der English Medium Primary School überraschen mit perfektem Englisch.

Die Teenager der English Medium Primary School überraschen mit perfektem Englisch.

Die Schülerinnen warnen mich, ich solle beim Aufstieg zur Gangilonga vorsichtig sein. In der einsamen Gegend gebe es viele Gangster mit Waffen. Ich treffe dort oben jedoch keine Menschenseele. Auch die Aussicht auf Iringa ist eher mäßig. So kann ich noch vor Einsetzen der Dunkelheit in die Stadt hinabsteigen und den Tag im Internetcafé ausklingen lassen.

Der Gangilonga will heute nicht sprechen.

Der Gangilonga will heute nicht sprechen.

Tansania Teil 3 lesen…

Michael Scholten 

Der in Kambodscha lebende Reise- und Filmjournalist Michael Scholten (TV Spielfilm, TV Today, ADAC Reisemagazin, Spiegel Online) hat bisher 123 Länder bereist. Über seine längste Reise, die ihn innerhalb von 413 Tagen in 40 Länder führte, ist das 560 Seiten starke Buch “Weltreise – Ein Tagebuch” erschienen. Es umfasst 68 Farbfotos, viele Berichte über Filmlocations in Kambodscha, Sri Lanka, Neuseeland, Panama etc. und ist für 15 Euro unter www.michaelscholten.com zu haben.

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