Mike Powelz: Die Flockenleserin. Ein Hospiz. Zwölf Menschen. Ein Mörder. (Ein Interview)

Anleitung für einen angstfreien Tod

In dem Debütroman des Hamburger Autors Mike Powelz „Die Flockenleserin. Ein Hospiz. Zwölf Menschen. Ein Mörder.” geht es um „Ein wunderschönes Hotel, in dem alle Gäste sterben…“. Doch das ist ein Vorwand. Um ein Thema anzusprechen,  mit dem sich die Menschen sonst eher unwillig beschäftigen: dem Sterben – hat Mike Polenz, der als Chefreporter der Zeitschriften “Hörzu” und “TV Digital” arbeitet, das Genre des Krimis gewählt. Der 41-jährige Autor verarbeitet in seinem ungewöhnlichen Buch ganz persönliche Erfahrungen, die er 2008 machte, als er seinen Vater in einem Münsteraner Hospiz in den Tod begleitete.

Mike Powelz, der Autor des ungewöhnlichen Buches „Die Flockenleserin. Ein Hospiz. Zwölf Menschen. Ein Mörder.“ Bild: © Insa Overlande

 

Im Interview mit Michael Scholten spricht Mike Powelz über die Angst vor dem Tod,
die seit seinen Recherchen gar nicht mehr so groß ist.

Michael Scholten: Was hat Sie dazu veranlasst, einen Kriminalroman im Hospiz spielen zu lassen?

Mike Powelz: Für eine Langzeit-Reportage habe ich ein Jahr im Hamburger Hospiz „Leuchtfeuer“ recherchiert und zwölf sterbende Menschen begleitet: eine Rosenzüchterin, die Gattin eines Politikers, eine Freimaurerin, eine aidskranke Drogensüchtige, eine Obdachlose mit Tochter und viele weitere Menschen. Unsere Gespräche durfte ich aufzeichnen und für meinen Roman verwenden und verfremden. Außerdem erzähle ich vom Sterben meines Vaters, der im Dezember 2008 in einem Münsteraner Hospiz starb.

Was ist Fiktion und was sind Fakten in Ihrem Roman?

Der Kriminalroman ist ein Mix aus Realität und Fiktion. Zwar hat es alle Romanfiguren in der einen oder anderen Form tatsächlich gegeben und ihre Dialoge sind größtenteils echt, aber dass ein Serienmörder im Hospiz umhergeht, habe ich natürlich erfunden.

Warum?

Um die Leser zu ködern, genau, wie es der „Tatort“ macht. Sie sollen sich dem Thema Sterben tabulos nähern. In meinem Krimi schrumpft die Zahl der Gäste wie in Agatha Christies Roman „Zehn kleine Negerlein“. Eine Todkranke will den vermeintlichen Serienmörder entlarven und muss dazu auf die Hilfe des Autors zurückgreifen. Ich selbst tauche als Romanfigur auf, die fast immer am Bett des Vaters sitzt. Gemeinsam mit meiner Mutter.

Wie hat das Schreiben Ihre eigene Einstellung zum Tod beeinflusst?

Am Ende des Romans sterbe ich. Eine alte Dame, die sich trotz ihres Alters von 84 Jahren hinters Steuer klemmt, überfährt mich. Damit möchte ich zeigen, dass alles vergänglich ist. Diese Erfahrung habe ich in Hospizen gemacht: Jeder kann oder muss „gehen“, wenn die Zeit reif ist.

Wer entscheidet über den vermeintlich richtigen Zeitpunkt?

Im Hospiz konnte ich zweimal beobachten, dass es Angehörige „gut meinen“ mit dem Füttern ihrer todkranken Lieben, und jeden Bissen in sie hineinzwingen möchten. Das ist eine echte Qual für Sterbende und verzögert den Sterbeprozess, denn am Ende des Lebens kann sowieso nur noch der Tumor Kalorien verwerten – und wächst weiter. Ohne die durch erzwungene Nahrungszufuhr erhaltene Energie könnten viele Menschen viel sanfter, schneller und einfacher sterben. Das ist nur eines der vielen Beispiele, die ich für „Fallen“ halte. Ich benenne sie, erkläre sie und führe dem Leser vor Augen, wie man es „besser“ machen kann. Insofern ist „Die Flockenleserin“ auch eine heimliche Gebrauchsanleitung für einen besseren, natürlichen und zu 99 Prozent angstfreien Tod.

Die RTL-Korrespondentin Antonia Rados hat das Vorwort zu Ihrem Debütroman geschrieben. Wie kam es zu dieser Schützenhilfe?

Mit Antonia Rados war ich für die RTL-Doku „Feuertod“ in Afghanistan. Gemeinsam haben wir den brutalen Tod einer jungen Frau namens Gololai dokumentiert, die sich selbst mit Benzin übergossen hat, um entstellt zu sein. So wollte sie von ihrem dominanten Ehemann in Ruhe gelassen werden. Das passiert täglich in Afghanistan. Antonia Rados und ich haben nie vergessen, was wir damals erlebt haben. Das wird uns immer verbinden.

Ihr Roman ist zunächst als E-Book erschienen. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Meinen Krimi habe ich gewusst als E-Book publiziert, damit ihn sich viele Menschen für nur 3,98 Euro leisten können. Ich habe ihn keinem Verlag angeboten. Bis heute habe ich 58 Rezensionen bekommen, die zu 99 Prozent positiv sind und mir zeigen, dass ich einen Nerv getroffen habe. Der Großteil der Rezensionen ist sehr lang, außerdem bekomme ich viele persönliche Briefe.

Welcher neue Kontakt hat Sie am meisten berührt?

Der Brief einer Frau, deren Mann im Sterben lag. Sie schrieb mir, dass sie nur aufgrund meines Buches die Kraft hatte, bis zuletzt an der Seite ihres sterbenden Liebsten zu sein – und am Ende zu erkennen, dass der Tod nicht so grausam ist, wie ihn sich das Gros der Gesellschaft vorstellt. Im Gegenteil: Für sie war es eines der unvergesslichsten Erlebnisse. Dafür hat sie mir ausdrücklich gedankt.

 

 

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Ein wunderschönes Hotel, in dem alle Gäste sterben…
So können Sie sich ein Hospiz vorstellen. Waren Sie schon mal in einem? In ein Hospiz kann ein Kranker freiwillig einziehen, wenn die Ärzte ihn nicht mehr heilen können und seine verbleibende Lebenszeit überschaubar ist – aufgrund von tödlich verlaufenden Krankheiten.
Im Grunde ist ein Hospiz tatsächlich ein schönes Hotel – kein bisschen düster. Weiße Ärztekittel? Fehlanzeige. Haustiere? Erlaubt. Feste Besuchszeiten? Nein. Vorzeitig auschecken? Auch das kommt vor…
Doch natürlich gibt es Unterschiede zu normalen Hotels. Schließlich sterben die Gäste im „Hotel Hospiz“. Außerdem sind sie ehrlicher als an jedem anderen Ort. Egal, ob Manager oder Obdachloser, Schwuler oder Neonazi, piekfeine Dame oder Aidskranke: Bei gemeinsamen Mahlzeiten oder Festlichkeiten gestehen die Gäste einander ihre schönen oder schmutzigen Geheimnisse, Lebenslügen und Fehler…

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