Ein Bild der Art Basel 2013

Die mit den raumgreifenden Erweiterungen von Herzog & de Meuron neu gestaltete Messe fügt und drängt sich ins Stadtbild Basels dynamisch herein. Licht und frei, bewährt ,bauhaus-kalifornisch‘ bunt und lebendig im Innenhof, mit kräftigen Bänken zur Rast in den Räumen erscheint sie im Innersten dabei ungezwungen. Die Kühle der geschwungenen Fassade ist mit dem Armuts- und Improvisationscharme des „Favela Café“ von Tadashi Kawamata sozusagen ,gebrochen‘ elegant, was anrührend und falsch wirkt, die Kombination nach lyrischen Materialdeponien auf gefeierten Großausstellungen aber auch eine ,gelöste Stilfrage‘. Ob die durchgelebten Traditions-Gaststätten in der Nachbarschaft der Messe deren glänzende Geschäfte längerfristig überleben, scheint eher fraglich.

Die Prachtentfaltung der Kunst ist hier eine der geschicktesten, weiß sie das Abbilden sozialer Schrecken liebevoll zu vereinnahmen, ohne sich aus der Ruhe ihrer Geschäftlichkeit bringen zu lassen. Mit den in kämpfenden Gremien erfahrener Kunststrategen ,kuratierten‘ Werken gefüllt scheint das Messegebäude vor kreativer Potenz und wirtschaftlichem Einfluss geradezu zu bersten. Kaum eine Koje erlaubt sich die Bescheidenheit spärlicher Hängung, es wird alles gezeigt, was man hat, wenn auch nur scheinbar, weil viele Wunder andernorts geschehen. Als krönende Dekoration steht ein Wachmann bei Gagosian zwischen Picasso, Warhol und Beuys postiert, als solle er allein dort den Wert des Geboteten schützen. Eine Art Bodygard des Ideellen oder der Personen? Schmerzhaft ist, dass die Galerie eigen+art ihren Zurückhaltung an Neo Rauch ausgerechnet mit dem Aquarell-Helden Martin Eder ausgleicht, ein geradezu abwegig wirkender Versuch oder eine gezielte Herausforderung selbstgewisser Puristen?

Die Wandelgänge zwischen unschätzbar schätzenswerten Dingen, liebenswürdig dezentral platzierter klassischer Moderne und den bisweilen genialischen, aber auch hier gelegentlich ermüdenden zeitgenössischen Bildfindungen bieten Besucherinnen und Besuchern, man möchte sagen wollüstig, unzählige eigene Liebeswahlen an.
Die Beschreibende entwickelt dezente Neigung zu einer hauchzarten Silber-Sprüh-Zeichnung von Heinz Mack bei Sperone Westwater, New York, einem Aquarell von George Grosz bei St. Etienne, ebenfalls New York, und zu den sinnlich-hochabstrakten Werken von Jorinde Voigt (u. a. Klosterfelde, Berlin), die in ,Alleinstellung‘ ihre metaphysischen Hausaufgaben über die menschlichen Verhältnisse im All und Universen von Gefühlen macht und Literatur und Philosophie in Verhältnisse setzt.

Manches, was Installation sein möchte, lässt an Bühnenbild denken, das kann man für eine Schwäche halten, schafft aber auch Zusammenhalt zwischen den Exponaten und Betrachtern als Darstellern. Die Objekt gewordene Idee selbst ist selten noch so zwingend ein wichtiger Gedanke, sodass die Prachtentfaltung teurer Werkstoffe eine gewisse Ehrlichkeit bezeugt. So stehen sie nebeneinander, die reichen und armen Dinge. Schärfe, Witz, Kitsch als Karikatur von Kitsch, die figürliche Darstellung immer gebrochen – oder so schwülstig, dass es nur Richard Prince passiert sein darf, dessen ,normale‘ Zynik so etwas zu rechtfertigen scheint (in Unschärfe verklärtes Portrait einer Freundin).

Es gibt große, ernste und malerische Malerei in allen Fassetten (besonders aufge-fallen die vielen De Koonings, Frank Auerbach und bei den ,statments‘ gelandete Iren: Mairead O’hEocha bei „mothers tankstation“ aus Dublin), aber auch viel malerische Fotografie: Andreas Gurski mit großartig großspurigen Draufsichten, Thomas Ruff mit vielgestaltigen Licht-Gemälden, die in der Hälfte ihrer Größe auch noch ihren Bauhaus-Paten Ehre machen würden, schlichter und (weiterhin) Alltägliches berührend dagegen Thomas Struth mit einer Kindergruppe vor bunt befischtem Aquarium, die letzten ,Infanten‘ in der zoologischen Früherziehung. Shinichi Manayama (bei Bruce Silverstein) abstrahiert den Akt von nackter Bewe-gung und Belichtung zu makellos überdeterminierten gestischen Formgebilden. David La Chapelle steckt auf einem Foto ,erfolgreiche‘ Unternehmer unter den Zeitgenossen in die Rumpelkammer, in der u. a. Hai in Vitrine und Aufblaspudel für ihre Herrchen Hirst und Koons herhalten und mit anderem Werkgerümpel verkörmelt herumfliegen.

In der tradionellen Plastik gibt es mit Thomas Houseago (u. a. bei Richard Gray, New York) eine neue Formung figürlicher Darstellung. In handfüllenden sichtbaren Wülsten und mindestens autogroß geformt führen sie langsam von der Materialität mit Abform-für-den-Guss-Qualität auf die Dimension erkennbarer menschlicher Figur. Wobei Zeichnungen und plastische Arbeiten von Alberto Giacometti die Bezugsgröße bilden, auf die galerieübergreifend figurative Plastik – wie auch Jaume Plensas – ausgerichtet wird.

Die ,unlimited‘ Projekte in der neuen Halle 1 kämpfen mehr oder weniger erfolgreich mit dem Anspruch an Innovation in Größe an Volumen plus Bedeutung, wobei der Drang zur Umgrenzung auch hier Raum greift und Hütten und kleine Hallen in der neuen Halle 1 wie in eine Riesenwerkgarage entstehen. Und eigentlich dominieren geliebte wie bewährte künstlerische Formen, Sujets und Mittel: Das Stilleben, die Naturstudie, die Illusion, die Jahrmarktattraktion. Z. B. indem die pralle Kirsche begehrlich in ihren glanzvollen wie großporigen ,Implikationen‘ als Video zur Darstellung kommt, gegessen und als Perlenohrring (Marijke van Warmerdam, Gelink, Amsterdam). Ernst Caramelle dimensioniert Raumgefüge um, indem er optische Wirkungen skulptual ,zeichnet‘, in reliefhafte Materialgefüge auflöst und damit Wahrnehmung in und als Illusion präsentiert (für Nächst St. Stephan, Wien). Man möchte annehmen, von den oft beschworenen „Absichten des Künstlers“ gehe es um die Bewusstmachung der Wahrnehmung als Illusion, aber unterscheidet die sich weitgehend von der Lust an der Illusion?

Nicht immer ist hier eigentlich klar, ob ein Mehrwert an Reflexion dem großen Ganzen eines Werkes innewohnt, was man für einen Anspruch im Unterschied von Kunst gegenüber Alltag und Design halten könnte, vom Anspruch vertiefter Erfahrung einmal abgesehen. Hallen riesiger Seifenformationen oder im Dunkeln präsentierte Swarowski-Aufträge an ,große Namen‘, wie sie schon lange im Design zu finden sind, unterscheiden sich nicht enorm, mindestens die Sammlung mobiler Lebensmittelanbieter aus vielen Winkeln der Welt, mehrfach ausgestellt von Werbefachleuten wie Meiré & Meiré, lassen den Unterschied verschwinden. Die spirituelle Ladung der Kunst nimmt das Geld und die Werbung für Künstler billigend in Kauf, während das Design die spirituelle Ladung, den Mehrwehrt, zum Zwecke der Werbung und Erhöhung des Umsatzes sucht. Welch zarte Reibung.

Die pastelltönenden Glaskörper von Roni Horn beeindrucken mit technischer Perfektion und dem Unerwarteten, hell und durchscheinend mit rauer Außenfläche und wässrig-glatter Oberfläche sehen sie geleehaft aus, sind aber hart. Dass Glas chemisch betrachtet immer flüssig bleibt, möchte man angesichts dieser schönen, großen, becherförmigen Körper glauben. Es ist unter den Betrachtern von riesigen Geldsummen die Rede, die eine einzige falsche Berührung verschlingen würde. Wer erwirbt schließlich das ,Recht des ersten‘ – Fingerabdruckes? Die Herstellung der geistvollen Pretiosen überschreitet dabei sicher die Produktionskosten von Jahrmarktsattraktionen, allerdings sicher nicht von größeren Kleinteilen der Rüst-ungsindustrie. Ein bisschen paradox oder ,sündig‘ bleibt das neben politischen ,statements‘ und Sozialtraumata sowie historisch wirklicher ,arte povera‘ von Mario Merz schon. Einen lustvollen Übergang bildet Piotr Uklańskis riesiger genähter, mit Adern und Zellstrukturen versehener Eingang eines Rachenraumes (Galerien: De Carlo, Gagosian), der allerdings mehr wie ein Vorhang herabhängt als dass er Zähne zeigte.

Die Globalisierung mit gewaltigen Flüchtlingsstörmen und dramatischen mörderischen Konflikten verwandelt sich für die Messetage neben dem internationalen Bettenlager von Ai Wei Wei in einen leichthin schwebenden Ballon bunter Strickcodes. (,Le monde‘ von Meschac Gaba, vertreten von Stevenson, Cape Town, Johannesburg). Aber auch,„unlimited” (so der Name der Ausstellung in Halle 1) gibt es zarten Hauch von Spurenbildung: Die Spuren der Buchrücken im virtuell-stofflichen Regal von Claudio Parmiggiani leben wiederum von der Illusion, die sich hier im Übergang in die Erinnerung bzw. die Erinnerung im Übergang zur Illusion zu erkennen gibt.

Kluges, Schönes, Prachtvolles, extrem Leichtes und Schweres sind in eine gemeinsame Szene gesetzt, die Konfrontatives scheinbar mühelos integriert, alle Galerien, auch die ,Bestimmer‘ und ,Bestimmerinnen‘, holen etliches vom Besten aus ihren Magazinen – und aus den Künstlerinnen und Künstlern – heraus. Hier begegnen sich also die SammlerInnen und GaleristInnen wieder (die in Köln und zum Teil auch in Berlin weiterhin vermisst werden) zum jährlichen Sittengemälde und gemeinsamen Stil-Leben.

Text und Foto: Petra M. Runge

Bild oben: Art Basel, Blick in den Innenhof

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