Stan Back – aus seinem Nachlass (I)

Der Künstler und Musiker Stan Back ist vor drei Jahren in Costa Rica verschwunden.

Erklärung der Nachlassverwalterin Jules Beauregard

»Fast zu verglühen drohend, ganz nahe am Magma des kreativen Kerns, wenn es denn einen solchen gäbe. Diese Aufzeichnungen sind Fühler, die ganz tief, vielleicht zu tief in die Institution hinein tasten, in die Psyche und die sozialen Beziehungen, die selbst nichts anderes als die Institution konstituieren.«  (Stan Back, im Kapitel: »Ich ist ein sensibler Fühler«)

Nur wenige Tage hatte ich das unbeschreibliche Vergnügen, mit dem Künstler Stan Back zusammenleben zu dürfen. Ich habe ihn auf einer Fähre in Costa Rica getroffen. Daraus entwickelte sich eine persönliche Beziehung. So kurz unsere Bekanntschaft war, so intensiv waren die in einem einsamen Stranddorf verlebten Tage. An einem Tag mit sehr hohen Wellen kam er nicht vom Surfen zurück. Da ich mit ihm das Hotelzimmer teilte, übernahm ich seine Habseligkeiten. Darunter befand sich auch sein Laptop, auf dem ich die hier veröffentlichten Dokumente fand – Texte, Fotografien, Videos, Zeichnungen und Musikaufnahmen. Offensichtlich war vieles von ihm für eine Publikation in einem Buch vorgesehen, denn sie waren mit editorischen Hinweisen versehen; allerdings handelt es sich insgesamt um ein Konvolut von etwa achthundert Seiten. Mir erscheint Stan Backs Nachlass wertvoll, weil er eine hohe Relevanz für die zeitgenössische Kunstdiskussion hat. Auf eine ganz spezielle Weise überwindet er die Grenze zwischen fiktiver Belletristik und theoretischem Sachtext in einer Art Selbst-Ethnographie. Nicht sein Ego stellt er dabei in den Mittelpunkt, wie es so oft in der Popliteratur geschieht, sondern die Sprache der menschlichen Beziehungen und deren Echos. In aufgezeichneten Gesprächen mit Freunden finden sich detaillierte Beschreibungen des zeitgenössischen Kunstbetriebs und in seinen Ängsten und seinen Interessen spiegelt sich die affektierte Deregulation des künstlerischen Lebens. Sein Selbst wird – so romantisch es klingt – zu einer existenzialistischen Raumsonde im Niemandsland künstlerischen Wettbewerbs. Stan Backs umtriebiges Leben steht für einen gesellschaftskritischen Künstler, der die starke Kommerzialisierung der Kunst und Kultur der 2000er Jahre immer mehr als eine Abschaffung künstlerischer Freiheit verstand; er fühlte ein krasses Unbehagen wegen seiner eigenen Unzeitgemäßheit. Stan Back treibt die neoliberale Selbstgefälligkeit ins post-hysterische Herz der Finsternis.

Für die Herausgabe der gefundenen Dokumente nehme ich mir die Freiheit, die unterschiedlichen Mediengenres in einem Film zu mischen. Am Ende wünsche ich mir, dass sie dieses Konvolut von Manuskripten lesen wie einen Roman:
»Ein Roman ist nicht die Beichte eines Autors, sondern die Erforschung dessen, was das menschliche Leben bedeutet in der Falle, zu der unsere Welt geworden ist.« (Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, übersetzt von Susanna Roth, München 1984, S. 212)

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Letzter Eintrag: An der Küste angekommen (Stan Back, 2005)

Es war ihm klar, dass er an einen Endpunkt gekommen war – als wäre er quer durch einen Kontinent gefahren und nun an der Küste angekommen, nach der er sich lange gesehnt hatte. Von der er schon lange geträumt, ja glasklare Bilder vor Augen gehabt hatte. Aber er war nun zweifellos am Ende der Straße; er war am Ziel angekommen, ohne darüber froh zu sein, und deshalb musste er sich nach dem Taumel über die Ankunft erst orientieren. Das war nicht sein Ziel. Irgendwie kam die Sektlaune am Kliff noch nicht richtig auf. Es war offensichtlich nicht sein Ziel. Wenn er mehrjährige Projekte zu Ende brachte, fühlte er sich immer sehr alt und fremd in dieser Welt. Die Situation schrie nach einer Party, nach einem Fest, nach exzessiver Trunkenheit. Doch während er in einem high über das erfolgreiche Projekt nach dem richtigen Platz für eine Ekstase Ausschau hielt, merkte er, dass seine dritte längere Beziehung komplett abgewirtschaftet war. Eigentlich war sie schon vor einem Jahr in beiderseitigem Einverständnis aufgelöst worden, doch hielt man den Pärchen-Status nach außen hin aufrecht, um nicht in das Halbsein des Singles zu verfallen. Er sprach hier nicht von Affären. Es ging viel mehr um Beziehungen. Nicht, dass er sich mit irgendeiner Schuldzuweisung aufhalten wollte, aber das Gefühl nahm mehr und mehr Raum in ihm ein, dass sich die Bedingungen für Beziehungen ganz allgemein und unwiederbringlich verändert hatten. Ihm war nicht klar, ob es sich um eine ganz persönliche oder eine historische gesellschaftliche Entwicklung handelte. Dabei blieb ihm eine einfache Verallgemeinerung suspekt, dass nämlich das ganz Persönliche schon durch seine Veröffentlichung zum allgemein Gesellschaftlichen würde.

An der Küste also allein mit einem riesigen Cabrio angekommen. Doch erst jetzt – am Ende des vermeintlichen Wegs – merkte er, dass er gewisse Aspekte der Partnerschaft vermisste. Irgendein soziales – und er gab es zu – vielleicht sexuelles Loch – wobei er nicht genau lokalisieren konnte, wo dieses sich befand – neben, über, unter oder sogar in ihm. Ein großes Loch. Ohne sagen zu können, ob es eher das Sexuelle war, das mit dem Sozialen zu tun hatte, oder umgekehrt das Soziale eher mit dem Sexuellen, das so in eine Intimität umschlug. Ich muss da dran bleiben, dachte er. Das lässt sich nicht so einfach klären als skulpturaler Prozess oder dramatisiertes Gemälde.

Nun also mit dem Cabrio an der Steilküste angekommen. Definitiv nicht am Eismeer. Im sich lichtenden Nebel kann er keine anderen Figuren erkennen. Manchmal ist die Küste auch mitten in der Stadt, dachte er. Und man muss plötzlich die neue Situation mit einer neuen Sprache, (vielleicht auch nur) mit einer anderen Rhetorik zu fassen suchen.

Pixlig dreht der Mond seine Runden. Beton begreift ihn rau und hart. Der iPod spielt ihm die richtigen Takte, denn was ist eine gewundene Autobahnbrücke über einen Fluss ohne den richtigen Beat? Was ist ein dämmernder Tag ohne den richtigen Takt? Schnitt. Genau deshalb hasst Matias Faldbakkens Hauptfigur, Rebel, die Musik (weil sie auch noch die tristeste Situation beschwingt erscheinen lassen kann oder genießbar emotional auflädt). Schnitt. Ohne Hubschrauber oder Kamerakran könnte er sich nun nicht über diese Szene erheben. Die Technisierung der Wahrnehmung verwebt sich mit der Verwertung dieses Nervenmaterials. Runde um Runde um Runde. Das Leben als Video vor dem Flatscreen. Du schreibst Gegenwart auf deine Netzhaut (und mehr: in dein Hirn). Das echt schmerzhaft schöne Leben gleichzeitig aber abhaut. Als Existenzjob ohne Arbeit.

Neben dem Parkplatz nimmt er einen Espresso in einer typischen Strandkneipe unter der Betonbrücke. Jetzt war er in der Zone angelangt. Jeder Augenaufschlag galt nun zwar nicht gleich als künstlerische Äußerung, jedoch als Puzzleteilchen zu seinem Image. Auf dem Monitor über der Theke sang gerade hysterisch eine merkwürdig zeitgenössische Band:

The hardest song

I’ve ever sung

The strongest line

I’ve ever drawn

After all premises

And all expenses

Have to face all consequences

I draw whatever I saw…

 

Verträumt kehrte seine Aufmerksamkeit zurück zur alltäglichen Thekenexistenz. Im Hintergrund läuft nun ein Bürger-TV eine seltsam geschnittene Sendung über sein Lieblingsthema: die Verifizierung der unbestimmbar schön zu nennenden Empfindung beim Denken. Und betrachtet man die Umgebung von Denkenden selbst: sie wird sofort affiziert von diesen Gedanken – ein ganz spezieller Raum. Plötzlich ist der Stuhl nicht mehr nur ein Stuhl und der Tisch nicht mehr nur ein Tisch. Dieses Denkobjekt »Stuhl« und dieses Denkobjekt »Tisch« dienen plötzlich nicht mehr, sondern taugen zu etwas ganz anderem. Daran sitzen, vielleicht. Sie arbeiten in der Denkfabrik. In der Zone. Intelligence Ambient, aber auf eine ganz andere Art. Hier werden Kunstkritiken getanzt; wieso kann nicht mal jemand Fotografien vorsingen? Als Denkobjekte. In einem Ausstellungsraum als Vorstellungsraum. Vor ganz großem Publikum in einem Alters- oder Obdachlosenheim. Ironiefrei gut.

Hier dann ganz anders: Die hinlänglich vom TV bekannte Legitimation für verbale oder visuelle Schnappschüsse von Menschen in blöden Alltagsituationen ist, dass sie berühmt sind für ihr Berühmtsein: Paris Hilton wie sie auf MTV ihr Bett, ihre Dusche, ihren begehbaren Kleiderschrank zeigt. Oder ein Fotoband mit den schönsten Modells vor dem Frühstück (mit der Illusion aufgeladen, man habe die Nacht zuvor mit ihnen verbracht). Diese Authentizitätshilfskonstruktion gilt auch für die entsprechenden Fotografen: Sie benutzen irgendwann, irgendwo irgendwelche Amateurkameras, und dies gilt als künstlerisch, weil sie keine selbstreflexive Medienkunst machen, die irgendwann früher rein durch den qualitativen Gebrauch des Mediums Fotografie – dokumentiert in teuersten und aufwendigsten Verfahren – definiert wurde. Ihre persönliche Story, ihre Autorschaft formuliert den Kunstanspruch. Sie werden von Kuratoren ausgestellt, die damit selbst auch vor allem ihr eigenes personal image pflegen. So steht ausgerechnet die Ontologie gegenüber den Bestrebungen der 1960er und 70er Jahre in der Kunst Kopf. Zynisch gesprochen: Bourdieus Kulturkapitaltheorie gilt seit 2000 als Manual für die Kunstarbeit. Soll man sich darüber etwa freuen? Die Rechnung zahlt die nächste Generation.   weiterlesen

Stan Back, © Stefan Römer, Fotograf: Franz Wanner

Die Texte von Stan Back werden auf diesem Blog veröffentlicht:    stan-back.tumblr.com

Freier download des pre-release des Stücks: “2nd Class Life” auf   soundcloud.com

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