Hans-Jürgen Krysmanski: 0,1% – Das Imperium der Milliardäre

0,1% und 2012

Am Ende des Katastrophenthrillers 2012 retten sich die Superreichen in Archen vor dem Weltuntergang. Wer nicht zu dieser verschwindend geringen wie übermächtigen Gruppe gehört, hat kaum eine Chance zu überleben. Vermutlich dürfen auch die Heerscharen von Arbeitern, die diese Schiffe erschaffen haben, nicht mit an Bord.

Von allen Klassen sind es die Reichen, die am meisten beachtet und am wenigsten studiert werden, meint der Soziologe Prof. Hans-Jürgen Krysmanski. Mit seinem kämpferischen Buch „0,1%  – Das Imperium der Milliardäre“ liefert er interessante, vielfältige Einblicke in dieses globale Phänomen und wichtige Denkanstöße.

Der marxistisch geprägte Krysmanski schreibt, es heiße immer wieder, dass Reichtum schon bei einem Einkommen von 5000 Euro pro Monat und bei einem Vermögen von 300.000 Euro beginnt. In diesem Rahmen geht es jedoch nur um den politischen und medialen „Reichensteuerkampf“, in dem Angst ums ererbte Reihenhäuschen geschürt und Stimmung gegen die „neidvolle“ Unterschicht gemacht wird, „die nicht arbeiten und trotzdem auch so viel haben will.“ Jenseits dieser Gruppe und der „Wir sind die 99%“-Occupy-Wall-Street-Bewegung geht es ihm um die 0,1% der Reichsten der Reichen. Er baut keine hysterischen Neid- und Ungerechtigkeits-Thesen auf, sondern eine sachliche und beispielsreiche Darstellung des Reichen-Phänomens. Selbst Bankmanager Josef Ackermann, der sich 2004 nach einem Prozess wegen Prämienbetruges in Millionenhöhe mit dem Victory-Zeichen offenherzig unsympathisch zeigte, ist nur ein kleiner Fisch. Man könnte fast Mitleid mit ihm haben, denn der will doch nur spielen und zwar mit den Superreichen, die ihn und uns 99,9% arm aussehen lassen.

Krysmanskis Reise in die Welt der Superreichen wirkt teils wie Science-Fiction mit vertrauten 007-Bösewichtern, die eigene Staaten und Welten wollen. Dazu gehört auch eine verschrobene anonyme mexikanische Milliardärsfamilie, die die Meereswelt erforscht, und andere reiche Wohltäter, die zeigen, dass Geld nicht zwangsweise den Charakter verdirbt. Bemerkenswert ist das 27-stöckige und 173 Meter hohe Privathochhaus Antilia mitten in Mumbay. Es gilt als das größte und teuerste „Einfamilienhaus“ der Welt. Es bedarf 600 Angestellter, aber die Familie ist noch nicht eingezogen, obwohl man ganz einfach mit einem Hubschrauber auf einer der drei Landeplattformen einchecken könnte.

Neben diesen „Schrullen“ ist die Entwicklung des Reichtums jedoch besorgniserregend: Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler sagt, dass in den letzten Jahrzehnten unglaubliche Reichtümer entstanden. Der Welthandel hat sich in den letzten 12 Jahren mehr als verdreifacht. Ziegler meint, dass zum ersten Mal der objektive Mangel besiegt ist. Die Utopie des gemeinsamen Glücks wäre materiell möglich, doch multinationale Konzerne unterbinden dies, wie einst die Kolonialherren. Krysmanski behauptet zugespitzt, dass die herkömmlichen poltischen Systeme immer bedeutungsloser werden: Superreiche stecken nicht nur ihr Geld in Steueroasen, „die Geldeliten verselbständigen sich, sie beginnen im wahrsten Sinne des Wortes, auf eigene Faust mit Söldnerarmeen, privaten Polizei- und Geheimdiensten zu operieren.“ Er stellt die Frage, was noch die bundesdeutsche Politik taugt, wenn z.B. Deutsche-Bank-Aktien zu 50% in ausländischem Besitz sind oder Daimler Benz zu großen Teilen Investoren aus dem Nahen Osten gehört.

Was macht unbegrenzten Reichtum aus? Heinrich Heine erkannte schon 1840, dass die Rothschilds alles gut von ihren Zinsen machen können, aber die Globalisierung und das Internet eröffnen völlig neue Strukturen, um miteinander zu kungeln. Dazu Krysmanski: „Da braut sich etwas zusammen. Schon verlassen Superreiche das sinkende Schiff. Eine ganze Planetarisierung findet statt .Von Manhattan bis Monaco lösen sich die reichsten Leute dieser Erde von allem los und werden zu einer Klasse staatenloser Durchreisender. Menschen geben ihre Staatsbürgerschaft auf, nur um Steuern zu sparen.“ So z.B. Eduardo Saverin, der in David Finchers differenzierter Facebook-Abrechnung THE SOCIAL NETWORK noch als freundlicher Zuckerberg-Partner und Opfer gezeichnet wurde. Saverin gab 2011 die US-Staatsbürgerschaft auf, um beim Börsengang des Unternehmens Millionen von Steuern zu sparen. Die Zahl der „Staatenlosen“ stieg zwischen 2008 und 2011 von 235 auf 1780. Krysmanski sieht eine Nomadisierung der Reichen. Dazu passt es, dass Reiche gern Schiffe bauen lassen. Millionen fließen in immer neue, immer größere Luxusboote, wie die in Hamburg für den russischen Milliardär Roman Abramowitsch gebaute, 162 Meter lange Eclipse. So entsteht die Idee einer staatenlosen Klasse aus lauter Durchreisenden mit ihren selbstgebauten Archen, wodurch die Milliardäre den Kapitalismus zu überwinden versuchen und sich aus eigener Kraft der Forderung „Eat the Rich“ entziehen.

Wolf Jahnke

Hans-Jürgen Krysmanski
0,1% – Das Imperium der Milliardäre
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Westend Verlag; Auflage: 1
ISBN-10: 3864890233
ISBN-13: 978-3864890239

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1 Gedanke zu „Hans-Jürgen Krysmanski: 0,1% – Das Imperium der Milliardäre

  1. versehentlich hatte ich auf Investorensuche für ein Architekturprojekt den „Schraubenkönig“ und dann dessen Tochter angeschrieben, es handelte sich um einen Flugplatzvorschlag, und für ein anderes Projekt hypokaustentemperierter Gebäude die Frau Mohn. In beiden Fällen wußte ich nicht von deren Besitzverhältnissen, war aber erstaunt, daß
    man meine Vorschläge kaum angemessen wertete.
    Ähnliches erfuhr ich bereits bei Kotakten mit der deutschen Großindustrie. Obgleich meine Arbeiten im planerischen und naturwissenschaftlichen Bereich nicht unbekannt waren, fehlte es vollkommen am Interesse.
    Im Blick auf die Zustände und deren Verhältnis zu den technischen
    und wirtschaftlichen Möglichkeiten sind die großen Unterschiede zwischen den staatlichen Bereichen einerseits und denen der gut Besitzenden aber verständlich. Meine Lehrer wiesen vor Jahrzehnten auf die Unzulänglichkeiten deutlich hin.
    Man müßte geeignete Kontakte herstellen..
    Diplomingenieur der Scharounfakultät für Architektur der Technischen Universität Berlin und der Ecole Nationale Superieur des Beaux-Arts Paris vor fast einem halben Jh.
    P.S. an richtigen Projekten mangelt es bestimmt nicht !
    Berlin, den 6.6.2013

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