„Wünsch dir was!“ – das Kino versucht sich als Erlebnisort aufzuwerten…

„Kino – dafür werden Filme gemacht!“ so lautet der Werbespruch der Filmwirtschaft. Doch die Filmangebote aus dem Netz finden immer schneller ihren Weg zum  Fernsehapparat, zum Monitor oder zum iPad. Demgegenüber ist das Kino eine nicht nur schwerfällige Einrichtung, sondern auch eine äußerst reduzierte „Verteilerdose“ der Ware Film. Was also lässt sich die Branche einfallen, um den Besuch der Black Box attraktiver zu machen?

Mehrere Strategien lassen sich derzeit beobachten. Da ist zunächst ein altbekanntes Muster. Wie schon immer, wenn dem Kino Konkurrenzmedien in die Quere kamen – man denke an das Fernsehen in den 1960er Jahren oder an das Aufkommen der VHS-Kassette 20 Jahre später – so versucht es auch jetzt mit einem technisch-ästhetischen Mehrwert zu punkten. Waren es früher die Farbe, das Cinemaskop-Format oder das raumgreifende Dolby Surround System so wollte man in den letzten Jahren mit 3D das Kinoerlebnis aufwerten. Steigende Besucherzahlen und der Gewinn über erhöhte Eintrittspreise ließen die Kinowirtschaft zunächst hoffen. Mittlerweile jedoch ist Ernüchterung eingetreten. Unter Fachleuten gilt als ausgemacht, dass es noch einige Zeit dauern wird bis das Kino die Chancen von 3D überzeugend für sich zu nutzen weiß. Neue Formen, die künstlerisch wirklich innovativ sind und auch die große Leinwand brauchen, müssen erst noch entwickelt werden. In diesem Zusammenhang stellt sich eine für die Zukunft absolut grundsätzliche Frage: Findet das Kino Inhalte und Formen, die das Kino nötig machen?

Oder liegt der einzig charakteristische Mehrwert darin, eine Art „Forum Romanum“ zu sein, wie Volker Schlöndorff einmal sagte. Kino als sozialer Ort, als Treffpunkt zieht vor allem dann an, wenn etwas Besonderes geboten wird. Wenn beispielsweise Schauspieler, Regisseure, Filmleute bei Aufführungen hinzukommen, wenn es interessante Gespräche gibt, Premieren oder sonst etwas Außergewöhnliches, stellt sich der Hype des „dabei-sein-wollens“ ein. „Einmaligkeit“ und „Authentizität“ die wichtigsten Charakteristika, die einst Walter Benjamin für den Mehrwert der Theater- gegenüber der Filmaufführung fand, gelten dann auch für das Kino. Vor allem erklärt dies auch die Attraktivität von Filmfestivals, die als Marketing Idee eine nachgerade inflationäre Entwicklung genommen haben. Mittlerweile hat bald jede Stadt ein Filmfestival. Und interessanterweise schaut sich dort ein Publikum Filme an, die es sonst ignorieren würde. „Events herstellen“ heißt also eine weitere Strategie, um das Kinoerlebnis aufzuwerten.

Erfolgreich lässt sich dieser Ansatz auch im Alltag eines normalen Kinobetriebes verwirklichen. Das zeigt das Programm des „Cinéma Le Balzac“ in Paris. Hier finden nicht nur spezielle Wochenend-Matinées statt, sondern regelmäßige live Musikveranstaltungen und Kleinkunst Vorführungen. Diese machen das Filmtheater zu einem attraktiven Treffpunkt für eine Szene, die nicht nur am Kino interessiert ist. Hinzu kommt – typisch französisch – bei Filmpremieren gibt es ein Glas Champagner für alle und die umliegende Gastronomie sponsert delikate Häppchen. Nicht zuletzt auf Grund des Charmes und der Präsenz des Kinobesitzers  – Jean-Jaques Schpoliansky ist eigentlich so gut wie immer in seinem Kino ansprechbar –  fühlt sich das Publikum mit dem Balzac verbunden und vertraut darauf, dass am Wochenende ein Kinoabend bei Patron Schpoliansky immer etwas Besonderes ist.

Die rein aufs Kommerzielle eingedampfte Strategie der Kundenbindung kommt, wie könnte es anders sein, aus den USA. „Premium Cinema“ heißt dieses Konzept und ist bei genauerer Betrachtung nichts anderes als eine aufgehübschte Variante des Multiplex Kinos. Der Filmbesuch wird dabei lediglich zu einer der vielen Haltestationen auf einer Plattform der Vollversorgung an Unterhaltungsangeboten. Von der Pizzeria ins Kino zum Bowling in die Disko, und alles unter einem Dach, vor allem ein junges Klientel findet derlei attraktiv. Eine andere Umsetzung der Idee des „Premium Cinemas“ findet man in Berlin in der Astor Film Lounge. Hier wird versucht die Grandezza der verschwundenen Kinopaläste früherer Zeiten wieder zum Leben zu erwecken. Kinos, die gepflegt wirken und vor allem durch ein schönes architektonisches Ambiente bestechen, kommen bei einem älteren und zahlungskräftigen Klientel an. Doch auch die Astor Film Lounge bietet mehr. Live über Satellit werden Konzerte und Opernaufführungen übertragen und Komfort und Service werden groß geschrieben. Das Auto kann man sich in die Garage fahren lassen und Getränke und Speisen werden am Platz serviert.

Aber es gibt auch Konzepte, die versuchen das streng angebotsorientierte Kino aufzubrechen. Bei „Moviac“ beispielsweise kann man sich auf einer Website den Film seiner Wahl aussuchen. Finden sich über Schneeballsystem im Netz genügend andere Interessierte so bietet der Kinobesitzer diesen Film an. Mit diesem „Wünsch Dir was“-Prinzip versucht das Kino sich zu öffnen, flexibler zu werden und auf  Filmvorlieben der Kunden zu reagieren. Gleichzeitig bildet sich so eine Community von Zuschauern, die denselben Geschmack haben und sich im Kino näher kennenlernen können. Angesichts zunehmender Nutzerorientierung und freier Verfügbarkeit von Entertainment-Angeboten scheint dieser Ansatz Kino zeitgemäßer zu machen einleuchtend.

Ob allerdings die hier vorgestellten Strategien und Konzepte auf Dauer erfolgversprechend sind, oder welche anderen Formen noch entstehen werden um den Kinobesuch aufzuwerten, bleibt abzuwarten. In den USA jedenfalls sind die Kinobesitzer derzeit in höchster Alarmstufe. Video on demand, die Möglichkeit Filme immer früher und immer preisgünstiger am Fernseher abzurufen, ist die große Herausforderung der Zukunft. Auch die Regisseure werden langsam nervös. Kein geringerer als James Cameron äußerte sich jüngst in einem offenen Brief besorgt. Das Kinoerlebnis sei das Herzstück der gesamten Filmindustrie und müsse geschützt und verteidigt werden, schrieb er. Dem wird jeder Cineast spontan zustimmen. Aber im Kino einfach nur Filme abspielen, das wird wohl auf Dauer nicht ausreichen.

Daniela Kloock

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