Hitchcock vertrat die These, dass es vor allem schlechte Kriminalromane sind, die sich hervorragend für Verfilmungen eignen, gute hingegen würden sich sperren. Rob Smiths Debüt-Roman „Kind 44“ ist ein exzellenter Krimi. Der Film danach ist es nicht. Hitchcock hatte wohl recht.

Die Film-Story hält sich grob an das Handlungsgerüst der Vorlage, die übrigens von Tatsachen angeregt wurde: 1953. Geheimdienstoffizier Demidow (Tom Hardy) dient brav. Er empfängt Befehle und führt sie aus Befehle. Zweifel kennt er nicht. Die Partei hat immer recht. Und Stalin ist gottgleich, er ist unantastbar. Selbst das Dogma, im Sozialismus könne es niemals Verbrechen wie im Kapitalismus geben, nimmt Demidow willenlos hin. Als aber wegen des Dogmas eine Serie von Morden an Kindern vertuscht werden soll, beginnt er nachzudenken. Und er lehnt sich auf. Das beschert ihm und seiner Familie die Verbannung aus Moskau in die Provinz. Aber Demidow will die Wahrheit wissen, koste es ihn, was es wolle..

Regie geführt hat der chilenisch-schwedische Regisseur Daniel Espinosa, der vor drei Jahren mit „Safe House“ erfolgreich in Hollywood debütiert hat. Offenbar denkt er, der häufige Einsatz einer wackligen Handkamera genügt, um für Spannung zu sorgen. Doch das genügt nicht. Dazu kommen Veränderungen vom Buch zum Film, die unverständlich sind. Kürzungen sind nötig, klar. Doch es ist ein Rätsel, warum die Figurenkonstellationen und die Charaktere extrem vereinfacht worden sind. Das nimmt Gehalt und Spannung, raubt dem Film die dem Buch innewohnende Komplexität.  Zudem fehlt die im Roman wichtige Reflexion stalinistischer Verbrechen der frühen 1930er Jahre und damit ein Verweis auf die gesellschaftlichen Zustände, die zu Verbrechen führen mussten. Im Film erscheint die Geschichte arg dünn und konstruiert, weil nur noch auf Äußerlichkeiten fußend, die fade an uralte anti-russische Propagandaklischees erinnern.

Immerhin kann Tom Hardy („Mad Max: Fury Road“) Demidow glaubwürdig Gestalt verleihen und einen eigenständigen Charme. Wenigstens ihm sieht man gern zu und bleibt dran. Eines lässt einen übrigens staunen: die deutsche Synchronfassung ist besser als das Original. Da müssen die Akteure nämlich ein schauderhaft lächerliches Englisch mit russischem Akzent radebrechen. Das, wenigstens, bleibt uns erspart.

Peter Claus

Bilder: Concorde

Kind 44, von Daniel Espinosa  (USA 2014)

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