Tulpenfieber (Regie: Justin Chadwick)

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Tom Stoppard gehört zweifellos zu den cleversten Drehbuchautoren der letzten Jahrzehnte. Wer erinnert sich nicht mit Freude an „Shakespeare in Love“, die knallbunte Phantasie um die Entstehung der Tragödie „Romeo und Julia“. Hierbei, vor etwa zwei Jahrzehnten, war Tom Stoppard Drehbuchmitautor. Dieses Mal zeichnet er allein für das Skript verantwortlich. Und man kann nur den Hut ziehen, ob der intelligent ausgebreiteten Fabulierlust.

Krimi, Lovestory und Gesellschaftsdrama – Vielfalt ist angesagt. Die Erzählung führt nach Amsterdam, ins erste Viertel des 17. Jahrhunderts. Der Kaufmann Cornelis Sandvoort (Christoph Waltz) liebt vor allem seinen enormen Besitz. Sophia (Alicia Vikander), seine junge Frau, ist das Schönste, was er sein eigen nennt. Doch mehr als ein Besitzstück ist sie nicht wirklich für ihn. Ein Juwel, mit dem sich gut angeben lässt. Weswegen er beim angesagten Maler Jan Van Loos (DaneDeHaan) ein Doppelporträt bestellt … Künstler und Kaufmannsfrau verbindet bald mehr als erlaubt. Die Leidenschaft bricht sich Bahn. Ist es Liebe? Jan jedenfalls will mit der Angebeteten fliehen. Doch dazu braucht’s Geld. Weshalb sich der Schöngeist auf ein riskantes Geschäft einlässt: den Handel mit Tulpen. Mit einzelnen Zwiebeln lassen sich immense Summen erzielen. Denn ganz Holland suhlt sich in einer gigantischen Finanzblase ob der Blumenpracht. Doch das Risiko ist hoch. Ganz schnell kann auch sehr viel Geld verloren gehen. Und was mag wohl aus der großen Liebe werden, falls das Geschäft platzt? Und überhaupt: Liebe und Geld – passt das zusammen?

Als erstes fesselt der Film durch die diversen Charaktere. Oft weiß man als Zuschauer nicht, wessen Worte echt, wessen Geste falsch ist. Daraus ergibt sich manche Überraschung. Genuss wird vor allem optisch geboten. Die Ausstattung ist exquisit, ebenso die Kameraführung. Oft meint man, die Protagonisten agierten in einem lebendig gewordenen Gemälde. Was nie angestaubt oder konstruiert anmutet. Der dänische Kameramann Eigil Bryld („Brügge sehen … und sterben?“) hat genau die richtige Balance zwischen Zeichnung des Milieus und Zeichnung der Charaktere gefunden. Sein geschicktes Spiel von Licht und Schatten führt zu Kinobildern von satter Schönheit.

Und, klar, die Akteure haben einen hohen Anteil am Spaß. Vor allem begeistert Alicia Vikander im Part der jungen Frau, die zwischen ihren persönlichen Empfindungen und den gesellschaftlichen Erwartungen lebt. Von Tom Stoppard mit bezaubernd-hintersinnigen Dialogen bedacht, gibt sie der Sophia eine wunderbare Eigensinnigkeit. Ständig umwebt die von ihr – mit spürbarer Lust am Spiel – gestaltete Frauenfigur zugleich die Aura engelhafter Leichtigkeit und burschikoser Durchtriebenheit. Die schwedische Schauspielerin Alicia Vikander, die 2016 den „Oscar“ als beste Nebendarstellerin für ihre Leistung in „The Danish Girl“ bekommen hat, entfaltet (wieder einmal!) eine ganz eigene, flirrende Erotik, die nie ins Vulgäre abgleitet. Ihr zuzusehen, ja, sich ihr hinzugeben, ist reine Lust. An ihrer Seite zeigt Dane DeHaan, wie jüngst in „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“, dass er zu den begabtesten Komödianten der jüngeren Schauspieler-Generation Hollywoods gehört. Und dann tritt auch Judy Dench in einer Nebenrolle auf: erwartungsgemäß präzise, lakonisch, mit scharfer Komik brillierend. Sie bringt – als alles andere, als moralisch einwandfreie Äbtissin – die Moral auf den Punkt.

Hier wird Gesellschaftskritik höchst vergnüglich ausgebreitet: ganz nebenbei, sich nicht in den Vordergrund drängend. Die erfundene Geschichte vor dem Hintergrund des historisch verbürgten ersten Börsencrashs in Westeuropa im Jahr 1636 geißelt geschickt die heute ins geradezu Unfassbare gesteigerte Profitgier. Man erschrickt wieder mal, wie wenig die Menschheit aus ihren Fehlern lernt.

Peter Claus

Bilder: © Prokino

Tulpenfieber, von Justin Chadwick (USA / Großbritannien 2017)

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