Oscars (2002)

Die Botschaft einer Nacht

Im März nach dem September: Hollywood setzt auf  Schwarz

Der Dichter Christian Friedrich Hebbel, so wird erzählt, habe einmal seufzend konstatiert “Bald fehlt uns der Becher, bald fehlt uns der Wein”. Da lag er zum Tode hin und hörte, der König habe ihn endlich mit einem Orden geehrt. Sein Leben zu bilanzieren hat Russell Crowe nun wohl keinen Anlass, aber womöglich wird er nachdenklich das mitunter merkwürdige Verhältnis betrachten, in dem sich eine Leistung und ihre Anerkennung befinden können. Anregungen dazu böte ihm diese Oscar-Nacht genug.

Den Oscar für den besten Hauptdarsteller wird man Denzel Washington als zynischen Polizisten in Training Day kaum missgönnen können, der Schauspieler ist ein würdiger Preisträger. Doch Crowes darstellerische Leistung war gewiss das Beste am besten Film der Saison, dem Königs-Titel, für den zudem noch Ron Howard bester Regisseur wurde und Jennifer Connelly beste Darstellerin einer Nebenrolle. Crowe aber ging leer aus, denn er hatte schon einen Oscar im vergangenen Jahr als Gladiator erhalten. Das war gut gemachtes Unterhaltungskino, aber weder ein bester Film noch ein bester Schauspieler. Der hätte, ginge es bei solchen Anlässen um die reine Kunstleistung, Tom Hanks werden müssen für Verschollen doch der hatte schon zwei. Außerdem hätte Crowe den Preis beinahe schon im Jahr davor als Insider gewonnen und verlor knapp gegen Kevin Spacey und American Beauty, vielleicht, dass man ihn noch etwas schuldig war. Das mag tröstlich sein, und in einem höheren Sinne liegt auch eine Art von Gerechtigkeit darin, dass Russell Crowe im vergangenen Jahr den richtigen Preis für den falschen Film erhielt, doch eine Merkwürdigkeit bleibt es schon. Denn es bedeutet, dass für A Beautiful Mind, den eindeutigen Gewinner der Oscar-Saison, ausgerechnet der Künstler nicht ausgezeichnet wurde, dem dieser Film seine Substanz verdankt. Denn ohne den alles überstrahlenden Russell Crowe wäre dieser Film erkennbar als die eher durchschnittliche Konstruktion, die er wohl ist.

Doch Hollywood hatte, in der ersten Glamour-Nacht nach dem 11. September, nach der Frage also, wie man feiert nach dem World Trade Center, so etwas wie eine nationale Aufgabe und es hat sie glänzend gelöst. Denn noch niemals in seiner über siebzigjährigen Geschichte hat sich die Oscar-Vergabe auf solch unaufdringliche Weise so patriotisch gegeben. Die beiden für Schauspieler wichtigsten Preise der Welt an zwei schwarze Künstler, dazu einen Ehren-Oscar für Sidney Poitier (der einst der erste farbige Preisträger überhaupt war), assistiert von Robert Redford: so schwarz war der Oscar noch nie und so national auch nicht. Denn mit diesem ersten schwarzen Doppelsieg, dazu wurde der Abend noch von Whoopie Goldberg moderiert, zeigte Hollywood, ungleich stärker als mit dem gescheiterten patriotischen Tiefflieger Pearl Harbor, das dieses Land eine starke, eine geschlossene Nation ist, deren Konstituante nicht eine Farbe ist oder eine Religion sondern der Glauben an dieses Land. Mit ein wenig Zynismus ließe sich, deutsche Geschichte variierend, die Botschaft dieser Nacht so beschreiben: Wir kennen keine Neger mehr, wir kennen nur noch Amerikaner. Überzeugender hat Hollywood noch nie auf eine ausserkünstlerische Situation reagiert wie mit dieser schwarzen Nacht nach dem schwarzen September. Dies so zu sehen bedeutet übrigens keine Wertung der ausgezeichneten Leistungen, zumal Monsters Ball, für den Halle Berry beste Schauspielerin wurde, hier noch nicht lief.

Die künstlerischen Entscheidungen sind weithin nachvollziehbar. Herr der Ringe mit einer Reihe von Preisen für Effects zu ehren, setzt ihn auf den zweiten Platz der Saison, während sein unmittelbarer Gegenspieler, Harry Potter gar nicht erst gehandelt wurde. Die Verlierer dieser Nacht sind Amelie und Die Royal Tenenbaums. Es mag begründet sein, den so zauberhaften wie oberflächlichen französischen Film nicht mit dem Auslandsoscar zu ehren, wenngleich den Sieger hier noch niemand kennt. Dass aber eine bei allen Einwänden doch eindrückliche Arbeit wie die von Wes Anderson in den gleichsam Charts der Saison nicht einmal vorkommt, dass muss man bedauern. Wohingegen das Verweisen von Moulin Rouge auf die ihn gebührenden hinteren Plätze nur zu begüßen ist. Und Shrek als Sieger der neuen Kategorie Animationsfilm beschreibt präzise die Möglichkeit der Animation: das Sentiment zu pflegen und selbstironisch zu unterlaufen.

Als Wesley Snipes als Passagier 57 einen Flugzeugentführer bekämpft, gibt er diesem einen Rat fürs Roulette: Setzen Sie auf Schwarz. Die Flugzeuge vom September des vergangenen Jahres haben das wohl zum Credo der Academy gemacht.

Autor: Henryk Goldberg

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