Jong Uk Yun: Die Spielfilme von Ken Loach – Perspektive eines realistischen Kinos


Ken Loach (Dreharbeiten "Looking for Eric", Delphi)


Ken Loach ist ein politischer Regisseur. Er hat Filme aus dem Herzen der britischen Arbeiterklasse gemacht, oder über die miserable Situation von Emigranten, die als Billigarbeiter eingesetzt werden, über die Privatisierung der britischen Bahn und über die Gefühlslage und das Dilemmata der einfachen Menschen, die unter dem leiden müssen, was das neoliberale Regime ihnen als Rest-Leben zubilligt. In der Filmkritik hat ihm dieses Engagement nicht nur Freunde eingetragen. Regelmäßig wird über die Schwarz-Weiß-Zeichnung in seinen Filmen lamentiert und darüber der zweite, der genaue Blick, vergessen. Loach selber ist das natürlich nicht entgangen. Der britische Regisseur seufzte in einem Interview einmal bedrückt auf, alle betrachteten seine Filme ausschließlich inhaltlich und bezögen sich auf Handlung oder politischen Gehalt, kein Mensch jedoch kümmere sich um ihre Form.

Tatsächlich würde niemand so schnell auf die Idee kommen, ein Buch mit dem Titel „Mister Loach, wie haben Sie das gemacht?“ zu schreiben. Doch genau darin liegt die Tücke. Er schafft es regelmäßig, dass die Zuschauer das vermittelnde Kamera-Auge vergessen. Entweder filmt er wirklich nur, was ist, oder er ist besonders geschickt darin, seine Spuren zu verwischen. Jong Uk Yun könnte sich diese Klage von Ken Loach zu Herzen genommen haben. Der Autor entscheidet sich für letzteres. In seiner grundsoliden Studie konzentriert er sich auf die unterschiedlichen Arbeitsphasen von Loach sowie den wechselnden Einsatz filmischer Mittel – von der Zeit der Fernsehspiele Anfang der sechziger Jahre, als Loach und andere die ‚Nats‘, die naturalistischen Fernsehspiele der BBC, durch avancierte technische Verfahren wie etwa Zwischentitel, an Brecht und die Nouvelle Vague anschließende Verfremdung, in die Kamera sprechende Figuren, reformierte – bis hin zu den am Melodram orientierten und den Post-Thatcher Filmen der letzten zehn, fünfzehn Jahre. Nur ein Beispiel: „Ladybird Ladybird“ unterscheidet eben nicht, wie viele Kritiker bemängelten, die Figuren in eindeutig gut und böse; die subjektive Kamera versetzt den Zuschauer an die Stelle des (vermeintlich und zumeist tatsächlich) schurkischen Sozialarbeiters. Aus dieser fremden Perspektive sieht das Verhalten der Frau und Mutter, der die britische Sozialstaatsbürokratie übel mitspielt, ausgesprochen fragwürdig aus. Die Rollen sind eben nicht klar verteilt, nur ein eingeschliffenes Loach-Bild verhindert, dass die tatsächlich vorhandene, genaue Differenzierungsarbeit des Regisseurs registriert wird.

Jong Uk Yun erklärt, wie Mister Loach es gemacht hat, von der Geldbeschaffung für seine Produktionen bis zur Kameraarbeit. Die politische Botschaft steckt in der Form – genau wie bei Hitchcock. „Perspektive eines realistischen Kinos“ lautet der Untertitel. Das ist ein Problem, denn was ist realistisches Kino? Der Begriff ‚Realismus‘ hat bereits viel Unheil angerichtet. Als Maßstab gilt gemeinhin der bürgerliche Realismus des 19. Jahrhunderts, doch wer den Begriff heute als Richtschnur ästhetischer Bewertung verwendet, meint in der Regel ein am Naturalismus orientiertes Konzept. Das Dargestellte soll irgendwie wieder erkennbar sein, also alltagsnah sein, typische Charaktere aufweisen, nicht mittels auffälliger Stilisierung oder formaler Experimente zustande gekommen sein. Die Verhältnisse bleiben in dieser Kunst übersichtlich, so dass sie sich dem Bürger ohne aufwendige Umwege offenbaren.

Was ‚realistisch‘ ist, hängt also davon ab, was dargestellt werden soll und welche Mittel und Techniken dazu erforderlich sind. Ken Loach ist realistisch; wie wenige andere hat er das neoliberale Regime und seine Auswirkungen auf den Alltag der Arbeiter und der einfachen Menschen in seinen Filmen thematisiert. Allerdings ist es ein Missverständnis, dass er ein schlichter ‚Realist‘ ist, und nicht etwa ein Regisseur, der sich formal reflektierter Mittel bedient. Die Vorurteile gegenüber dem politischen Kino, dem gerne eine schlichte und vorhersehbare Botschaft zugesprochen wird, werden in diesem – bezogen auf das umfangreiche Werk von Ken Loach allerdings nur fragmentarisch bleibenden – Buch revidiert. Politisches Kino und avancierte Techniken sind auch hier keinesfalls Widersprüche.

Text: Mario Scalla

Erschienen: epd film Ausgabe 2/2011 (hier: für getidan erweiterte Fassung)


Jong Uk Yun 
Die Spielfilme von Ken Loach – Perspektive eines realistischen Kinos

Büchner Verlag, 215 Seiten, 26 Euro

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