MORAL – 19. Rohkunstbau Ausstellung in Roskow

Katharina Sieverding | NORAD III XX/80, 1980 | C-Print, Acrylic, Steel 300 x 375 cm<br />Foto: Klaus Mettig, VG Bild-Kunst Bonn, 2013  © Katharina Sieverding, VG Bild-Kunst Bonn, 2013, Courtesy the Artist<span
Katharina Sieverding | NORAD III XX/80, 1980 | C-Print, Acrylic, Steel 300 x 375 cm
Foto: Klaus Mettig, VG Bild-Kunst Bonn, 2013
© Katharina Sieverding, VG Bild-Kunst Bonn, 2013, Courtesy the Artist

Stimmige Ortswahl

Kunst auf dem platten Land

Endlich wieder der ursprüngliche Charme des Provisorischen und Beiläufigen

Dass moralisches Verhalten zwangsläufig zum Besseren führt, bezweifelt Zlatko Kopljar. Darf man annehmen, als kroatischer Künstler habe er besonderen Anlass, skeptisch zu sein? Ob nicht der, der seine Hände in Unschuld wäscht, am Ende seinen Kopf in Blut taucht? So wie er es in einer siebenteiligen Fotoserie zeigt.

Kopljars düstere Arbeit macht den Auftakt zur 19. Rohkunstbau-Schau im havelländischen Roskow. Und wohin man auch schaut in dem zehnteiligen Kunstparcours, es wimmelt nur so von moralischen Dilemmata und Moralskepsis. Auch Valérie Favre arbeitet mit dem Bild der Hände, die man in Unschuld waschen möchte, wenn sie vor ihr Diptychon „Moral“ ein Stück Seife hängt.

„Die Sonne um Mitternacht schauen (blue)“ nennt Katharina Sieverding ihre Arbeit aus dem Jahr 2013, in der sie den glühenden Feuerball mit blauer Folie überzogen hat. Aus über 100.000 frei zugänglichen Bildern der Nasa zusammengestellt, demonstriert ihre serielle Reihung: Überall droht die moralische Sonnenfinsternis.

Marcel Bühler Tristesse Bourgeoise, 2010 Aluminium, Acrylglasspiegel, Kabel, Silberfolie, LEDs, 110 cm (Durchmesser) x 15 cm<br />Foto: Matthias Leupold © VG Bildkunst Bonn 2013 Courtesy Andrae Kaufmann Gallery, Berlin
Marcel Bühler Tristesse Bourgeoise, 2010
Aluminium, Acrylglasspiegel, Kabel, Silberfolie, LEDs, 110 cm (Durchmesser) x 15 cm
Foto: Matthias Leupold © VG Bildkunst Bonn 2013 Courtesy Andrae Kaufmann Gallery, Berlin

Rohkunstbau, der Name, den der Stahnsdorfer Augenarzt Arvid Boellert, der Gründer der Schau, seiner Ausstellung für Gegenwartskunst 1994 gab, wirkt in diesem Jahr besonders sinnfällig. Denn im Innern von Schloss Roskow, das diesmal den Schauplatz der privaten Initiative hergibt, knarren die Dielen und außen bröckelt der Putz.

Zehn viel versprechende Künstler und Künstlerinnen

So bildet der dreiflügelige Barockbau, der Anfang des 18. Jahrhunderts als Landsitz des altmärkischen Adelsgeschlechtes von Katte errichtet und nach dem Krieg erst als Flüchtlingslager und dann als Schulgebäude genutzt wurde, eine gleichermaßen rohe wie romantische Kulisse für die zehn vielversprechenden Künstler aus aller Welt, die jedes Mal dabei sind.

Das Aus der Schau schien ja schon besiegelt. Im letzten Jahr hatte das Land Brandenburg dem Unternehmen die Fördergelder gestrichen. In den kleinen, beziehungsreich inszenierten Ausstellungen wurden große Themen freilich oft besser abgehandelt als auf vielen Biennalen – selbst dort, wo Mark Gisbourne, der britische Kurator, sie mit einem etwas überambitionierten Überbau versah. Seit 2011 gibt etwa Wagners „Ring“ die Hintergrundmusik ab, vor der Themen wie Macht und Moral behandelt werden. Wobei: Wirklich stringent verfolgt Gisbourne seine These dann doch nicht.

Michael Wutz | A. 71 N I, 2012 | Tusche und Buntstift auf Papier 92,6 x 51,2 cm Foto: Roman März, Berlin, Privatsammlung, Berlin<br />© Michael Wutz und Aurel Scheibler, Courtesy Aurel Scheibler, Berlin
Michael Wutz | A. 71 N I, 2012 | Tusche und Buntstift auf Papier 92,6 x 51,2 cm
Foto: Roman März, Berlin, Privatsammlung, Berlin
© Michael Wutz und Aurel Scheibler, Courtesy Aurel Scheibler, Berlin

Philip Fürhöfers beleuchtete Skulpturen aus gebogenem Plexiglas haben damit nicht viel mehr zu tun, als dass sie das dramatische Prinzip der Oper aufrufen, mit den Titeln „Freischütz“ und „Wolfsschlucht“ allerdings auf Weber verweisen. Ming Wongs Videoarbeit „Making Chinatown“ kennt Wagner noch weniger. In ihr unterläuft der Künstler aus Singapur die Geschlechterrollen in Roman Polanskis Klassiker dadurch, dass er alle Rollen selbst spielt.

Wer den Überbau des Unternehmens vergisst, kann die Schau am besten genießen, die wieder den Charme des Provisorischen und Beiläufigen verströmt, der am Beginn des Ausstellungsprojekts stand und später schwerer Bedeutungshuberei wich.

Ming Wong Making Chinatown, 2012 Multi-channel HD video installation with sound © Ming Wong, Courtesy Ming Wong, Vitamin Creative Space, Guangzhou und carlier|gebauer, Berlin
Ming Wong | Making Chinatown, 2012 | Multi-channel HD video installation with sound
© Ming Wong, Courtesy Ming Wong, Vitamin Creative Space, Guangzhou und carlier|gebauer, Berlin

Das Jahr Pause hat dem „Rohkunstbau“ gut getan

Musste bei der letzten Ausgabe unbedingt noch EU-Kommissionspräsident Barroso den Schirmherrn machen, kommt sie diesmal ohne politische Überväter aus. Und statt der aufwändigen Farbkataloge funktioniert das fotokopierte Begleitheft in Schwarz-Weiß auch ganz gut. Der abgespeckte Etat und das Jahr Kunstpause haben „Rohkunstbau“ sichtlich gut getan.

Auch die Ortswahl ist in diesem Jahr besonders stimmig. Schloss Roskow ruft noch einmal den paradigmatischen Konflikt zwischen öffentlicher Moral und privatem Begehren auf, den Mark Gisbourne zum Leitthema bestimmt hat. Bekanntlich musste Friedrich von Preußen 1730 vom Fenster seiner Küstriner Gefängniszelle zusehen, wie sein Offizierskollege und mutmaßlicher Intimfreund Hans Hermann von Katte enthauptet wurde, weil er dem damaligen preußischen Kronprinzen angeblich zur Flucht vor seinem Vater nach Frankreich hatte verhelfen wollen.

Margret Eichler Heroes 2, 2012 Digitale Montage/Jacquard 300 x 300 cm, Ed. 3 Foto: Sabine Kress, Mannheim  © VG Bildkunst Bonn 2013, Courtesy Margret Eicher
Margret Eichler Heroes 2, 2012 Digitale Montage/Jacquard 300 x 300 cm, Ed. 3 Foto: Sabine Kress, Mannheim
© VG Bildkunst Bonn 2013, Courtesy Margret Eicher

Nur wenige Arbeiten nehmen den Kontext des Ortes auf. Margret Eichers Wandteppiche thematisieren den Wechsel von der Aristokratie zur Prominenz. Auf ihnen tummeln sich statt Adelsensembles Ikonen der postmodernen Alltagskultur: Lara Croft, der russische Putin-Kritiker Michail Chodorkowski oder der Gangster-Rapper Nelly. Am deutlichsten schlägt noch der Berliner Künstler Michael Wutz den Bogen zum Schloss und dem Fall Katte.

Wutz spielt auf das Wagner-Motiv Inzest an, wenn er mit bunter Kreide den fiktiven Stammbaum des Adelsgeschlechts auf eine Schultafel malt. Das sieht aus wie eine Mischung aus Joseph Beuys und Rudolf Steiner. Auf den Radierungen und Collagen seiner raumfüllenden Installation finden sich Totenköpfe, die in Vogelnestern liegen. Wieder so eine düstere Botschaft eines Kurators, der Moral am liebsten als tragische Kategorie aufruft. Wer sie beschwört, endet in ihren Schädelstätten.

Ingo Arend (taz 29.08.2013)

Marcel Bühler | The Mistake (letzter Fehler), 2011 | Collage (Papier, Prägeband) 29,7 x 42,0 cm<br />Foto: Marcel Bühler © VG Bildkunst Bonn 2013,  Courtesy Essays &amp; Observations, Berlin und Andrae Kaufmann Gallery, Berlin
Marcel Bühler | The Mistake (letzter Fehler), 2011 | Collage (Papier, Prägeband) 29,7 x 42,0 cm
Foto: Marcel Bühler © VG Bildkunst Bonn 2013,
Courtesy Essays & Observations, Berlin und Andrae Kaufmann Gallery, Berlin

MORAL
AUSSTELLUNG
bis 22. 9. 2013 Schloss Roskow

Katalog: kostenlos

www.rohkunstbau.de

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